Solothurner Poststempel

«Nicht mehr trendy» — dieser 36-Jährige frönt trotzdem dem Sammeln

Der Solothurner Pascal Humbert ist Philatelist - Briefmarkensammler. Er sammelt aber nicht einfach Briefmarken. Der 36-Jährige konzentriert sich auf Solothurner Poststempel und erforscht so ein Stückchen Lokalgeschichte. Dabei gibt es immer wieder Spannendes zu entdecken.

Rund 30 Mitglieder zählt der Solothurner Philatelisten-Verein. Aber nur acht der Briefmarken-Sammler sind noch aktiv; halten regelmässig Ausschau nach neuen Stücken und pflegen ihre Sammlung. Einer von ihnen ist Pascal Humbert, 36, aus Solothurn. Wobei Humbert nicht einfach Briefmarken sammelt. Er hat sich sein Nischengebiet ausgesucht – wie das die richtig angefressenen Sammler so tun.

Vor Humbert auf dem Tisch liegt ein Album. Hier verbirgt sich, womit er sich seit Monaten beschäftigt: Fein säuberlich sortiert und beschriftete Briefe und Ansichtskarten. Teils mit Briefmarken, teils ohne. Dafür ist stets gut der Stempel sichtbar. Das ist nämlich das Kerngebiet des 36-Jährigen: Er erforscht Poststempel aus der Stadt Solothurn.

Stempel ab 1833: «Hier finden sich Zeitzeugen»

«Hobby klingt etwas langweilig», meint Humbert dazu. Man kann auch nicht mehr von Hobby reden – aus dem Ganzen ist ein Forschungsprojekt geworden. In seiner Freizeit durchforstet der Bauingenieur Archive, sucht alte Briefe an Börsen oder historische Dokumente im Internet, und sammelt gut lesbare Stempel in einem Album und elektronisch.

Der erste stammt aus dem Jahr 1833, als es noch gar keine Briefmarken gab. Damals trugen die Stempel auch noch das Solothurner Wappen – die Hoheit über das Postwesen lag beim Kanton. 1849 änderte das – fortan prangt das Schweizer Kreuz der im Jahr zuvor gegründeten Eidgenossenschaft auf den Poststücken. Es gibt aber auch Stempel, auf denen gut lesbar «Neu-Solothurn» steht. Sie wurden bei der alten Post an der Solothurner Hauptbahnhof-Strasse aufgegeben; in der Zeit, als die Stadtseite südlich der Aare eben noch «Neu-Solothurn» hiess. «Hier finden sich Zeitzeugen», bringt Humbert seine Faszination auf den Punkt.

Konkret erforscht er, zu welchem Zeitpunkt welche Stempel in der Stadt Solothurn verwendet worden sind. So erfahre er immer mehr über die Stadt, das Postwesen und dessen Wandel. Andererseits soll seine Arbeit auch dazu dienen, Fälschungen aufzudecken. So stiess Humbert bei seinen Recherchen im Internet auch schon auf angebliche Originalmarken, die aber mit einem Stempel versehen waren, welche zum angegebenen Zeitpunkt gar nicht von der Post benutzt worden waren. Humbert blättert durch das Album, zu jedem Brief, jeder Marke, jedem Stempel weiss der Bauingenieur, der lieber über die Stempel, als sich selbst spricht, etwas zu
erzählen.

Stempel-Sammeln: «Das ist nicht mehr trendy»

Stempel-Sammeln – kein typisches Hobby für einen 36-Jährigen. «Trendy ist das heutzutage nicht mehr», weiss auch Humbert. Er erlebte dafür einen regelrechten Briefmarken-Sammelboom während der Schulzeit. Damals sammelte auch Humbert wie die meisten seiner Schulkollegen Briefmarken. Er erbte zudem eine kleine Sammlung des verstorbenen Grossvaters, von welchem Humbert gar nicht wusste, dass dieser ebenfalls gesammelt hatte.

Nach und nach verlor Humbert aber die Motivation. Auch wegen des finanziellen Aspekts: Manche könnten sich für einige Tausend Franken die seltensten Stücke leisten; Sammler aus der Mittelschicht könnten ihre Sammlung aber gar nie vervollständigen. «Das war nicht zielführend», erklärt er. So legte Humbert damals die Sammlung weg und bekam sie erst wieder in die Hände, als er umzog. Er sortierte die Marken und trat dem Philatelisten-Verein bei, um sich darüber auszutauschen, was nun am besten damit zu tun sei. Denn auf etwas legt der 36-Jährige besonders viel Wert: «Ein Dokument wegzuschmeissen, das Lokalgeschichte enthält, wäre schade.»

Luftpost aus Deutschland und ein Brief von Munzinger

Als der Verein dann eine Ausstellung über Historisches aus der Region Solothurn vorbereitete, begann sich Humbert intensiv mit Poststempel zu beschäftigen. Und er hörte nicht mehr auf. Neben dem Album liegt eine Publikation in Buchform über Berner Poststempel. Etwas Ähnliches kann sich Humbert auch für seine Solothurner Sammlung vorstellen. Die Hauptsache ist aber: «Das Wissen soll weitergegeben werden – auch wenn ich einmal tot bin.»

Wissen, das laut Humbert aber wohl nie mehr Massen begeistern wird. «Sammeln ist eine sehr introvertierte Arbeit, die nicht mehr wirklich in die heute schnelllebige Zeit mit den sozialen Medien passt.» Das grosse Geld lässt sich ohnehin nicht damit machen – heute kann man sich laut Humbert bereits glücklich schätzen, wenn man 20 Prozent des ursprünglichen Preises für eine Sammlung erhält.

Geld ist aber auch nicht das Ziel von Humbert. Er hat nebst dem Forschungsdrang auch Interesse an den kleinen, aber spannenden Details, die er immer wieder entdeckt: So finden sich in Humberts Sammlung auch etwa eine Ansichtskarte, auf welcher ein Zeppelin nebst dem St. Ursen-Turm zu sehen ist. Dieser brachte einst Post aus Deutschland und warf sie über Solothurn ab. Auch ein Brief des 1855 verstorbenen Solothurner Bundesrates Josef Munzinger liegt in der Kartei von Humbert, und einer der Brüder «Hirsig» – den Besitzern des späteren Solothurner Spielzeugladens «Bohneblust», den es inzwischen auch schon nicht mehr gibt.

Genau aufgrund dieser Details glaubt Humbert auch daran, dass seine Arbeit nicht vergebens ist. So werde es wohl immer jemanden geben, der sich für diese Nische interessiert - weil hier ein Stück Geschichte aus der Region drin steckt.

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