War die Thailänderin mit Niederlassungsbewilligung vor Jahren eine «raffgierige und despotische Puffmutter» oder «ein herzensguter Mensch, der aus Mitleid Landsfrauen, die sich prostituierten, Obdach gewährte»? Die Einschätzung der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung hätten am Dienstag am Obergericht nicht weiter auseinander liegen können.

Die Berufungsverhandlung zeigte, welche Herausforderungen Prozesse rund um Menschenhandel bieten: Im undurchsichtigen Geflecht von Abhängigkeit, Loyalität, raschen Ortswechseln und Unmengen von Spitznamen sind die Beweisführung schwierig und die Verfahren kompliziert. Seit dem Urteil der ersten Instanz hat sich eine der fünf Privatklägerinnen aus dem Verfahren zurückgezogen.

Die Beschuldigte, 55-jährig, eine kleine, rundliche Person mit diversen gesundheitlichen Problemen, ist seit bald drei Jahren inhaftiert. Die Ausbeutung, die sie in ihrem Studio «New Paradise» in Balsthal in den Jahren 2011 bis 2014 an fünf jungen Prostituierten begangen haben soll, hat ihr am Amtsgericht Thal-Gäu letztes Jahr eine Haftstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten eingebracht. Dazu eine Geldstrafe und eine Busse.

Die Vorwürfe sind gravierend: Menschenhandel, Förderung der Prostitution, Förderung des rechtswidrigen Aufenthalts in der Absicht sich zu bereichern und Beschäftigung von Ausländern ohne Bewilligung. Hinzu kommen Drogendelikte. Neben eigenem Konsum von Methamphetamin (Ice), habe sie die Substanz ihren Prostituierten aufgedrängt, so die Anklage.

Rund um die Uhr und ohne freie Tage hätten die Frauen anschaffen müssen, auch mit ungeschütztem Oralverkehr. Von dem versprochenen Geld – 50 Prozent der Erlöse aus der Prostitution – hätten sie aufgrund von Schuldknechtschaft und Abzüge für Verpflegung und Internet nichts oder kaum etwas erhalten, lässt sich in der Anklageschrift weiter nachlesen.

Zeugenaussagen angezweifelt

Nur den Schuldspruch zur illegalen Beschäftigung von Ausländern sowie für ihren persönlichen Drogenkonsum akzeptierte die Angeklagte. In den übrigen Anklagepunkten forderte Pflichtverteidiger Christian Werner Freisprüche.

Eine Entschädigung für die überlange Haft und lediglich eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 30 Franken bei einer Probezeit von zwei Jahren. Minutiös zerpflückte Werner die Argumentation der Vorinstanz, die «keine umfassende Würdigung des Sachverhalts» geleistet habe. «Das Urteil basiert schlicht auf unzutreffenden Annahmen», zumal die Verlässlichkeit der Zeugenaussagen zweifelhaft sei.

So seien die Geschichten um Ablösesummen von Frauen aus anderen Etablissements «äusserst nebulös». Die Frauen seien weder ausgebeutet worden noch hätten sie unter Zwang gestanden. «Sie haben das Haus jederzeit verlassen können, was einige auch getan haben, sogar für mehrere Monate», argumentierte der Verteidiger.

Filz in der Thaiszene

Auch die Staatsanwaltschaft hat das Urteil weitergezogen – mit der Forderung nach einer längeren Haftstrafe, im Ausmass von 78 Monaten. Staatsanwältin Regula Echle stellte das aktuelle Verfahren in den landesweiten Kontext. In der Prostitution habe man in der Thaiszene «in der ganzen Schweiz fast kartellartige Absprachen» gefunden. Die Anklage gegen die ehemalige «New Paradise»-Betreiberin sei im Rahmen der «Aktion Smile» erfolgt, welche die Staatsanwaltschaft seit längerem beschäftigt.

In Echles Augen stehen die Zeugenaussagen und damit die Anklagepunkte auf solidem Fundament. Die Selbstwahrnehmung der Angeklagten als «treu sorgende Mutter» entbehre jeder Grundlage. «Sie hat genau um die Abhängigkeit und die Verschuldung der Frauen gewusst und ihre Machtposition ausgenutzt.»

Die angebliche Zustimmung der Prostituierten zu ihrer Tätigkeit sei mangels Alternativen nichtig. Ohne Kenntnis der Landessprache und des Schweizer Rechtssystems sei den Frauen nichts anderes übrig geblieben, als der Angeklagten zu gehorchen. Die Strafe müsse erhöht werden, weil das Motiv, Egoismus und Geldgier, schwer wiege.

Das Urteil wird am kommenden Mittwoch eröffnet.