Krise

Nach coronabedingtem Einbruch: Im Juni wurden mehr Firmen gegründet als im Vorjahr

Deborah Winkelmann will als selbstständige Reiseberaterin durchstarten.

Deborah Winkelmann will als selbstständige Reiseberaterin durchstarten.

Nach dem Lockdown wollen viele Jungunternehmer durchstarten – das ist noch nicht unbedingt ein Zeichen, dass die Krise überstanden ist.

Im Monat Juni wurden im Kanton Solothurn und im Aargau mehr Firmen gegründet als im Juni 2019. Was angesichts der Wirtschaftskrise als Widerspruch erscheint, ist es nur auf den ersten Blick.

Zum Beispiel Deborah Winkelmann: Travel Dream Winkelmann, CHE-307.459.387, Titlisstrasse 2, 4665 Oftringen, Einzelunternehmen (Neueintragung). Auf diesen Handelsregisterauszug hat die Jungunternehmerin aus Oftringen mit Aufregung gewartet. Nun fehlt ihr nur noch eine Geschäftskontonummer, und schon kann sie durchstarten: Gemäss dem gleichen Auszug bietet sie fortan Reiseberatung an sowie «dazugehörige Dienstleistungen und Betrieb von Plattformen für Restaurants, Hotels und Freizeitangebote».

Was so bürokratisch klingt, bedeutet für sie eine Berufung: «Bei einer Karriereberatung vor zwei Jahren hat man mir gesagt, dass ich in der Beratung von Menschen aufblühen werde.» Nun hofft sie, mit einem individuell massgeschneiderten Angebot Kunden für sich zu gewinnen: Sie bietet an, anhand einer ausführlichen Wunschliste ihrer Klienten Reiseziele in der Schweiz auszukundschaften, Highlights herauszusuchen sowie mögliche Wanderungen und Aktivitäten zu planen. Reisebüro 2.0, nennt sie das. Auch verfügt ihre Einzelfirma Travel Dream Winkelmann über einen Zeltklappanhänger, den sie vermietet. Sie hofft, dass sich der gewagte Zug, in der momentanen Situation ein Reisebüro zu eröffnen, dadurch bewähren wird. Voller Unternehmergeist sagt sie: «Ich bin gespannt darauf, was auf mich zukommt.»

Diesen Zeltklappanhänger vermietet Deborah Winkelmann an ihren Kunden.

Diesen Zeltklappanhänger vermietet Deborah Winkelmann an ihren Kunden.

Nach dem Lockdown ist die Kurve in die Höhe geschnellt

Nach demselben Motto sind im ersten Halbjahr 2020 21'822 Firmen neu im Handelsregister eingetragen worden. Das sind zwar weniger als im Vorjahr – denn die Anzahl Neugründungen ist mit dem Lockdown eingebrochen. Doch die Zahlen für den Juni des Instituts für Jungunternehmen zeigen, dass die Firmengründungen im Vergleich zum Vorjahresmonat in die Höhe geschnellt sind: Nur einige Wochen nach dem Lockdown wurden schweizweit bereits 4'445 Firmen gegründet, 850 mehr als im Juni 2019.

Dabei gibt es starke regionale Unterschiede. Auffallend ist, dass in den Kantonen Aargau und Solothurn die Anzahl Firmen gestiegen ist: Der Kanton Aargau erfreut sich im Juni einer Erhöhung neuer Handelsregistereinträge um vier Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahresmonat. Im Kanton Solothurn sind es zwei Prozentpunkte.

Im Juli und August hat sich dieser Trend etwas abgeflacht bestätigt, im Kanton Aargau war die Zahl der Neugründungen sogar weiterhin sehr hoch. Heiner Mikosch von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) erklärt, dass der coronabedingte Einbruch bei den Firmengründungen im Kanton Solothurn sowie auf Ebene Gessamtschweiz bis August noch nicht ganz aufgeholt wurde, im Kanton Aargau hingegen schon.

