Gezeichnet hat er sein Leben lang. Und auch heute, mit 77, setzt sich Ernst Mattiello jeden Morgen ans Pult ins seinem Atelier und arbeitet. Mit feinen Linien zeichnet er feinen Humor. Tiefsinnig und mit einem Augenzwinkern leuchtet er aus, was zwischen den Menschen passiert.

Es ist Dienstagabend und Mattiello sitzt bei einem Glas Wein im Solothurner «Vini». Der Mann mit Schnauz und schlohweissem Haar hat Menschen gern, das merkt man, nicht nur an seinen Zeichnungen. «Wie die Ideen kommen, kann ich nicht sagen», erzählt er. Aber: Was immer er zeichnet, hat mit ihm zu tun. «Nur was mich persönlich beschäftigt, kommt in ein Cartoon», ist eines seiner Credos.

Gezeichnet hat der Sohn eines Italieners und einer Schweizerin schon als Kind. «Wir erhielten zu Weihnachten Farbstifte und Papier», sagt er. Zum Cartoonisten wurde er, als er als Journalist für die linke Solothurner Arbeiterzeitung schrieb. Mattiello war in Olten, als ein Militärdefilee bei strömendem Regen stattfand und der Bataillonskommandant Regenschirme verteilen liess. Der junge Lehrer zeichnete später die Situation für eine Fasnachtszeitung. In der Redaktion gefiel dies. Mattiello blieb dabei und zeichnete neben seinem Lehrerberuf für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften.

Politisch verortet sich Mattiello links. Als engagierter Lehrer musste er einst beim bürgerlichen Regierungsrat antraben, weil er aufgrund seines antiautoritären Unterrichts linker Umtriebe verdächtigt wurde. In früheren Werken, etwa dem 1974 erschienenen Band «polit-strips», war seine politische Haltung erkennbar, die linke Gesellschaftskritik deutlich.

Heute ist das nach wie vor spürbar. Oft zeichnet er aber auch Alltagssituationen, die auf den ersten Blick ganz unspektakulär scheinen. Dann aber gibt ihnen Mattiello eine hintersinnige, manchmal abgründige Dimension. Angetan haben es ihm dabei Wortspiele und besonders mag er Missverständnisse.

Hat sich der Zeitgeist geändert oder ist Mattiello heute weniger politisch? Er widerspricht. «Wenn ein Mann und eine Frau etwas besprechen, ist dies eine höchst politische Diskussion», sagt der Mann, der selbst seit über 50 Jahren verheiratet ist. Mattiello ist am Politgeschehen interessiert wie eh und je. «Alle Eindrücke im Alltag, auch die Politik, hinterlassen Spuren. Einen Teil der Spuren versuche ich, auf Papier wiederzugeben», sagt er.

Die Politik kommt also, oft aber stark reduziert auf menschliche Eigenschaften, durchaus vor. «Ein Trump ist auch in mir», sagt Mattiello lachend. Geblieben ist heute wie früher, dass man keine konkreten lebenden Personen in seinen Cartoons finden kann. In Mattiellos Zeichnungen gibt es Männer, Frauen, Männer und Frauen, Eltern und Kinder.

«Ich will nicht belehren»

Zwei Dinge sind dem Lüterkofer besonders wichtig: Er will nie verletzend sein und die Zeichnungen dürfen nicht auf den Gag ausgerichtet sein. Mattiello will Verwunderung auslösen und zum Nachdenken anregen, aber nie recht haben. «Demokratie heisst Diskussion und Mittelweg. Ich will nicht belehren», sagt er, der sein Leben lang Lehrer war und in seiner Freizeit zeichnete, bis er mit 60 als Lehrer aufhörte und fortan immer zeichnete – mit dem gleichen Engagement und der gleichen Disziplin. Entstanden sind so Hunderte Zeichnungen und mehrere Bücher.

Rund eine Stunde hat Mattiello für eine Reinzeichnung. Zuerst aber beginnt alles mit einer Skizze. In seinem Haus in Lüterkofen liegen Notizbücher verteilt, damit er Gedanken jederzeit festhalten kann. Später sichtet er die Skizzenhefte, längst nicht jede Idee wird umgesetzt. Mag Mattiello eine Idee, fertigt er die Reinzeichnung an. Daraufhin digitalisiert und koloriert er seine Cartoons. Dreimal wöchentlich publiziert er auf seiner Homepage ein Cartoon, samstags erscheint eines davon in der «Schweiz am Wochenende». Einige davon sind ab dem kommenden Freitag nun in der Solothurner Freitagsgalerie zu sehen.

Ernst Mattiello ist ein aufgestellter Mann, der seine Umgebung aufmerksam beobachtet und viel jünger wirkt, als er ist. Hält ihn das Zeichnen jung? «Ich hoffe es», sagt er lachend. Er wird weiterzeichnen. Jeden Morgen.

Ab kommenden Freitag – und bis zum 30. September – zeigt die Solothurner Freitagsgalerie rund 40 Werke von Mattiello, fast die Hälfte davon ist auch in dieser Zeitung erschienen. Vernissage 7. September, 19 bis 21 Uhr. Danach jeweils freitags von 16 bis 20 Uhr geöffnet – oder nach Vereinbarung.