Berufsbeistände

Nicht nur Negatives in Coronazeiten: Manchen Kindern geht es jetzt besser

Weil die Schulen geschlossen sind, erleben nun einige Kinder kein Mobbing mehr. (Symbolbild)

Weil die Schulen geschlossen sind, erleben nun einige Kinder kein Mobbing mehr. (Symbolbild)

Die Berufsbeistände im Kindes- und Erwachsenenschutzbereich beobachten auch positive Entwicklungen während der Coronakrise. Ein Einblick in die aktuelle Ausnahmesituation im Dorneck.

Berufsbeistände haben viele Aufgaben. Im Erwachsenenschutzbereich greifen sie Menschen unter die Arme, die nicht in der Lage sind, administrative Arbeiten zu erledigen, sie organisieren Plätze in Heimen und kümmern sich darum, den passenden Psychologen für jemanden zu finden. Und im Kindesschutzbereich überwachen sie beispielsweise die Besuchsrechte der Eltern.

«Wir sind es uns gewohnt, bei den Betroffenen vorbeizugehen und mit ihnen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Dies ist während der Corona­krise leider kaum mehr möglich», sagt Helga Berchtold, die in der Sozialregion Dorneck den Fachbereich Kindes- und Erwachsenenschutz leitet.

«Wir können nun keine Hausbesuche mehr machen und die verbeiständeten Personen können auch nicht mehr zu uns ins Büro kommen. Es gibt jedoch Ausnahmen. Dann treffen wir uns beispielsweise an einem Waldrand, wo wir die nötige Distanz einhalten und trotzdem ungestört miteinander reden können», fügt sie hinzu. Obwohl eingehende Beobachtungen der Situationen vor Ort zurzeit nicht möglich seien, hält Berchtold fest: «Wenn eine Situation eskaliert, rückt trotz Coronavirus nach wie vor die Polizei aus.»

Trotz Mehraufwand ist nicht alles schlechter

Dass die Berufsbeistände nun per Videochat mit den Betroffenen in Kontakt treten können, findet die Walliserin lässig und spricht Umstände an, die vielleicht überraschen: «In unserem Bereich bringt die Coronakrise auch Gutes mit sich. Einigen Kindern geht es nun besser, da sie wegen der geschlossenen Schulen kein Mobbing erleben. Karriereorientierte und Working-Poor-Eltern haben im Homeoffice mehr Zeit, mit ihren Kindern zu spielen. Und andere Kinder haben mir gesagt, sie würden nicht mehr geschlagen, weil ihre Eltern nun weniger Stress hätten.»

Viele Familien erlebe man in dieser aussergewöhnlichen Zeit entspannter als sonst. «Manche Erwachsene fühlen sich nun nicht mehr so alleine mit ihren Sorgen, weil sich wegen des Coronavirus nun auch ihre Nachbarn in einer Krise befinden», fügt Helga Berchtold hinzu. Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass es jetzt auch vielen Menschen noch schlechter gehe als sonst. «Im Vordergrund stehen bei ihnen finanzielle Ängste, eine mögliche Arbeitslosigkeit, das weggefallene Besuchsrecht oder die Frage, wie es nach der Coronakrise mit den Kita-Plätzen weitergeht».

Auf die Frage, wie ihre Mitarbeiter sicherstellen können, dass es den Menschen mit Berufsbeistand auch während der Coronakrise gut geht, antwortet die Fachfrau: «Als der Lockdown ausgesprochen wurde, haben wir alle Betroffenen angerufen und zum Teil auch Angehörige kontaktiert. Wir haben die Betroffenen gefragt, ob sie genug zu essen und auch sonst alles zu Hause haben, was sie brauchen. Angehörige haben wir darum gebeten, sich häufiger bei den Schutzbedürftigen zu melden und Einkäufe für sie zu erledigen. So konnten wir sicherstellen, dass alle gut versorgt sind», erklärt Berchtold.

Es braucht jetzt andere Sensoren

Für die Berufsbeistände in der Sozialregion Dorneck sei die Arbeit wegen der Coronakrise anspruchsvoller geworden, sagt Helga Berchtold: «Viele Kinder und Erwachsene sind auf unsere Hilfe angewiesen. Weil wir die meisten von ihnen aktuell nicht mehr treffen können, sondern nur noch am Telefon hören, brauchen wir andere ‹Sensoren› als sonst. Je nach Fall muss das Handeln angepasst werden. Bei manchen Familien zeigen sich in dieser Krise Ressourcen, die vorher nicht zum Tragen kamen. Es ist uns wichtig, dass die Betroffenen spüren, dass wir auch in der momentanen Ausnahmesituation für sie da sind.»

Deshalb telefonieren die Berufsbeistände momentan alle zwei Tage mit den Betroffenen, die kaum Angehörige haben. Rückmeldungen auf diese Bemühungen gebe es nur wenige. «Es gibt Dankbare, die froh sind, dass wir sie nicht alleine lassen. Und manche sind durch die aktuelle Situation zusätzlich gestresst und haben sowieso keine Freude daran, einen Berufsbeistand haben zu müssen. Diese Leute sind froh, dass sie uns momentan nicht um sich haben müssen.»

Die Coronakrise hat einiges ins Rollen gebracht

«Momentan wird viel diskutiert. Es ist aber noch nichts spruchreif», sagt Helga Berchtold über allfällige grundlegende Veränderungen im Arbeitsbereich der Berufsbeistände im Hinblick auf künftige Krisensituationen. Sie ist davon überzeugt, dass sich ihre Arbeit verändern wird. Denn die Coronakrise hat grosse Bedenken ausgelöst: «Die Berufsbeistände sehen zurzeit ganz viele Dinge nicht, die sie sonst bei Hausbesuchen mit­bekämen.»

Eine baldige Lockerung der durch den Bundesrat verhängten Massnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus wäre in den Augen der Walliserin nun zentral: «Für die schutzbedürftigen Kinder und Erwachsenen könnte so wieder ein Stück Normalität einkehren.»

Die Leiterin des Fachbereichs Kindes- und Erwachsenenschutz der Sozialregion Dorneck betont, dass die Fälle von Schutzbedürftigen während der Coronakrise bisher nicht zu­genommen haben. Auch die Frauenhäuser seien nicht derart überlastet wie erwartet. «Doch man weiss nie, was alles noch passieren wird», sagt Helga Berchtold und fügt hinzu: «Es war eine grosse Entlastung, dass der Bundesrat keine Ausgangssperre verhängt hat. Denn eine solche hätte viele explosive, familiäre Situationen eskalieren lassen können.»

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