Rudolf Probst

Langendörfer Arzt war auch Botaniker mit einem Netz in alle Welt

Reger Fundstücke-Austausch per Post unter (Hobby-)Botanikern: Diese Pflanze schickte Auguste Charpié aus dem bernischen Mallerey im Jahre 1911 an seinen Botanikerkollegen Rudolf Probst (links).

Reger Fundstücke-Austausch per Post unter (Hobby-)Botanikern: Diese Pflanze schickte Auguste Charpié aus dem bernischen Mallerey im Jahre 1911 an seinen Botanikerkollegen Rudolf Probst (links).

Die Naturforschende Gesellschaft des Kantons Solothurn würdigt Rudolf Probst, ein Freizeitforscher aus Langendorf.

«Truppenweise rücken die Botaniker ins Feld mit ihren grünen Blechbüchsen», zitierte Tobias Scheidegger in einem Vortrag der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Solothurn einen damaligen Zeitgenossen.

Gemeint ist das Phänomen der ausseruniversitären Naturforschung um die vorletzte Jahrhundertwende. Scheidegger, Oberassistent am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Uni Zürich, befasste sich in seiner Dissertation damit. Dabei stiess der Zürcher auch auf Rudolf Probst (1855–1940), einen bemerkenswerten Botaniker und Arzt aus Langendorf.

Hoher Sammeleifer

Vor rund 50 Zuhörern referierte Scheidegger im Naturmuseum Solothurn über Probst – als Beispiel dafür, wie die «Petite Science» funktionierte. So bezeichnete er diesen ausseruniversitären freizeitlichen Forschereifer. «Im Gegensatz zu früher, als Forscher aristokratisch-patrizischer Herkunft waren, traten nun neue Männer auf den Plan, Söhne von Handwerkern, Krämern, Bauern», so Scheidegger.

Der seit 1848 vorangetriebene Ausbau des Schulwesens habe dies begünstigt. Der Boom zeigte sich in der Verbreitung von Anleitungsschriften und Utensilien für das Sammeln von Objekten aus Flora und Fauna. Scheidegger: «Die «Petite Science» ist charakterisiert durch eine Beschränkt- und Bescheidenheit in der sozialen Struktur, der räumlichen Kleinheit sowie der Erkenntnisweise.»

Kleinbürgerliche Akteure wie Lehrer, Krämer und Ärzte betrieben die Forschung oft gemeinsam in einem Verein. Nicht nur in grossen Universitätsstädten, sondern auch in ländlicheren Gebieten. Es bildeten sich Wissensmilieus aus, die mit lokalen naturhistorischen Museen und Gymnasien zusammenarbeiteten.

Forschung vor der Haustüre

Typisch dafür war, dass ein Zentrumsakteur eine Scharnierfunktion innehatte. Isaak Bloch war so einer. Er war Präsident der Naturforschenden Gesellschaft, Naturkundelehrer und Leiter des Museums. Es waren weder «grosse theoretische Würfe» noch experimentelle Laborversuche, sondern rein deskriptive Arbeiten. Fleissig sammelnd, inventarisierend.

«Die Forschung fand gleich vor der Türe statt, man sammelte, was einem vor die Augen kam.» Rudolf Probst habe gar unterwegs auf Patientenbesuch nach Pflänzchen Ausschau gehalten. Die Forschung sei lokalpatriotisch gewesen.

Probst habe nach seinem Medizinstudium schon an seinem damaligen Arbeitsort im Kanton Schaffhausen gesammelt. Als er um die Jahrhundertwende in seine Heimat nach Langendorf zurückkam, habe ihn der Ehrgeiz gepackt, eine bereits bestehende Veröffentlichung der lokalen Flora zu übertreffen.

Reger Austausch unter Kollegen

«Es bestand fast ein kleiner Wettstreit untereinander», sagte Scheidegger. Probst habe «Verbündete» gebraucht und dafür das Netz seiner Helfer geschickt ausgebaut. Beispielsweise habe ihm ein gewisser Hermann Bangerter aus Stüsslingen gepresste Exemplare einer Orchidee zugeschickt, um sich der Bestimmung zu vergewissern.

Probst beschenkte ihn daraufhin mit Dubletten seiner eigenen Sammlung mit dem Hinweis: «Sie können mir auch in Zukunft weiteres Material senden.» Die zahlreichen «Aussenposten» waren gut vertraut mit den lokalen Standorten und konnten ihrerseits auf das Lokalwissen der ansässigen Lehrer zurückgreifen.

Probst verarbeitete die Funde schliesslich in seinem Buch «Gefässkryptogamen und Phanerogamen des Kantons Solothurn und der angrenzenden Gebiete», das aber erst acht Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Dem Sammeleifer förderlich war der Ausbau des Weg- und Eisenbahnnetzes.

Die Eisenbahn spielte auch bei seinem andern grossen Werk eine Rolle, nämlich dem Buch «Wolladventivflora Mitteleuropas». Das ebenfalls erst postum veröffentlicht wurde. Denn mit der Eisenbahn wurden manche Pflanzen eingeschleppt. Heute heissen sie Neophyten, damals war es «Adventivbotanik».

Scheidegger: «Bereits auf seinen ersten Streifzügen stiess Probst auf eingeschleppte Pflanzen. Sie weckten sein Interesse.» Besonders in Industrielandschaften fand er sie. Etwa in Malzfabriken und Haferanlagen. Oder er wühlte in der Kammgarnspinnerei in Derendingen in Komposthaufen. «Das war ein Eldorado für Botaniker.» Da gab es Pflanzen aus fernen Kontinenten. «Manchmal fand er Pflanzen, bevor man sie in ihrem Heimatland entdeckt hat.» Probst tauschte sich mit Wissenschaftern anderer Länder rege aus und war weltweit anerkannt.

Noch heute von Bedeutung

Probst stellte jedoch auch fest, dass die Artenvielfalt abgenommen habe. Und so «spielte sein Detailblick auch eine wichtige Rolle für den Naturschutz». Probst war Gründungsmitglied der Solothurner Naturschutzkommission, später gar deren Präsident. Im Anschluss an den Vortrag sagte Thomas Schwaller vom Amt für Raumplanung, Abteilung Natur und Landschaft: «Wir gebrauchen sein Werk immer noch und nehmen es oft zur Hand. Wir sprechen fast jeden Tag von Probst.»

Schwaller fände es schön, wenn man eine Aktualisierung einer solchen Flora vornehmen könnte. Sein Amtskollege Jonas Lüthy bemerkte: «Das Werk steht auf einem hohen Sockel droben. Es ist fast schon eine Bibel.» Die Anwesenden durften zum Schluss ein Buch-Exemplar mitnehmen, das Naturmuseum hatte noch welche im Archiv gefunden. Schön war auch, dass etliche Nachfahren Probsts im Publikum sassen.

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