Lüsslingen/Nennigkofen

Kirschblütler: richtiges Umfeld für Menschen auf der Suche nach Stabilität?

Eine Familie aus der Kirschblütengemeinschaft ist Gastfamilie für beeinträchtigte Personen. Das Angebot steht im Zusammenhang mit dem nicht realisierten Projekt Mühlegarten, das auf dieser Wiese zu stehen käme.

Eine Familie aus der Kirschblütengemeinschaft ist Gastfamilie für beeinträchtigte Personen. Das Angebot steht im Zusammenhang mit dem nicht realisierten Projekt Mühlegarten, das auf dieser Wiese zu stehen käme.

Der Kanton akzeptiert zwei Mitglieder der streitbaren Gemeinschaft als Gastfamilie für beeinträchtigte Personen. Die Sekten-Fachstelle Infosekta sieht dies kritisch und die Gemeinschaft aus Lüsslingen/Nennigkofen wird wieder einmal Gesprächsthema.

Es gibt zu reden. Wie alles, was die Kirschblütengemeinschaft in Lüsslingen-Nennigkofen betrifft. Dieses Mal geht es um erwachsene, altershalber oder psychisch beeinträchtigte Personen oder Menschen, die allenfalls leicht behindert sind. Denn das kantonale Amt für soziale Sicherheit führt ein Ehepaar aus dem inneren Kreis der Kirschblütler als Gastfamilie für diese Personen.

Fragen stellen sich: Ist das kontrovers diskutierte Kirschblüten-Umfeld mit seinen sektenähnlichen Zügen der richtige Ort für Personen, die Stabilität suchen? Und wie steht es um das Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen Gastfamilie und Betreuten. Nicht zuletzt hat das Ehepaar kürzlich am Kirschblüten-Kongress «Tantra in der Psychotherapie» einen Kurs angeboten. Angekündigt worden war ebendieser Kongress mit den Worten: «Tantra in der Psychotherapie heisst, mit Übungen zu arbeiten, die das Bewusstsein (...), die Beziehungen, die Partnerschaft und die Sexualität fördern.» – Nicht zum ersten Mal interpretiert man im Umfeld des Psychotherapeuten und Kirschblüten-Chefs Samuel Widmer das Nähe-Distanz-Verhältnis zwischen Patient und Therapeut abweichend von Standesregeln.

«Wir müssen überall aufpassen»

Trotz alledem: Beim Kanton geht man offen und vorurteilsfrei mit der Gemeinschaft um. «Bei uns steht das Wohl der Schutzbedürftigen im Vordergrund und nicht, was ‹die Bevölkerung› denkt», sagt Ursula Brunschwyler, stellvertretende Chefin im Amt für soziale Sicherheit. Das Zusammensein der Kirschblütler unter sich lasse noch nicht auf den Umgang einer Familie mit betreuten Personen schliessen, mahnt Brunschwyler. «Wir verlangen von allen Institutionen oder Gastfamilien, dass sie keine einseitigen politischen oder religiösen Weltanschauungen bei der Betreuung einfliessen lassen. Und wir prüfen das auch.»

Für das Amt ist der Umgang mit unterschiedlichen Weltanschauungen, gerade im Heimbereich, nicht unbekannt. Brunschwyler verweist auf die religiöse oder anthroposophische Motivation, aus der heraus verschiedene Kinder- und Behinderteninstitutionen gegründet worden sind. «Wir müssen dort überall auch aufpassen.» Alle Familien würden deshalb sehr gut und relativ streng kontrolliert. Ausgewählt werden sie nicht vom Kanton, sondern von einer externen Organisation. Diese klärt die Eignung ab und beaufsichtigt die Familie. Der Kanton entscheidet nach eigenem Aufsichtsbesuch über eine abschliessende Bewilligung. «Wir haben dafür klare Richtlinien und Weisungen», sagt Brunschwyler. Zwei jährliche Aufsichtsbesuche durch die vermittelnde Organisation sind vorgeschrieben.

Im Falle des Ehepaares aus Lüsslingen-Nennigkofen, so Brunschwyler, «stellt sich das Problem aktuell gar nicht». Seit einer Ferienvertretung 2013 sei keine Person mehr dort untergebracht worden – und auch damals habe es keine Beanstandung gegeben. «Es ist grundsätzlich nicht so, dass das Angebot überrannt würde», ergänzt die stellvertretende Chefin des Amtes für soziale Sicherheit.

Kein Grund zu Aufregung oder Berichterstattung sieht das betroffene Ehepaar selbst. Es hält fest: «Die bewilligten Gästeplätze sind, ausser dem einen Ferienplatz, aufgrund von Platzmangel noch nie belegt worden.» Die Frau selbst arbeitet in einer sozialtherapeutischen Institution. Weder die Tätigkeit noch die Institution hätten etwas mit der Praxis von Samuel Widmer zu tun, wird betont. Aussagen zu Nähe und Distanz würden von aussen grundsätzlich missverstanden.

«Umfeld nicht günstig»

Grundsätzlich eher Mühe hat die Fachstelle Infosekta mit dem Gastfamilienangebot aus der Mitte der Kirschblütengemeinschaft – ohne dabei einer Familie allfällige Qualitäten absprechen zu wollen. «Das Umfeld ist an sich einfach nicht günstig», sagt Regina Spiess von der Infosekta-Geschäftsstelle. Denn Samuel Widmer und seine Anhänger stellten fachlich anerkannte Grenzen, wie weit die Betreuung von Patienten gehen dürfe, grundsätzlich infrage. Besonders wichtig sei deshalb, dass Gastfamilien eng begleitet würden.

Zwölf Gastfamilien aus dem ländlichen Umfeld, meist sind es Bauernfamilien, bieten im Kanton unter Begleitung einer Organisation familiennahe Betreuung und Unterbringung an. «Es gibt Personen, die lieber im ländlichen Raum als in Heimen leben möchten. Dort haben sie auch Anschluss an eine Familie», sagt Brunschwyler. «Die Familien haben ein kleines Nebeneinkommen. Aber reich wird damit niemand.»

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