Schlecht bezahlt

Praktikantinnen in Kindertagesstätten erhalten zu wenig Lohn

Um Kosten zu sparen, werden in einigen Kindertagesstätten im Kanton Praktikantinnen eingesetzt, die teilweise sehr schlecht entlöhnt werden. (Symbolbild)

Um Kosten zu sparen, werden in einigen Kindertagesstätten im Kanton Praktikantinnen eingesetzt, die teilweise sehr schlecht entlöhnt werden. (Symbolbild)

Arbeiten für weniger als drei Franken pro Stunde? In mehreren Solothurner Kindertagesstätten wurden solche Missstände entdeckt. Bis im kommenden Sommer wollen Kanton und Kita-Verband Verbesserungen erarbeiten.

Einige Solothurner Kindertagesstätten entlöhnen ihre Praktikantinnen und Praktikanten alles andere als fair. Dies zeigen Zahlen, die diese Zeitung per Öffentlichkeitsgesetz von der tripartiten Kommission des Kantons herausverlangt hat. Diese kontrolliert die Lohn- und Arbeitsbedingungen in Branchen ohne Gesamtarbeitsvertrag.

53 Kindertagesstätten hat die Kommission untersucht. Dabei ist sie auf fünf Anstellungsverhältnisse gestossen, in denen Praktikanten oder Praktikantinnen auf einen Stundenlohn unter drei Franken kommen. Weitere elf Einrichtungen zahlen zwischen drei und vier Franken Lohn pro Stunde. Dabei läge die Lohnuntergrenze, die die Kommission aufgrund von schweizweiten Empfehlungen festgelegt hat, bei 4.40 Franken. Kantonsweit wurden jedoch 23 Arbeitsverhältnisse gezählt, bei denen der Lohn unter diese Marke fiel. Im Schnitt lag er bei 4.76 Franken.

Allzutiefe Löhne sind nicht der einzige Missstand, der aufgefallen ist: In zwei Fällen dauerte das Praktikum länger als ein Jahr. Und nicht alle Kitas, die Praktikantinnen anstellen, bieten danach auch eine Lehrstelle an. Praktikantinnen haben dann zwar ein Jahr lang teilweise zu 100 Prozent in einer Kita gearbeitet, stehen am Ende jedoch ohne Anschlusslösung da.

Kanton und Kita-Verband wollen nun Mindeststandards

Eine, die sich bereits mehrfach kritisch zu Praktika-Bedingungen in Kindertagesstätten geäussert hat, ist Barbara Wyss Flück. Die Grünen-Kantonsrätin ist deswegen bereits im kantonalen Parlament vorstellig geworden. «Es passiert viel zu wenig», sagt Wyss Flück. Für sie ist klar: «Praktika müssen einen Mehrwert haben.»

Weder dürfe es Hungerlöhne geben, noch dürften Praktikantinnen einfach günstige Arbeitskräfte sein. Deshalb müssten auch die Stellenetats in den Kitas thematisiert werden. «Es ist skandalös, wenn man Praktikantinnen ein Jahr lang arbeiten lässt und danach kann man ihnen nicht einmal eine Lehrstelle anbieten.» Wyss Flück fordert, dass der Kanton nun rasch vorwärtsmacht.

Und tatsächlich geschieht etwas: Sowohl beim Kanton als auch beim Verband der Solothurner Kindertagesstätten will man die heutige Situation nicht mehr akzeptieren. «Wir sind daran, mit dem kantonalen Kita-Verband Standards zu den Lohn- und Arbeitsbedingungen auszuarbeiten», sagt Jonas Motschi, Chef des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit. Bis im kommenden Sommer sollen Empfehlungen vorliegen. Sollten die Verhandlungen scheitern, könnte der Kanton notfalls Normalarbeitsverträge verfügen, in denen Mindestlöhne festgeschrieben werden.

