Wasser

Lebensader Grundwasser: Eine Selbstverständlichkeit die selten jemand hinterfragt

Industrie- und Gewerbezonen «wachsen» an die Grundwasserschutzzonen heran: Zum Beispiel beim umstrittenen Pumpwerk Moos in Oensingen.

Industrie- und Gewerbezonen «wachsen» an die Grundwasserschutzzonen heran: Zum Beispiel beim umstrittenen Pumpwerk Moos in Oensingen.

Es ist heiss und trocken: Ein Griff zum Wasserhahn, und schon sprudelt sauberes, kühlendes Nass ins Glas und löscht den ersten grossen Durst. Was bei uns selbstverständlich scheint, ist es keineswegs. Hinter dem Luxus steckt ein breit abgestütztes Versorgungssystem, das verletzbar ist und letztlich «am Tropf» des Grundwassers hängt.

Die Hitzeperiode der letzten Wochen hat messbare Folgen: Der Wasserkonsum landauf, landab stieg markant an (siehe Text «Maximalwerte»), und das führt da und dort bereits zu Konsequenzen. Die Bucheggberger Gemeinde Messen ruft ihre Einwohner dazu auf, «das Autowaschen, die Gartenbewässerung und Poolbefüllung mit Trinkwasser auf ein Minimum zu reduzieren und das Arbeiten mit Hochdruckreinigern zu vermeiden».

Zu ähnlichen Appellen könnte es bei entsprechenden Witterungsverhältnissen durchaus auch in anderen Gemeinden noch kommen. «Überall dort, wo die Fassungen auf Karst- oder Kluftgrundwasserleitern beruhen, kann lang anhaltende Trockenheit bei gleichzeitigem Anstieg des Verbrauchs zu Engpässen führen», erklärt Philipp Staufer. Und, so der Abteilungsleiter Wasser des kantonalen Amtes für Umwelt (AfU) weiter: «Wasserversorger, die nicht ausreichend vernetzt sind, rufen dann zu Einschränkungen im privaten Bereich auf, um die Spitzenbelastung zu dämpfen.»

Am Jurasüdfuss ist die Situation diesbezüglich etwas weniger heikel. Hier wird das Trinkwasser zu einem grossen Teil mit Pumpwerken aus dem unterirdischen Grundwasservorkommen bezogen, das unter dem Aaretal liegt. Dort sind allerdings auch heute noch die Folgen des letzten Hitzesommers feststellbar. Staufer: «Die Grundwasserspiegel haben sich im Winterhalbjahr nicht in allen Becken vollständig vom letzten Sommer erholt.»
Immerhin: Die meisten Gemeinden sind hier an Ringwasserversorgungen angeschlossen, in denen das lokale Auf und Ab des Wasserverbrauchs bisher gut ausgeglichen werden konnte. So oder so ist der unterirdische «Grundwasserschwamm» buchstäblich die Lebensader der ganzen Region.

Der Raum ist knapp – die Ansprüche sind gross

Umso wichtiger ist der Schutz dieses kostbaren Gutes. Doch da brechen mitunter Interessenkonflikte auf, bei denen der Gewässerschutz nicht selten das Nachsehen hat. Dies zeigt sich nicht zuletzt im wachsenden Druck auf die bestehenden Grundwasserschutzzonen. «Es ist kein Geheimnis – der Raum ist knapp», bringt es Philipp Staufer auf den Punkt. Er macht klar, dass Schutzzonen rund um regionale Wasserfassungen entsprechend gross dimensioniert sein müssen.

«Hier geht es nicht um das Durchsetzen von Gesetzen um ihrer selbst willen, sondern um den ausreichenden Schutz der Lebensgrundlage Wasser. Zwischen der Fassung und dem Gebiet, in dem der Mensch tätig ist, muss deshalb ein Abstand bestehen, der mindestens 10 Reaktionstage erlaubt.» So sollen die Wasserversorger im Schadenfall in der Lage sein, ihr Pumpwerk abzuschalten, die Versorgung via andere Verbundpartner sicherzustellen und Zeit für die Analyse und die Behebung allfälliger Verunreinigungen zu haben.

Schutzzonen: 60 Prozent sind zu überarbeiten

Hier gibt es allerdings noch einigen Handlungsbedarf, wie die zu Jahresbeginn publizierte Studie «Stand des Grundwasserschutzes im Kanton Solothurn» aufgezeigt hat. «Mehr als die Hälfte der Grundwasserschutzzonen im Kanton genügen den heutigen baurechtlichen Anforderungen nicht mehr, sie müssen überarbeitet und wo nötig angepasst werden», heisst es da. Konkret bestehen im Kanton rund 150 rechtsgültig ausgeschiedene Schutzzonen. Damit würden – abgesehen von fünf Ausnahmen – «alle im öffentlichen Interesse liegenden Fassungen durch eine Schutzzone geschützt».

