An einem sonnigen Julinachmittag 2012 nimmt die Idylle auf dem Weissenstein ein jähes Ende: Eine Wanderin, in Begleitung ihrer zwei Enkelkinder, wird von einer Mutterkuh gerammt und niedergetrampelt. Sie muss, schwer verletzt, mit der Rega ins Inselspital geflogen werden. In den darauffolgenden Tagen untersucht die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) die Kuhherde und kommt zum Schluss, das Unglück sei ein trauriger Zufall und nicht selbst verschuldet gewesen.

Das Thema der «gefährlichen» Mutterkühe ist seitdem jedoch in jeden Wanderers Munde. Kühe auf den Weiden sorgen bei Manchem für ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Aus diesem Grund hat die Beratungsstelle gestern den «Lehrpfad Rindvieh» auf dem Weissenstein vorgestellt. Auf 15 Thementafeln erhalten Wanderer Einblick in das Leben und Verhalten von Rindern. Der Lehrpfad ist ab sofort auf dem Berg begehbar und wird voraussichtlich flächendeckend auch in anderen Schweizer Weide- und Wandergebieten eingeführt.

Heinz Feldmann erklärt, wie man sich auf einer Kuhweide verhalten soll

Heinz Feldmann erklärt, wie man sich auf einer Kuhweide verhalten soll

Informationen statt Verbote

Heinz Feldmann von der Beratungsstelle betont, dass sich die Landwirte bereits grosse Mühe geben würden bei der Unfallprävention. So hielten sie beispielsweise die ganz jungen Kälber nur auf Weiden, über die keine Wanderwege führen, und machten mit offiziellen Mutterkuhwarnschildern auf die Herden aufmerksam. Da der Alptourismus aber stetig zunimmt, träfen sich die Wanderer und Tiere häufiger, was auch zu einem gewissen Konfliktpotenzial führe.

Um weitere Unfälle zu vermeiden, sei es darum wichtig, dass die Bevölkerung gut über das Verhalten und die Instinkte der Mutterkühe informiert sei. Darum habe die Fachstelle sich auch entschieden, Infotafeln statt Verbotsschilder aufzustellen, um die Regeln auf eine positive Art vermitteln zu können und gleichzeitig die Wanderer verstehen zu lassen, wie die Kuh tickt.

Das Wichtigste sei es, stets eine respektvolle Distanz zur Kuhherde zu halten, damit diese sich nicht bedroht fühle. Um die Kuh nicht zu verwirren und so eine Reaktion wie Flucht oder Angriff zu provozieren, sollte man sich ruhig und bedacht bewegen. Auch sollte man vor allem Kälber auf keinen Fall berühren, da die Mutterkühe einen ausgeprägten Mutterinstinkt haben und sie ihr Kalb vor jeder Gefahr beschützen wollen.

Hunde sollte man zudem immer an der Leine führen, weil Kühe in Hunden deren Vorfahren, den Wolf erkennen. Die Kuh unterscheidet nicht, ob der Hund sie angreift oder bloss spielen will und wird ihre Herde verteidigen wollen. Sobald ein Eindringling aufzutauchen droht, wird die Herde in Alarmbereitschaft versetzt und ist bereit, sich gegen die Bedrohung zu wehren.

Bedrohung oder Hilfe?

30 Mutterkühe und 32 Kälber weiden diesen Sommer auf dem Weissenstein. Innerhalb der Herde habe jede Kuh ihren eigenen Charakter und die Mutterinstinkte seien verschieden stark ausgeprägt, erzählen die Brüder Niederberger, Betreiber des Restaurants Sennhaus und des Landwirtschaftsbetriebs auf dem Weissenstein.

Ausserdem könnten Kühe unterscheiden, ob man ihnen helfen wolle oder nicht. Willy Niederberger schildert eine eindrückliche Geschichte: «Mitten in der Nacht rief mich ein Freund an und bat mich, einer seiner Kühe bei einer schwierigen Geburt zu helfen. Mutterkühe sind während der Geburt sehr nervös und reizbar, da sie eigentlich schutzlos sind. Die Kuh kannte mich aber und wusste, dass ich ihr helfen wollte, darum hat sie mich in ihre Nähe gelassen. Sobald das Kalb aber auf der Welt war, hat sie mich aber vertrieben, wie um zu sagen ‹Jetzt bin wieder ich die Chefin und beschütze mein Kalb selber.›»