Die schier unüberschaubare Vielfalt von Vereinen und Verbänden bezeugt den Reichtum von Interessenslagen in unserem Land. All diese Vereinigungen verleihen ihren Mitgliedern Identität und verschaffen den gruppenspezifischen Anliegen in der Öffentlichkeit Nachdruck. Organisieren sich in solchen Vereinigungen aber in aller erster Linie die Betroffenen selber, trifft dies auf den Behindertenbereich oft nicht zu.

Das aber soll sich jetzt ändern: Kürzlich ist in der Stadt Solothurn der kantonale Verein «Selbstvertretung, Menschen mit Behinderung Solothurn» aus der Taufe gehoben worden. Einen vergleichbaren Verein gibt es bis jetzt nur noch im Kanton Zug.

Der Vorstand setzt sich ausschliesslich aus Betroffenen zusammen. Als Mitglieder willkommen sind besonders Menschen mit einer körperlichen, kognitiven oder psychischen Beeinträchtigung. Zusätzlich steht der Verein aber auch Fachleuten, Angehörigen, Bekannten und Freunden offen. «Alle, die sich für die Anliegen von Menschen mit einer Behinderung interessieren,» sagt Achim Bader, der Präsident des jungen Vereins. Einzelpersonen gehören da genau so dazu wie Organisationen. Die Mitglieder sind denn auch eine bunt zusammengewürfelte Gruppe.

Höhere Glaubwürdigkeit

«Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu den etablierten Behinderteninstitutionen, sondern vielmehr als Ergänzung», unterstreicht Bader. Der KV-Angestellte, der seit seiner Geburt mit einer cerebralen Bewegungsstörung lebt, arbeitet in einem Teilpensum bei Pro Infirmis, auf der Beratungsstelle Solothurn. Die Betroffenen können, so ist Bader überzeugt, ihre Anliegen am glaubwürdigsten selbst artikulieren. «Als Behinderte sind wir die Experten, wir wollen unsere Anliegen in der Öffentlichkeit deshalb auch selbst vertreten». Es war für ihn deshalb keine Frage sofort zuzusagen, als die Geschäftsstelle von Pro Infirmis Aargau Solothurn mit der Idee an ihn herangetreten ist, eine solche Selbstvertretung zu gründen. «Obwohl seit dem Behindertengleichstellungsgesetz vieles besser geworden ist, sind wir noch nicht am Ziel angelangt», begründet er seine Motivation. Er bezeichnet es zudem als eine «spannende Herausforderung», Aufbauarbeit leisten zu können.

Pro Infirmis hat während der Aufbauphase des Vereins noch eine Art «Götti»-Funktion. «Unser Ziel besteht aber mittel- bis langfristig in einer möglichst grossen Unabhängigkeit.» Neue Mitglieder zu generieren, stehe deshalb weit oben auf der Liste der Aktivitäten. «Wir wollen uns über Mitgliederbeiträge, Gönnerbeiträge und Spenden finanzieren können.» Derzeit werden deshalb – neben einer aktiven Medienarbeit – fleissig Briefe an Einzelpersonen und Organisationen verschickt. Und ganz wichtig natürlich: die Werbung von Mund zu Mund.

Angesprochen fühlen sich potenzielle Mitglieder aber nur dann, wie Achim Bader sehr wohl weiss, wenn der Verein auch mit attraktiven Projekten aufwarten kann. Und solche sind in Planung, eines ist bereits erfolgreich abgeschlossen worden: Seit einigen Wochen steht Rollstuhlfahrern in der Kulturfabrik Kofmehl in Solothurn eine geräumige und zweckmässig eingerichtete Toilette zur Verfügung. «Wir haben mit Pipo Kofmehl Kontakt aufgenommen und er ist sehr schnell auf unser Anliegen eingegangen», freut sich Achim Bader, selbst oft Gast an Kulturanlässen unterschiedlicher Art.

Weitere Projekte, welche der Verein in den nächsten Wochen und Monaten angehen will, drehen sich zum Beispiel um die Wohnungssituation, wo sich Menschen mit einer Behinderung gleich einer ganzen Reihen von Problemen gegenübersehen. Rollstuhlgängige Wohnungen seien immer noch sehr teuer und für viele deshalb kaum erschwinglich, beobachtet Achim Bader. Hinzu komme, dass es sehr schwierig ist in Erfahrung zu bringen, wo es solche Wohnungen überhaupt gibt. Und schliesslich haben etliche Vermieter immer noch Hemmungen, Menschen mit einer Behinderung überhaupt eine Wohnung zu vermieten. «Wir planen, mit Immobilienverwaltungen in Kontakt zu treten und im Gespräch miteinander nach Lösungen zu suchen.»

Mit Niederlagen umgehen lernen

Vereinspräsident Achim Bader ist sich dabei sehr wohl bewusst, dass solche Gespräche nicht immer zum Ziel führen werden, jedenfalls nicht sofort. «Solche Auseinandersetzungen sind aber nötig», sagt Achim Bader. «Wir Betroffenen müssen lernen, dass uns Gleichstellung nicht geschenkt wird, sondern dass wir vielmehr aktiv dafür kämpfen müssen.» In solchen Auseinandersetzungen liessen sich auch Vorurteile abbauen. «Unsere Verhandlungspartner erkennen dann, dass Menschen mit einer Behinderung konstruktive Gesprächsteilnehmer sind, mit denen man Lösungen erarbeiten kann.»

Eines der erklärten Vereinsziele sei die Sensibilisierung der Gesellschaft. Menschen mit Behinderung und ihre Anliegen sollen stärker wahrgenommen werden. Zudem will man erreichen, dass möglichst viele Betroffene an den Aktivitäten des Vereins teilnehmen. Bader: «Wir wollen die Leute aus dem Busch locken.» Jeder könne sich auf seine Weise einbringen. «Gerade Menschen mit einer kognitiven Einschränkung trauen sich viel zu wenig zu und meinen oft, sie könnten etwas nicht.» Eine Meinung, der Achim Bader vehement entgegentritt. «Ich stelle immer wieder fest, dass sich gerade Menschen mit einer Lernbehinderung sehr zuverlässig um die ihnen anvertrauten Aufgaben kümmern und auch über ein hohes Mass an Selbstreflexion verfügen.» Menschen mit einer kognitiven Einschränkung sind etwa auch im Vorstand vertreten.

Wie jeder andere Verein versteht sich auch der Verein «Selbstvertretung, Menschen mit Behinderung Solothurn» als Netzwerk für die Betroffenen selber. «Es ist etwas anderes, ob man sich mit Fachleuten über seine Probleme unterhält, oder direkt mit Betroffenen selbst», stellt Bader fest. Lustvolle Veranstaltungen wie Discos oder auch ein Brunch für Menschen mit und ohne Behinderung sollen den Gemeinschaftssinn sowie das Selbstvertrauen fördern – und auch zur Verständigung und Integration beitragen.

www.selbstvertretung-so.ch