Déjà-vu vor Amtsgericht

Nach 20 Jahren klagen auch die Schwestern ihren Vater wegen sexuellem Missbrauch an

Waren die Missbräuche wirkliche Erinnerung oder eine Suggestion? (Symbolbild)

Waren die Missbräuche wirkliche Erinnerung oder eine Suggestion? (Symbolbild)

Wegen sexuellen Missbrauchs seiner ältesten Tochter wurde ein Gäuer vor 20 Jahren verurteilt – nun klagen auch die jüngeren Töchter gegen ihn. Am Montag musste er sich vor dem Amtsgericht Thal-Gäu verantworten.

Vor über 20 Jahren hatte ein Mann im Gäu die älteste seiner drei Töchter sexuell missbraucht. Er war geständig und wurde dafür zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Die Akte wäre längst archiviert, doch 2017 haben auch seine beiden jüngeren Töchter Anzeige erstattet. Ihr Vater habe sich auch an ihnen vergangen. Das Amtsgericht Thal-Gäu muss nun beurteilen, ob die Erinnerungen der jungen Frauen an ihre frühe Kindheit tatsächlichen Erlebnissen entsprechen, oder ob es sich um Suggestionen handelt, die sich zu Scheinerinnerungen entwickelt haben.

Begonnen habe es im Sommer 1996, sagte die ältere der beiden Privatklägerinnen bei der Befragung durch das Amtsgericht Thal-Gäu. Ihre erste konkrete Erinnerung: «Ich war in der Badewanne und mein Vater kam rein, liess das Wasser raus. Er fasste mich an der Vagina an, drang mit dem Finger rein und er hielt den Duschkopf an die Vagina.» Eine andere Erinnerung sei der Schmerz, als er den Finger in ihr After einführte. «Ein anderes Mal steckte er den Penis in meinen Mund. Ich erinnere mich, wie ich keine Luft mehr bekam, das Würgen und die Angst. Danach war es nass und klebrig auf meinem Körper. Einmal musste ich erbrechen.» Die heute 25-jährige Frau schätzte, dass sie damals etwa drei, vier Jahre alt war.

Die jüngere Tochter, heute 23-jährig, schilderte einen ähnlichen Vorfall, als sie etwa zwei Jahre alt gewesen sein müsste: «Ich sass in der Badewanne und er rieb mit der Duschbrause an meiner Scheide und dann auch mit der Hand. Es tat weh und ich hatte Angst.» Dieser Missbrauch beeinträchtige ihr ganzes Leben bis heute.

«Warum haben sie im Februar 2017 Anzeige erstattet?», fragte Amtsgerichtspräsident Guido Walser. «Er schrieb uns, dass er nach Thailand auswandern will und dort vielleicht noch ein Kind adoptieren möchte. Wir wollten nicht mehr wegschauen. Wir denken, dass er auch weitere Kinder missbrauchen würde. Wir waren ja nicht die einzigen. Er hat auch unsere Cousine missbraucht», erklärte die ältere der beiden Frauen.

Angeklagter bestreitet, pädophil zu sein

Der heute 59-jährige Angeklagte lebt mittlerweile in einer registrierten Beziehung und bezeichnete sich vor Gericht als homosexuell. Damals habe er mit seiner sexuellen Orientierung Probleme gehabt, er sei aber nicht pädophil. Der finanziell gut situierte Schweizer strich heraus, dass er damals geständig war und seinen Fehler bereute. Die beiden jüngeren Mädchen habe er aber niemals missbraucht. «Wenn ich sie duschte, hielt ich ihnen die Duschbrause hin, damit sie sich selber waschen, habe sie aber nicht angefasst.»

«Die Aussage passt nicht ins Bild eines Unschuldigen», kommentierte dies Staatsanwalt Raphael Stüdi in seinem Plädoyer. Schliesslich habe der Mann zugegeben, dass er seine älteste Tochter angefasst und missbraucht hatte und dabei sexuell erregt war. Bereits 2007 habe die zweite Tochter ihren Vater mit den neuen Vorwürfen konfrontiert, das sei belegt. «Die präzisen Erinnerungen an die Farbe der Plättli im Bad und die Duschmatte sprechen für sich. Eine falsche Anschuldigung kann ausgeschlossen werden.» Der angerichtete seelische Schaden sei immens. Stüdi forderte eine Verurteilung wegen Schändung und sexuellen Handlungen mit Kindern und eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten.

Rechtsanwalt Christoph Schönberg forderte dagegen einen Freispruch. «Die MeToo-Debatte hat nun also auch das Thal erreicht», sagte der Verteidiger. Er warf dem Staatsanwalt einen «übermässigen Belastungseifer» vor. «Heute ist es Mode geworden, vermeintlichen Opfern so lange zu suggerieren, dass ihnen Unsägliches angetan wurde, bis sie es selber glauben.» In diesem Falle hätten die Mädchen als Kleinkinder den Missbrauch ihrer ältesten Schwester mitbekommen. Weil das so oft thematisiert wurde, hätten sich die Suggestionen ihrer Erinnerung zu ihrem eigenen Erlebten entwickelt.

Die öffentliche Urteilsverkündung erfolgt am 23. September um 8.30 Uhr.

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