Fröhlich streckt Daniel Künzi die Hand zum Gruss entgegen. Bei jedem Menschen erkennt man beim Händedruck sofort, wie die Hand des Gegenübers beschaffen ist. Ob feingliedrig oder eher grob, ob die Haut zart ist oder eher schwielig von der Arbeit. Bei Daniel Künzi fühlt es sich anders an. Ganz anders. Seine Hände und seine Unterarme sind künstlich. Er hat zwei Prothesen. Im Alter von 22 Jahren hatte Künzi einen schweren Schicksalsschlag erlitten, der sein Leben von Grund auf verändern sollte.

«Ich habe das gleich nach den Unfall gelernt, dass ich mit meiner Behinderung offen auf die Menschen zugehen muss», sagt der 56-jährige Künzi, nachdem er Platz genommen hat. «Man muss gleich den ersten Schritt machen und die Hand hinstrecken, dann ist das Eis gebrochen», erzählt er aus den gemachten Erfahrungen. «Und die Leute merken, dass ich abgesehen von den Unterarmen und Händen ganz normal bin.»

Das Restaurant Sternen in Solothurn füllt sich in der frühen Abendstunde. Gut gelaunt setzen sich die Leute an die gedeckten Tische. Daniel Künzi passt mit seinem legeren Tenü und der Sporttasche nicht ganz zu den anderen Gästen. Eben kommt er aus dem Hallenbad des ehemaligen Lehrerseminars, wo er ein Schwimmtraining geleitet hat. Von klein auf ist er im Schwimmsport aktiv, feierte grosse Erfolge an internationalen Meisterschaften und steht jetzt rund zehn Stunden pro Woche als Trainer am Beckenrand. Das nasse Element spielt im Leben von Künzi eine grosse Rolle, auch beim Wohnort, dem Wasseramt.

Mit eisernem Willen gekämpft

Zum Schicksalstag wurde der 22. September 1984. Ort: An einer Panzerhaubitze auf dem Waffenplatz Bière am Besuchstag für die Eltern. Bei einem scharfen Schuss kam es zu einer Störung. Korporal Künzi und zwei weitere Kameraden versuchten die Ladehemmung nach den Anweisungen des Reglements zu beheben. Dann explodierte die Ladung. Allen drei Soldaten wurden beide Unterarme weggerissen, bei Daniel Künzi wurde zudem das rechte Auge schwer verletzt.

Drei Monate nach dem Unfall erhielt er seine Prothesen. Dann lernte er ein Jahr lang, den Alltag mit den beiden künstlichen Händen zu bewältigen. «Manchmal ist mir die Essgabel 30-mal zu Boden gefallen, aber ich habe sie immer wieder aufgehoben und weitergemacht.» Künzi begründet seinen eisernen Willen mit seiner Einsicht, dass man sich als Mensch wehren muss, auch gegen sich selber. Man dürfe sich nicht hinunterziehen lassen. Ebenso wollte er seine gesellschaftliche Position erhalten.

Das Militär wurde sein Arbeitgeber

Kaum erwachsen, begann für Daniel Künzi durch den Unfall ein völlig neuer Lebensabschnitt. Der erlernte Beruf des Automechanikers war nicht mehr möglich. Bei Feusi absolvierte er zwei Jahre lang die Handelsschule und erhielt anschliessend vom damaligen Eidgenössischen Militär-Departement das Angebot, als Programmierer zu arbeiten. «Ausgerechnet beim Militär, wo du die Arme verloren hast», sagten seine Kollegen und schauten ihn etwas schräg an. «Für mich war damals ein sicherer Job wichtig», hält Künzi noch heute dagegen.

Und er ist seiner Arbeitgeberin treu geblieben, jetzt hat er beim VBS eine Kaderposition inne. Auch privat winkte nach dem Unfall das Glück: Er lernte seine Frau Angela kennen, Tochter Tamara und Sohn Marc kamen auf die Welt und mit zwei Enkelkindern ist bereits die nächste Generation da.

«Das Schwimmen hat mich geprägt»

Der Verlust der beiden Unterarme brachte ihn zurück zum Schwimmsport, den er als Knabe beim Schwimmclub Eichholz Gerlafingen ausgeübt hatte. Unter Profitrainern der ehemaligen DDR (Künzi: «Die hatten eine in der Schweiz noch nicht bekannte Härte») bereitete er sich auf Paralympics-Wettkämpfe vor.

Nach zweijährigem intensiven Training startete er 1992 bei den Paralympics in Barcelona und holte sich einmal Silber und zweimal Bronze, fast exakt acht Jahre nach dem Unfall. Es folgten viele weitere Podestplätze (siehe Kasten). Die 200 Meter vier Lagen sowie 50 Meter Crawl und Delphin waren seine Stärken.

Seit 1999 ist er als Trainer aktiv, zuerst bei den Schwimmklubs Eichholz Gerlafingen und Solothurn. Seit 2003 ist er Schwimmtrainer des Triathlon-Clubs Solothurn, zudem steht er beim Crawl-Träff und beim Sportzentrum Zuchwil am Beckenrand. Die positiven Rückmeldungen, die er bei den Trainings erhält, sind ihm Freude und Motivation zugleich.

«Das Schwimmen hat mich schon geprägt», sinniert Künzi. Auch die vielen Wettkämpfe im Ausland. Dort habe er Frauen und Männer gesehen, die mit viel schwereren körperlichen Beeinträchtigungen leben müssen und grossartige Sportlerinnen und Sportler sind. Da habe er stets zu sich selber sagen müssen: «Hey Künzi, dir geht es gut. Dir fehlen nur die Unterarme.» Er sagt dies mit seiner aufgestellten Art – und macht sich auf zum nächsten Training dieses Abends im Sportzentrum Zuchwil.