Gastautorin

Meine erste Liebe

Lisa Christ ist Slam-Poetin und schreib über ihre erste Liebe.

Lisa Christ ist Slam-Poetin und schreib über ihre erste Liebe.

Es läuft gut. Ich trete seit zwölf Jahren bei Poetry Slams auf, seit zwei kann ich vom Schreiben und Auftreten leben, darf ab und an in einer Fernsehshow auftreten, für’s Radio Satire schreiben und einsprechen. Das ist aufregend, vielfältig, anstrengend und fordernd – aber es ist nice.

Ein Nebeneffekt der Umwandlung von Hobby in Beruf ist, dass meine Auftritte an regulären Poetry Slams seltener werden. Das hat einen ganz einfachen Grund: Während eines ganzen Slam-Abends steht man zwischen 6 und (je nach Modus und Finaleinzug) gerade mal 15 Minuten auf der Bühne und verdient praktisch nichts. Bei einem gebuchten Anlass hingegen stehe ich zwar nicht unbedingt länger am Mikro, verdiene aber wesentlich mehr – und wenn ich mein Soloprogramm spielen kann, habe ich die Bühne zwei Stunden für mich alleine. Die Rechnung ist einfach: Poetry Slams zahlen sich nicht aus – weder zeitlich noch energetisch.

Doch letzte Woche fanden wieder mal die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam statt und erinnerten mich an meine erste, grosse Liebe. Meisterschaften, das sind grosse Familientreffen, über 200 Leute einer Szene, die sich selbst liebevoll «Slamily» nennt, Menschen, die sich teilweise nahestehen, aber nur dieses eine Mal im Jahr live sehen. Es ist eine intensive halbe Woche mit etlichen Vorrunden, Halbfinals in Team- und Einzelkategorie, Rahmenprogramm und Aftershowpartys. Dieses Jahr konnte ich nicht am Wettbewerb teilnehmen, da ich am Finalabend selbst mein Solo spielte. Ich fuhr also nur als Veranstalterin hin, moderierte eine Vorrunde – und sah mir natürlich so viele andere Shows an, wie möglich.

Da sass ich also, einen Tag vor meiner Abreise, im Admiralspalast in Berlin, auf mit rotem Samt bezogenen Stühlen und stützte meinen Kopf auf der Balustrade ab, um die Bühne besser sehen zu können, wo das Team-Finale stattfand. Die erste Hälfte der Veranstaltung hatte es nicht geschafft, mich zu begeistern, meine Aufmerksamkeit war immer wieder abgedriftet. So ist es nun mal, dachte ich, es gibt nicht mehr viel, das mich berührt, nach so vielen Jahren und soviel Gehörtem – und immerhin ja genau das Poetry Slam: Die Versuche, das Scheitern, die Imperfektion. Doch dann geschah es doch noch, unverhofft: ein Text mit Relevanz, eine perfekt getimte Performance, Bühnenpräsenz und Wortgewalt vereint zu einer fetten Faust, mitten in meine Magengegend, wie heftiges Verliebt Sein, vom Bauch übers Herz in den Mund, Gänsehaut.

Also ja, mag sein, dass ich über das ganze Jahr hinweg so gut beschäftigt bin, dass ich manchmal aus den Augen verliere, woher ich komme und was mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Und wahrscheinlich wird die Zahl der Slams in meinem Kalender in Zukunft auch nicht mehr zunehmen.

Doch eines ist sicher: Poetry Slam ist die grosse Liebe meines Lebens. Wenn Text und Live-Performance präzise serviert und perfekt getimt einen ganzen Saal zum Beben bringen, dann gibt es absolut nichts Vergleichbares.

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