«Ein Praktikum kann durchaus Sinn machen»

Ortstermin in Däniken. Hier betreibt Marlies Murbach seit zwölf Jahren die Kita «Seepfärdli». Die energiegeladene 33-Jährige, die auch den Verein Kindertagesstätten Kanton Solothurn präsidiert, lässt keinen Zweifel: «Geht gar nicht», sagt sie zu Stundenlöhnen unter 3 Franken oder einjährigen Praktikumseinsätzen ohne Aussicht auf eine anschliessende Lehrstelle. «Wenn ein Betrieb nur mit Praktikanten überleben kann, muss man die Wirtschaftlichkeit infrage stellen», sagt Murbach, die selbst neun Lernende ausgebildet hat.

Murbach aber will auch die andere Seite aufzeigen, diejenige der Kindertagesstätten. Denn grundsätzlich sind Praktika – früher waren sie obligatorisch, weshalb sie auch so verbreitet sind – aus ihrer Sicht eine ganz gute Sache. Wer mit 16 direkt von der Schule komme, sei für die sehr verantwortungsvolle Lehre noch nicht immer ganz reif. Da sei es gut, wenn quasi in einem Vorbereitungsjahr geübt werden könne. «Die Lehre ist anspruchsvoll. Es gibt viel Schreibarbeit, viel Verantwortung und die Lernenden sind teilweise fast gleich alt wie die Ältesten, die den Hort besuchen.» Würden die Praktika abgeschafft, sei die Konsequenz auch, dass viele Kindertagesstätten Sek-B-Absolventen ausschliessen und nur Sek-E-Schüler auswählen würden.

Murbach – 13 Angestellte und 30 Tagesplätze, welche nicht subventioniert sind – macht auch klar: Kitas sind ein KMU und längst nicht alle erhalten Unterstützung von den Gemeinden. Da muss budgetiert werden. Obwohl die Anforderungen in den vergangenen Jahren gestiegen sind und in der Küche etwa die gleichen Vorgaben gelten wie in Gastronomiebetrieben, sind die Elternbeiträge nicht gestiegen. 110 Franken pro Tag ist der Richtwert des kantonalen Amtes für soziale Sicherheit. Und da sei der Unterschied halt doch gross, ob man nun 4500 Franken für eine ausgebildete Kraft oder 1000 Franken für eine Praktikantin ausgebe. «Teurer können wir nicht werden», sagt Murbach. Sonst müssten entweder die Gemeinden oder die Eltern Zuschläge zahlen. Und gerade da sieht sie ein Problem: «Kitas und Kita-Plätze hat es genug. Aber es hat zu wenige, die bezahlbar sind.» Dabei würden Betreuungsgutscheine die Gemeinden nicht teuer kommen, ist sie überzeugt. «Man holt die Gutscheine durch die Steuern wieder rein, wenn beide Elternteile arbeiten gehen.»

«Der Druck auf die Kitas wird recht hoch»

Ob und wie Gemeinden Kitas unterstützten, ist heute sehr unterschiedlich geregelt. Einige zahlen an den Betrieb, andere sprechen Betreuungsgutscheine aus, dritte reduzieren die Miete oder sprechen eine Defizitgarantie. Bei den Gemeinden sieht denn auch Politikerin Wyss Flück ein Handlungsfeld. Sie könnten die Kitas stärker fördern – oder dort, wo sie dies tun, auf die Einhaltung gewisser Mindeststandards pochen.

Bis im kommenden Sommer will Verbandspräsidentin Murbach mit dem Amt für Wirtschaft und Arbeit sowie dem Amt für soziale Sicherheit nun den erwähnten Leitfaden mit den Lohnempfehlungen ausarbeiten. 53 der 56 Kitas im Kanton sind Mitglied des Verbandes, weshalb Murbach annimmt, dass die Empfehlungen ziemlich flächendeckend umgesetzt werden. «Der Druck wird recht hoch sein.» Murbach ist überzeugt, dass sich die Situation bessert. Wer Praktika ohne Anschlusslösung anbiete, habe heute schon Mühe, junge Leute für die Stelle zu finden.

Immerhin: In 22 Fällen entlöhnen die Kitas Praktikantinnen mit mehr als 4.80 Franken pro Stunde. Und in einem Fall gar mit fast 8 Franken.

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