Er empfängt uns vor seinem Zuhause, ein mehrstöckiger moderner Bau mit Alterswohnungen, mitten in einem ruhigen Wohnquartier in Gerlafingen. Seit mehr als einem Jahr lebt Daniel Herzig hier in einer gemieteten Dreizimmer-Wohnung, im zweiten Stock. «Das ist meine Wohnung, hier fühle ich mich zu Hause, und ich hoffe, dass ich mindestens die nächsten 10 bis 15 Jahre hier bleiben kann», wird er später sagen, wenn er davon erzählt, wie er seine neue Selbstständigkeit managt.

Nach vielen Jahren im Heim

Sicher lenkt er den elektronisch steuerbaren Rollstuhl über eine behindertengerechte Rampe zum Hauseingang. Kaum bemerkbar betätigt er mit einem Finger der rechten Hand den Knopf eines ebenfalls elektronischen Schlüssels. Dieser liegt auf einer am Rollstuhl befestigten Ablagefläche. Die Tür springt auf. Vorsichtig und ohne Eile zirkelt er sein Gefährt in den Lift. Oben angekommen lässt er den Rollstuhl rückwärts herausrollen, wendet und schon stehen wir vor seiner Wohnung.

Erneut ein Knopfdruck – und Daniel Herzig gleitet in sein Reich. Einen Gang entlang, der sich zum Wohnzimmer hin öffnet, links die Küche, rechts das Badezimmer und zwei weitere Räume.

Vor der Küche macht er halt, verschmitzt schaut er uns an, ein selbstbewusstes Lächeln umspielt seinen Lippen. «Möchten Sie einen Kaffee oder eine Cola?», fragt er und schiebt nach: «Sie müssen sich einfach selbst bedienen.» Wir entscheiden uns für eine Cola, für ihn ein Glas mit Trinkröhrchen. Zum Trinken braucht er Hilfe, ganz selbstverständlich nimmt er diese an.

Von Geburt an lebt Daniel Herzig, der demnächst 43 Jahre alt wird, mit seiner schweren Behinderung. Eine cerebrale Bewegungsstörung lässt ihm wenig Handlungsspielraum. Als Kindergärteler war er die Woche über in einem Internat zu Hause, die Schulzeit verbrachte er im «Schulheim» in Solothurn, dem heutigen Zentrum für körper- und sinnesbehinderte Kinder. Während einer Ausbildung zum Verpacker wohnte er ein Jahr lang in einer Behinderteninstitution in Lenzburg. Im Alter von 21 Jahren dann kam er in ein Wohnheim in der Region - und blieb dort, 22 Jahre lang, bis er am 28. Juni 2013 in seine eigene Wohnung zog.

«Ein kleiner Harem»

«Ich war schon immer etwas ein Einzelgänger», bekennt er. Schon immer hatte er seinen Willen und einen ausgeprägten Geschmack, der mit der Realität im Heim öfters nicht übereinstimmte. Zum Beispiel sein Musik-Stil, der von Jazz und Blues über die Rockmusik von Peter Maffay bis hin zu Heavy Metal reicht. Äusserst vielseitig also – Volksmusik gehört aber nicht dazu. Wenig Freude hatte er deshalb, wenn bei einem Heim-Ausflug bereits im Car Ländlermusik aus den Lautsprechern tönte. «Wenn ich dann etwas gesagt habe, bin ich schnell als Rebell abgestempelt worden.» Für Irritation sorgte auch seine Vorliebe für Science-Fiction-Bücher und -Filme.

Zu schaffen machten ihm aber vor allem so manche Vorschriften. «Gewisse Regeln müssen sein», ist sich Daniel Herzig bewusst. «Mit bald 43 Jahren lasse ich mich aber nicht mehr bevormunden, auch wenn ich im Rollstuhl bin.»

«Die Jahre im Heim waren nicht schlecht, aber mit der Zeit hat es für mich einfach nicht mehr gestimmt», sagte er und blickt nachdenklich aus dem Fenster. An seinem Arbeitsort, der Tagesstätte von Pro Infirmis in Gerlafingen, erfuhr er dann, dass mit dem neuen Assistenzbeitrag der IV Menschen mit einer schweren körperlichen Behinderung selbstständig wohnen können.

«Am Anfang war ich skeptisch, ich kannte bisher nur das Leben im Heim.» Die Neugier und der Wunsch, das Leben selbst zu gestalten, waren aber stärker. «Ich ziehe das jetzt durch», machte er sich selbst Mut. Unterstützt von Pro Infirmis und seiner Beiständin, fand er seine jetzige Wohnung, unweit der Tagesstätte. Die IV sprach ihm Beiträge für rund vier Assistenz-Stunden am Tag zu, je zwei Stunden am Morgen und am Abend. An den Wochenenden, wenn die Tagesstätte geschlossen ist, kommen nochmals rund zwei Stunden über Mittag dazu. Wiederum mit der Hilfe seiner Berater rekrutierte er die Betreuer. Insgesamt sechs Personen, vor allem Frauen, wechseln sich ab. «Mein kleiner Harem», wie er das Team schalkhaft nennt.

Respekt macht zufrieden

«Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen», sagt er, jetzt. Es dauerte allerdings einige Monate, bis er sich in einer neuen Umgebung sicher fühlte. Es galt, ganz praktische Probleme in den Griff zu kriegen. In der Nacht zum Beispiel, wenn er auf die Toilette muss, ist niemand da. Und tagsüber, wenn er irgendetwas braucht, zum Beispiel ein Buch, oder etwa zu trinken, ist Geduld gefragt, bis eine Betreuerin kommt. Manchmal schleicht sich auch eine gewisse Einsamkeit in die vier Wände, vor allem im Winter. «Dann lese ich eben, höre Musik oder schaue mir einen Film an.» Seine Sammlungen bieten eine grosse Auswahl.

Die Selbstständigkeit stösst an Grenzen, das spürt Daniel Herzig jeden Tag. «Ich bin auf die Hilfe meiner Betreuer und meiner Beiständin angewiesen», weiss er. «Im Unterschied zu früher kann ich jetzt aber sagen, was wie durchgesetzt wird.» Der Respekt, den sein neues Umfeld ihm entgegenbringt, macht ihn zufrieden: «Sie unterbereiten mir Vorschläge, befehlen mir aber nicht.» «Diese Leute nehmen mich ernst.» Die neu gewonnene Freiheit ist dabei auch mit Verantwortung verbunden. «Ich muss jetzt mein eigenes Leben leben, aber ich kann auch mein eigenes Leben leben, das macht mich stolz, sehr stolz sogar.» «Aber nicht überheblich».

Es geht gegen 18 Uhr. Eine Betreuerin klingelt, Daniel Herzig öffnet. «Was möchtest Du heute essen, Rösti mit Ei oder Würstli?», fragt sie ihn. Und er: «Am liebste mit beidem, ich bin ein richtiger Fleischmoudi», sagts und grinst.