Chlorothalonil

Nach verschärften Vorschriften: 160'000 Menschen im Kanton trinken «belastetes» Trinkwasser

Die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, welche den Wirkstoff Chlorothalonil enthalten, ist seit Beginn dieses Jahres verboten. (Symbolbild)

Die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, welche den Wirkstoff Chlorothalonil enthalten, ist seit Beginn dieses Jahres verboten. (Symbolbild)

Das Wasser im Kanton kann weiterhin bedenkenlos getrunken werden, es besteht kein gesundheitliches Risiko. Da der Bund aber die Anforderungen an die Trinkwasserqualität erneut verschärft hatte, trinkt nun mehr als die Hälfte aller Menschen im Kanton Wasser, das nicht den gesetzlichen Vorgaben entspricht. Die Lösungssuche für die Wasserversorger wird damit nochmals schwieriger.

Das wichtigste vorneweg: Das Wasser im Kanton kann noch immer bedenkenlos getrunken werden. Es besteht kein gesundheitliches Risiko. Trotzdem steht die Mehrheit der Wasserversorger im Kanton vor einer gewaltigen Herausforderung: Denn seit der Bund im Dezember die Qualitätsanforderungen ans Trinkwasser in puncto Chlorothalonil ein weiteres Mal verschärft hatte, entspricht die Wasserqualität in mehr als der Hälfte aller Fassungen nicht mehr den gesetzlichen Anforderungen. Rund 160'000 Menschen im Kanton – fast zwei Drittel – trinken momentan «belastetes» Wasser. Lösungen sind nicht absehbar.

Chlorothalonil: Seit vergangenem Sommer ist das sperrige Wort den meisten Schweizerinnen und Schweizern ein Begriff. Das Pestizid, das von Landwirten seit den 70er Jahren eingesetzt wird und dessen Abbaustoffe sich massenhaft im Grundwasser und damit auch im Trinkwasser wiederfinden, könnte Krebs verursachen, fanden Forscher heraus. Für diejenigen Abbaustoffe, die der Bund als gefährlich einstufte, galt damals ein Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. Wurde der Grenzwert überschritten, mussten die Wasserversorger reagieren. Die neuen Grenzwerte waren eine Vorsichtsmassnahme, die Abbaustoffe werden erst ab einer deutlich höheren Konzentration wirklich gefährlich. Aufgrund dieser Vorsichtsmassnahme mussten alleine im Kanton Solothurn Duzende Wasserversorger Massnahmen ergreifen, betroffen waren zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich
Gemeinden im Wasseramt und im Gäu. Wie gross das Ausmass tatsächlich war, wurde nie einheitlich kommuniziert.

Aus «Verfahrensgründen» nun alle Stoffe wichtig

Im Dezember hat der Bund den Einsatz von Chlorothalonil verboten. Damit gerät das Gift nicht länger ins Wasser, laut Experten könnte es aber Jahre bis Jahrzehnte dauern, bis sämtliche Abbaustoffe aus dem Wasser verschwunden sind. Der Hersteller des Mittels, Syngenta, hat gegen das Verbot Beschwerde eingereicht. Was das für Folgen haben wird, ist noch offen.

Gleichzeitig mit dem Verbot hat der Bund auch die Vorschriften für die Wasserversorger nochmals verschärft. Galt der Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter zuvor nur für bestimmte Abbaustoffe, gilt diese Grenze seither neu für alle. Und dies nicht etwa, weil neue Erkenntnisse zu diesen Stoffen vorliegen würden, sondern aus «verfahrenstechnischen» Gründen, wie die Sprecherin vom zuständigen Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV) bestätigt. Noch im Sommer hat das BLV die Stoffe untersucht; Stoffe, bei denen belegt wurde, dass sie nicht krebserregend sind, wurden als nicht relevant eingestuft, für diese galten die Grenzwerte nicht. Später wurde der Ausgangsstoff, also Chlorothalonil, strenger eingestuft als vorher. «Durch diese strengere Einstufung sieht das Verfahren vor, alle Abbaustoffe vorsorglich als relevant zu klassieren», so die Sprecherin vom BLV.

Damit sind nun noch einmal deutlich mehr Wasserversorger betroffen als vorher. Nicht mehr «nur» das Wasseramt und Gäu, sondern sämtliche grösseren Grundwasservorkommen im Kanton, vom Bucheggberg bis zum Niederamt, sind betroffen.

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Dieser Umstand hat den Kanton offenbar dazu bewogen, in Sachen Kommunikation in die Offensive zu gehen. Am Dienstagabend hat er sämtliche Wasserversorger sowie Medien in Olten über den aktuellen Stand der Dinge informiert. Erstmals kommunizierte der Kanton über das gesamte Ausmass des Problems: «Flächendeckend müssen alle grossen Grundwasservorkommen im Kanton als belastet bezeichnet werden.» Und weiter: «Damit kann das Problem mit heutigen Möglichkeiten nicht gelöst werden.» Denn weil nun praktisch alle Fassungen in den Grundwasservorkommen betroffen sind, können einzelne Gemeinden nicht mehr Wasser von der Nachbarsgemeinde dazukaufen und mit dem eigenen Wasser mischen. Es werden neue Leitungen gebaut werden müssen, bis in andere Kantone hinein. Das wird Zeit brauchen – und viel Geld kosten. Bei Leitungen, die der überregionalen Verknüpfung dienen, wird der Kanton einen Drittel der Kosten übernehmen. Den Rest bezahlen die Wasserversorger.

Der Bund hält an seinen Vorgaben vom Sommer fest: Theoretisch müssten die Wasserversorger die Probleme in zwei Jahren gelöst haben. Kantonschemiker Martin Kohler betonte gegenüber den Vertretern der Wasserversorger in Olten: «Für mich sind diese Fristen nicht verbindlich. Es ist schlicht nicht möglich, die Probleme auf die Schnelle zu lösen.» Wichtig sei dass dort, wo es schnelle Lösungen gebe, diese umgesetzt werden. Ansonsten gelte es, verhältnismässige und zeitgerechte Lösungen zu finden.

Erst am Anfang der Herausforderungen?

Der Bund findet möglicherweise giftige Stoffe im Wasser, die Wasserversorger müssen für viel Geld reagieren: Diese Geschichte könnte sich noch das eine oder andere Mal wiederholen. Der Bund beurteilt laufend die zugelassenen Pflanzenschutzmittel auf Basis der aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen neu. Seit 2011 wurden 861 Pflanzenschutzmittel überprüft, aufgrund neuer Erkenntnisse wurde für 550 davon die Anwendung eingeschränkt, 42 wurden komplett verboten. Darauf hat gestern auch der Kanton hingewiesen: «Die Wasserversorgungen sind mit grossen Herausforderungen konfrontiert, um in Zukunft die strengen Anforderungen an die Trinkwasserqualität einhalten zu können.»

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