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«Noch nicht das Gelbe vom Ei»: Solothurner Lehrer äussern Kritik zur neuen Sek-Reform

Sek E oder die progymnasiale Sek P? Zu oft wird aus Sicht des Gewerbeverbandes die Sek P ergriffen, ohne abzuklären, welches der beste Weg ist.

2011 hat der Kanton Solothurn die Sek-Stufe komplett neu aufgestellt. Beim Lehrerverband ist man mit der Reform noch immer nicht zu 100 Prozent zufrieden. Und der Gewerbeverband trifft auf Eltern und Lehrbetriebe, die die Schüler falsch einschätzen.

Skeptisch waren die Solothurner Lehrer schon 2011. Und bis heute blicken sie mit einer gewissen Skepsis auf die Sek-I-Reform – nicht alle Lehrer sind überzeugt, dass sie besser ist als das alte System. «Die Reform ist noch nicht das Gelbe vom Ei», sagt Mathias Stricker, Präsident des kantonalen Lehrerverbandes. Tatsächlich seien einige Mängel eingetroffen, vor denen man im Vorfeld gewarnt hatte.

«Die Sek E verfügt heute nicht mehr über das gleiche Niveau wie früher die Bez», kritisiert der höchste Solothurner Lehrer. Dies habe Folgen für die Berufswahl: «Ein sehr guter ehemaliger Bez-Schüler ist jetzt eher in der Sek P und überlegt sich den Gang ans Gymnasium. Früher hätte er sich nach der Bez vielleicht als Polymech beworben.»

Mit der 2011 eingeführten Reform wurde die Oberstufe neu gestaltet: Statt Bez, Sek, Oberschule, Werkklasse und Untergymnasium gab es neu nur noch drei Stufen: die Sek B, die Sek E (beide dreijährig) und die zweijährige Sek P, die auf den gymnasialen Weg vorbereiten soll. Gerade bei der Sek P ortet Stricker bis heute gewisse konzeptionelle Probleme. Mit der fixen gymnasialen Ausrichtung und mit zwei Jahren Dauer sei sie eine kurze Zeit, um zu entscheiden, ob jemand ans Gymnasium oder doch in einen Beruf einsteigen möchte. Tatsächlich entscheiden sich am Ende der zweijährigen Sek P rund 90 Prozent der Schüler fürs Gymnasium. Lediglich zehn Prozent wechseln in die Sek E.

Änderungen sollen nun Verbesserungen bringen

Stricker betont, dass inzwischen vom Kanton gewisse Justierungen vorgenommen worden seien, deren Ergebnis man abwarten müsse. So gibt es zur Unterstützung einer allfälligen Berufswahl freiwillige Kurse in der Sek P. Mit einem gewissen Schnitt können Schüler aus der dritten Sek E prüfungsfrei ins Gymnasium wechseln, und in der Sek E gibt es im Rahmen der Wahlpflichtfächer einen speziellen Unterricht, der auf die Mittelschule vorbereitet. «Wir müssen 2020 schauen, ob sich dies bewährt. Vielleicht muss man das ganze Konstrukt Sek P nochmals anschauen.»

Falsche Vorstellungen bei Eltern und Betrieben

Auch Thomas Jenni ist nicht immer ganz glücklich mit den Folgen der Sek-Reform. Der Günsberger ist beim Gewerbeverband für die Berufsbildung zuständig. Wie die Sek-Stufen funktionieren, sei noch immer nicht bis zu allen Eltern oder Lehrbetrieben durchgedrungen, erklärt Jenni. «Man weiss zum Teil noch nicht wie mit der Reform umgehen.» So sei es bis heute nicht gelungen, die Sek E für gute Schüler als Alternative zur Sek P zu positionieren. Hartnäckig halte sich bei Eltern und breiten Teilen der Bevölkerung die Vorstellung, dass die Sek P «die beste» der drei Abteilungen sei. Dabei, so Jenni, gebe es keinen Königsweg. Es müsse schlicht darum gehen, den besten Weg für jedes einzelne Kind zu finden und aufzuzeigen, mit welchem System Schülerinnen und Schüler welche Möglichkeiten hätten. So habe, wer eine Lehre abschliesst und eine Berufsmatur macht, unter Umständen fast die bessere Perspektive auf dem Arbeitsmarkt als jemand, der das Gymnasium besucht.

Dass die Sek P von Eltern bevorzugt werde, hat auch Andreas Walter vom Volksschulamt festgestellt. Dies habe aber damit zu tun, dass in der Schweiz «die Attraktivität des berufsbildenden Wegs insgesamt abgenommen» habe. «Für viele Eltern ist deshalb der direkte Zugang zum Gymi für ihre Kinder eine wichtige Option.» Walter hält aber fest: «Der Kanton hat mit der Sek-I-Reform die Struktur geschaffen, diesem Trend entgegenzuwirken. Die Gespräche im Rahmen des veränderten Übertrittsverfahrens zeigen eine gewisse Wirkung, können aber nicht Gegensteuer zu gesellschaftlichen Trends geben.»

Kanton zieht insgesamt ein positives Fazit zur Reform

Nicht nur bei der Sek P, auch am anderen Ende der Skala ist Thomas Jenni vom Gewerbeverband auf falsche Vorstellungen gestossen. So ist ihm aufgefallen, dass Betriebe teils nicht Sek-B-Schüler rekrutieren möchten, weil sie Angst haben, diese würden den Ansprüchen nicht genügen. Eltern und Betriebe hätten das Gefühl, die Sek B entspreche der früheren Oberschule. Dabei sei die Spannweite der Sek B viel breiter – und viele Schüler könnten eine Lehre EFZ problemlos abschliessen.

«Absolut» überzeugt, dass Sek-B-Schüler unterschätzt werden, ist auch Andreas Walter, Chef des kantonalen Volksschulamtes. Man arbeite «intensiv» mit den Beteiligten daran, diese Einschätzung zu ändern.

So skeptisch wie bei einigen Lehrern ist man im kantonalen Bildungsdepartement nicht. «Insgesamt hat sich das neue System bewährt und es entfaltet die beabsichtigte Wirkung», blickt Andreas Walter, Chef des Volksschulamtes, auf die Sek-Reform. So hätten komplizierte Strukturen vereinfacht werden können und die Vorbereitungen auf die berufliche Ausbildung verbessert werden können. Ob es tatsächlich eine Nivellierung nach unten gegeben habe, sei zudem schwierig einzuschätzen, so Walter.

Und eine Reform der Reform? Diese ist nicht vorgesehen. Aber, so Walter: Die Schule passe sich laufend den Bedürfnissen der Gesellschaft an. «Es ist deshalb nur logisch, dass sich auch die Sek I dynamisch weiterentwickeln wird.»

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