Solothurn
Kurt Aeschbacher spricht tabulos heikle Fragen an

Droht einem nach einem Knochenbruch die Einweisung ins Pflegeheim? Wird eine Operation im hohen Alter überhaupt noch ausgeführt? Wie fühlen sich Angehörige nach erfolgter Sterbehilfe – diese Fragen wurde an der Seniorenmesse in Solothurn diskutiert.

Ornella Miller
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Seniorenmess 55+ im Landhaus Solothurn mit Kurt Aeschbacher
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Podiumsdiskussion Dr. med Näder Helmy (Bürgerspital Solothurn), Schwester Verena (Spitalschwester Bürgerspital Solothurn), Kurt Aeschbacher, Dr. med. Dieter Breil (stv. Chefarzt Felix-Blatter-Spital), Ueli Oswald, Peter Kaufmann (Präsident Stiftung palliacura)
An der Messe selbst sind zahlreiche Stände rund umd Alter anzutreffen
Beratung war gefragt: Trotzdem fand die Seniorenmesse am Wochenende zum letzten Mal statt.
Darfs eine Leselupe sein
Auch Besteck und Teller gibts extra für die Älteren

Seniorenmess 55+ im Landhaus Solothurn mit Kurt Aeschbacher

Hansjörg Sahli

«Erbsen oder Kiesel?», fragt sich die ältere Frau, nachdem sie nahe am Ohr Büchsen geschüttelt hat. Schwierig zu entscheiden, besonders im lebhaften Gemurmel im Solothurner Landhaus, wo die Seniorenmesse stattfindet.

Hier herrscht dichtes Gedränge. Die Büchsenaufgabe gehört zu einem spielerischen Hörtest. 51 Anbieter präsentierten sich am Samstag. Senioren testeten Rollatoren oder portable Bildschirmlesegeräte mit erstaunlichen Funktionen.

Die Messe hat drei Schwerpunkte: Vorsorgen, Unterstützung finden, Geniessen. Die anderthalbstündige Diskussion mit Moderator Kurt Aeschbacher war ein Highlight. Es geht um die Frage selbstbestimmten Lebens und Sterbens. Aeschbacher greift tabulos schwierigste Punkte auf, die alte Menschen bewegen. Routiniert, aber einfühlsam spricht er über Ängste.

Droht einem nach einem Knochenbruch die Einweisung ins Pflegeheim? Dieter Breil, stellvertretender Chefarzt des Basler Felix-Platter-Spitals, erklärt, dass der Austritt schon beim Eintritt beginne. Eigentlich könne jeder nach Hause gehen, aber es müsse abgeklärt werden, ob man dort zurechtkomme. Das sei abhängig vom sozialen Umfeld und der Infrastruktur. Häufig seien die Angehörigen zwar umsorgend, aber den Aufgaben nicht gewachsen.

Was würde Gott dazu sagen?

Die Frage, ob eine Operation im hohen Alter überhaupt noch durchgeführt werde, beantwortet Näder Helmy, Chefarzt Orthopädie des Bürgerspitals Solothurn: Das Kriterium sei, ob die Operation die Eigenständigkeit des Patienten bewahren könne. Aeschbacher stellt fest, dass das Nachbehandeln wichtiger werde. Helmy erklärt, dass eine Tendenz dazu bestehe, zurückhaltender zu operieren, so könne man schneller heimgehen, müsse aber dort halt mehr tun.

Die 80-jährige Schwester Verena, die lange am Bürgerspital als spirituelle Begleiterin gearbeitet hat und es auch heute noch – als Freiwillige – tut, spricht über historische Unterschiede.

Kurt Aeschbacher Der 67-jährige Fernsehmoderator war an der Seniorenmesse in Solothurn – als Moderator.

Kurt Aeschbacher Der 67-jährige Fernsehmoderator war an der Seniorenmesse in Solothurn – als Moderator.

Tina Dauwalder und Thomas Ulrich

Warum interessieren Sie sich so fürs Alter, zum Beispiel auch mit der Zeitschrift «50plus», die Sie herausgeben?

Ich glaube einfach, in einer Gesellschaft, in der Jungsein eine solche Macht erhalten hat und in der das Alter schon fast als Krankheit deklariert wird, muss man die Werte des Älterwerdens r in Erinnerung rufen. Älterwerden heisst, erfahren sein.

Würden Sie sich als alt bezeichnen?

Eben, dieser Begriff ist für mich so schlecht besetzt. Ich würde mich als 67-Jährigen bezeichnen. Für ein kleines Kind ist das alt. Für mich-, ich sehe mich nicht anders als vor 30 Jahren – mit Veränderungen im Körper und mit Erfahrung im Kopf - zum Glück.

Womit haben Sie am meisten Schwierigkeiten beim Älterwerden?

Ich habe keine.

Keine?

Keine. Und das ist keine Lüge, Ich freue mich aufs Arbeiten. Schwierigkeiten hätte ich, wenn ich nicht mehr arbeiten dürfte.

Was ist das Schönste am Altern?

Gelassenheit. Dass ich mich bei einer schwierigen Situation daran erinnern kann, dass ja jede lösbar war, und dass das nicht mehr das sichere Ende von irgendetwas ist, sondern wahrscheinlich ein Neuanfang.

Interview: Ornella Miller

Oftmals wüssten die Patienten genau, was sie wollten, besässen aber nicht den Mut, es zu äussern. «Gott gibt, Gott nimmt...» wirft Aeschbacher in die Runde ein. Und fragt Schwester Verena, was die Kirche dazu sage. «Ich selber würde zwar nie zu Exit gehen», meint Verena, «aber warum soll man es einem Menschen verbieten?» Die Kirche frage sie einfach nicht. Sie tönt gar an, dass sie denke, dass Gott das einem Menschen nicht übel nehmen würde.

«Lebenswertes Leben»

Buchautor Ueli Oswald schildert, wie sein Vater, mit 90 Jahren «lebenssatt», freiwillig aus dem Leben schied und welch schwierigen Prozesse sie in der Familie dabei durchlebten. «Habe ich mich zu wenig eingesetzt?», frage man sich als Angehöriger.

Doch das gemeinsame Reden habe vieles geklärt. Auch Peter Kaufmann, Präsident der Stiftung Palliacura von Exit, veranschaulicht das Thema ebenfalls. Ein Kollege habe sich fürs Sterbefasten entschieden, da für ihn das Leben unerträglich gewesen sei.

Der Hausarzt habe das begleitet. Breil bekennt, dass sie die passive Sterbehilfe anwenden würden: «Wir verabreichen Medikamente, deren Dosis zum Tod führen können, aber das Ziel ist nicht der Tod, sondern das Leben lebenswert zu machen.»

Also etwa, um Schmerzen zu lindern. Die beiden Mediziner finden es gut, dass der Arzt nicht alleine über Leben und Tod entscheide. Die Wichtigkeit einer Patientenverfügung wird betont. Diese solle möglichst kurz und prägnant sein, man solle sie am besten mit sich herumtragen und sie auch noch beim Hausarzt und bei Angehörigen deponieren.

800 Besucher zählte die «Expo 55+» am Samstag, welche heuer zum sechsten und letzten Mal durchgeführt wurde. Es zeigte sich, dass man sich früh mit dem Alter auseinandersetzen sollte.