Im Vergleich dazu sind die heftigsten Rückgänge in der Romandie und dem Tessin zu beobachten: -11 Prozentpunkte in der Waadt, -7 Prozentpunkte in Genf und gar -21 Prozentpunkte im Tessin gemäss den Zahlen des Instituts für Jungunternehmen. Die Analysen der KOF geben ein ähnliches Bild.

Vor übertriebenem Optimismus wird gewarnt

Regionale Unterschiede sind oft nicht einfach zu erklären. Heiner Mikosch wagt aber eine Vermutung: Es könne sein, dass Kantone, die besonders strenge Lockdownmassnahmen aufgrund der schwierigen Pandemielage durchsetzten, mehr Konkurse verzeichnen und auch weniger Neugründungen. «Ich kann das aber nicht mit einer Studie abstützen.»

Schnell könnten diese Steigerungen als positive Zeichen interpretiert werden: Dass Optimismus in der Wirtschaft zurückgekehrt ist, dass die Krise den Unternehmergeist nicht gebremst hat. Vor dieser vorschnellen Schlussfolgerung warnt Heiner Mikosch allerdings: «Ich würde diese Resultate mit grosser Vorsicht als Zeichen eines wiedergewonnenen Vertrauens in die wirtschaftliche Entwicklung interpretieren.» Gleichwohl räumt er ein, dass grössere Verunsicherungen zu weniger Unternehmenslust führen könnten. Doch die weitaus wahrscheinlichere Erklärung für den starken Aufschwung für den Monat Juni und die Folgemonate ist zu einem weiten Teil buchhalterisch: Während Wochen waren Handelsregisterschalter zu. «Was wir beobachten, ist gewissermassen ein Nachholeffekt», erklärt Heiner Mikosch.

Dies bekräftigt auch Pascal Hollenstein, Pressesprecher beim Institut für Jungunternehmen. Er wirft aber auch eine andere mögliche Erklärung: Das Institut unterstützt unternehmerische Personen bei der Firmengründung; seit den letzten Monate sei bei den Kunden eine Lust spürbar,  sich ein zweites Standbein zu sichern: «Die Corona Situation bringt auch eine gewisse Unsicherheit im Anstellungsverhältnis mit sich. Daher kann es naheliegend sein, sein Hobby zum Beruf zu machen oder ein lang aufgeschobenes Projekt nun zu realisieren. Vor allem sehen wir einen Trend in die Teil-Selbständigkeit.» Ob dieser Faktor tatsächlich schweizweit wirkt, kann er aber nicht beurteilen.

Die befürchtete Konkurswelle ist bis jetzt ausgeblieben

Die KOF gibt sich ebenso behutsam in der Beurteilung des Verlaufes von Konkursen. Die befürchtete Konkurswelle ist gemäss ihrem Bericht von Ende August ausgeblieben, auch wenn im Juni mehr Firmen Konkurs gingen als im Durchschnitt aller Vergleichsmonate der letzten 20 Jahre. «Zahlen zu Neugründungen und Firmenkonkursen müssen bereinigt werden, das heisst, dass saisonale Schwankungen, Trends und Strukturbrüche miteinbezogen werden müssen», schreiben die Forschenden.

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In den Grafiken oben sieht man, dass sich die Kurven der Neugründungen für die Kantone Solothurn und Aargau noch in den üblichen Schwankungsbereichen bewegen. Die KOF, welche dieDaten von Bisnode D & B bezieht und gemeinsam analysiert, erklärt sich den relativ milden Verlauf der Konkurskurven als Wirkung der wirtschaftlichen Massnahmen zur Abdämpfung der Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft.

Was aber nicht heisst, dass keine Konkurse kommen werden: «Einige Konkurse sind durch das Programm vermutlich nur aufgeschoben worden. Auch nach vergangenen Wirtschaftskrisen ergab sich ausserdem keine abrupte, sondern eine graduelle Zunahme der Konkurshäufigkeit.»

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