Ganze 60 Prozent der Schutzzonen erfüllen jedoch nicht mehr alle heutigen gesetzlichen Anforderungen und müssen daher in den kommenden Jahren überarbeitet werden. Laut dem Bericht ist die Überarbeitung bei etlichen Fassungen bereits im Gang: «Dabei sind besonders Konflikte mit bestehenden, nicht schutzzonenkonformen Bauten, Anlagen und Nutzungen zu lösen.» Bei den meisten Fassungen sei dies mit verhältnismässigem Aufwand möglich, bei 20 Standorten seien die «Nutzungskonflikte aber derart schwerwiegend, dass für die Fassungen kurz- bis mittelfristig nach Alternativen gesucht werden muss».

Neubau in Gretzenbach – Ringen in Oensingen

Ein konkretes Beispiel ist Gretzenbach: Dort wurde wegen des Baus des Eppenbergtunnels die Erstellung eines neuen Pumpwerks nötig. Die Arbeiten am 4-Millionen-Franken-Projekt im Aarenfeld laufen auf Hochtouren und sollen bis Ende Jahr abgeschlossen sein.

Eines von mehreren Sorgenkindern ist in den Augen des Amts für Umwelt weiterhin das Pumpwerk Moos in Oensingen – mit seiner Fördermenge von 1,4 Mio. Kubikmeter Wasser pro Jahr eine grössere Anlage. Dieses Pumpwerk – in den 1960er-Jahren auf noch grüner Wiese gebaut – ist mittlerweile von verschiedensten Fabrikations- und Gewerbegebäuden geradezu eingekesselt, von denen einige die Schutzzone arg tangieren. Der Kanton hatte 2017 zunächst die Schliessung und einen Ersatz des Pumpwerks innerhalb von 10 Jahren verlangt.

Inzwischen scheinen die Zügel gegenüber der Gemeinde wieder etwas gelockert worden zu sein, und die Frist ist verlängert. Philipp Staufer zum Stand der Dinge: «Ein aufwendiger Pumpversuch belegte, dass die Fassung mit zusätzlichen Auflagen in der Grundwasserschutzzone S3 weiterbetrieben werden kann.» Einzig die Frage des vom Kanton geforderten zweiten Standbeines sei noch offen und Gegenstand weiterer Verhandlungen.

Oensingen gilt in den Augen von Kritikern als Beispiel dafür, dass man in den vergangenen Jahren bei der Ausdehnung von (Industrie-)Bauzonen nicht wirklich auf die Einhaltung bestehender Grundwasserschutzzonen geachtet hat. AfU-Mann Staufer gibt sich diplomatisch: «Es mag in der Vergangenheit Sünden gegeben haben, und man war da und dort wohl auch etwas blauäugig.» Der Kanton wolle nicht einfach befehlen oder verfügen, sondern in erster Linie überzeugen.

Immerhin sei es doch so, dass sowohl die Gemeinden wie auch Industrie und Wirtschaft «das grösste Interesse und die höchsten Ansprüche an sauberes Wasser in ausreichenden Mengen» hätten, argumentiert Staufer: Die Gemeinden zum Wohle ihrer eigenen Bevölkerung, die Wirtschaft, um weiterhin uneingeschränkt produzieren zu können.

Glück und Problem zugleich: «Es passiert selten etwas»

Dass manchmal das Verständnis für Schutzmassnahmen fehle, liegt nach Staufers Meinung auch daran, «dass der Risiko-Begriff nur schwer zu vermitteln» sei. «Wir haben zum Glück sehr selten Ereignisse – aber dann mit einem grossen Schadenpotenzial. Es kann nun mal vorkommen, dass zum Beispiel ein Tankfahrzeug in einem heiklen Gebiet verunfallt und Öl ausläuft – und das heisst, dass es zwingend die entsprechenden Absicherungen braucht.»
«Die Wasserversorgung ist eine unserer zentralen Infrastrukturen.

Sie muss funktionieren: 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr», unterstreicht der Abteilungsleiter Wasser. Die Abhängigkeit der Gesellschaft sei offensichtlich: «Schon der kleinste Leitungs-Unterbruch wegen einer Baustelle hat grösste Auswirkungen.»
Die Wichtigkeit des Wassers und auch des Gewässerschutzes sei im Grundsatz unbestritten, bilanziert Philipp Staufer. «Die Leute schätzen es, dass die Aare wieder derart sauber ist und im Sommer bedenkenlos darin gebadet werden kann.

Auch dass sie den Wasserhahn aufdrehen und reines Wasser trinken können.» Die Wasserversorgung sei aber auch eine vermeintliche Selbstverständlichkeit: «Etwas, das einfach funktioniert, und zu dem man sich nicht gross Gedanken zu machen braucht. Was alles dahinter steckt, dass alles so ist, wie es ist, das ist für die Konsumenten aber halt nicht auf den ersten Blick ersichtlich.»

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Autor

Urs Mathys

Urs Mathys

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