Seraphisches Liebeswerk

Kinder fremdplatziert: Die unrühmliche Geschichte einer katholischen Institution

Das Seraphische Liebeswerk Solothurn, 1919 gegründet, ist bis heute eine wohltätige Institution. 75 Mitarbeitende arbeiten hier, etwa im Theresiahaus, in einem Tagesheim für Kinder, beim Sorgentelefon, in der Kinderkleiderbörse oder in einer Paarberatungsstelle. Nicht aufgearbeitet ist jedoch die Rolle der Institution bei der Platzierung von Kindern im Rahmen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen.

Das Seraphische Liebeswerk Solothurn, 1919 gegründet, ist bis heute eine wohltätige Institution. 75 Mitarbeitende arbeiten hier, etwa im Theresiahaus, in einem Tagesheim für Kinder, beim Sorgentelefon, in der Kinderkleiderbörse oder in einer Paarberatungsstelle. Nicht aufgearbeitet ist jedoch die Rolle der Institution bei der Platzierung von Kindern im Rahmen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen.

Das Seraphische Liebeswerk Solothurn feiert sein 100-Jahr-Jubiläum und seine grosse wohltätige Arbeit. Ausgeblendet wird der unrühmliche Teil der eigenen Geschichte: Man war bei der Fremdplatzierung von Kindern eine der Drehscheiben in der katholischen Schweiz.

Es wird gerade gross gefeiert beim Seraphischen Liebeswerk Solothurn. Zum 100-Jahr-Jubiläum der katholisch-karitativen Institution gabs nicht nur ein neues Werbevideo. Zur Festmesse in der Solothurner St.-Ursen-Kathedrale versammelte sich kürzlich, was die Stadt an politischer und klerikaler Prominenz zu bieten hat – von Stadtpräsident Kurt Fluri über CVP-Regierungsrat Roland Heim bis hin zu Bischof Felix Gmür. Gepriesen wurde das «unermüdliche Engagement» der Institution im Einsatz für die Schwachen.

Unerwähnt blieb die unrühmliche Vergangenheit: Das Solothurner «Liebeswerk» gehörte nämlich zu den Drehscheiben der katholischen Schweiz, wenn es ums Platzieren von Kindern ging, die im Rahmen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen aus Familien oder von alleinerziehenden Müttern weggenommen wurden. Gerade mal ein Satz dazu befindet sich in einer 20-seitigen Jubiläumsbroschüre.

«Man schaut oft zu sehr aus heutiger Sicht zurück»

Es dürften mehrere hundert, wenn nicht Tausende Kinder betroffen gewesen sein, die genaue Zahl ist unbekannt. Das Seraphische Liebeswerk organisierte vom Solothurner St. Antoniushaus aus Plätze in Heimen, Pflege- und Adoptivfamilien, «wobei streng auf den strikt katholischen religiösen Lebenswandel dieser Familien geachtet wurde», wie es der Historiker Thomas Huonker in einem Aufsatz* schreibt. Geschwister seien meist «voneinander isoliert» worden; «der Kontakt zu den Eltern nach Möglichkeit unterbunden». Huonker: «Adressen wurden geheim gehalten, Briefe wurden abgefangen.» Der Historiker beschreibt in seinem Aufsatz den Fall eines Mädchens, das in den 1940er-Jahren von seiner jenischen Familie getrennt und bis zur Volljährigkeit in 25 Pflegefamilien, Heimen, geschlossenen Institutionen und gar in die Zwangsarbeitsanstalt Schachen in Deitingen gebracht wurde. Es gab Fluchtversuche und Selbstmordgedanken. «Meist versuchten sich die Eltern gegen die Übernahme ihrer Kinder (...) zu wehren, zuweilen mit Hilfe von Anwälten; die engen persönlichen und institutionellen Beziehungen des Seraphischen Liebeswerks zu den zuständigen Behörden liessen solche Bestrebungen jedoch meist wirkungslos», so Huonker.

Besuch beim Seraphischen Liebeswerk im adretten Solothurner Greibenquartier. Oberin Käthy Arnold sitzt, gemeinsam mit ihrer Vorgängerin Marie-Theres Rotzetter, an einem Holztisch in einer der zahlreichen Liegenschaften, die man hier besitzt. Beide Frauen betonen: «Wir sind uns bewusst, dass auch Fehlentscheide getroffen wurden, unter denen die Betroffenen gelitten haben und zum Teil bis heute leiden.» Es habe trotz sorgfältiger Auswahl Pflegeeltern gegeben, die die Kinder nicht korrekt behandelt hätten. Auch in den Heimen sei – aus heutiger Sicht – pädagogisch «nicht immer alles optimal» gewesen. «Es tut uns leid, wenn nicht immer so geholfen wurde, wie man dies aus heutiger Sicht tun sollte», so Arnold.

Es beginnt eine Reise in die Geschichte. Die Oberinnen warnen: «Man schaut oft zu sehr aus heutiger Sicht zurück. Wir erachten die Unterscheidung der Verhältnisse, Erziehungsstile und der sozialen Hilfsangebote von damals und heute als wichtig.» Im Gespräch wird deutlich, warum man sich bei der Organisation «nicht vorstellen kann», das Thema Fürsorgerische Zwangsmassnahmen aufzuarbeiten. Man sieht sich nur als Rädchen in der Platzierungsmaschinerie. Man sei selbst «nicht befugt» gewesen, fürsorgerische Zwangsmassnahmen zu verordnen, heisst es. «Die Platzierung (...) erfolgte stets auf Anfrage und im Auftrag zuständiger Stellen und Behörden.» Vormundschaftsbehörden, Sozialbehörden oder überforderte Eltern hätten sich an das Seraphische Liebeswerk gewandt. Alkoholismus, Scheidungen, Gewalt oder Krankheiten der Eltern seien Gründe gewesen, weshalb die Institution «um Hilfe angegangen» worden sei. «Man hat die Zusammenarbeit mit den Eltern gesucht», sagt Arnold. Sie hat selbst in Kinderheimen und einem Heim für ledige Mütter gearbeitet und ist mit vielfältigen Nöten konfrontiert gewesen. Etwa mit ledigen Müttern, die an Suizid dachten, aus Angst, von ihrer eigenen Familie ausgeschlossen zu werden, wenn die Schwangerschaft bekannt würde.

Alt-Oberin Marie-Theres Rotzetter betont: «Man hatte früher noch wenige ambulante Beratungsstellen wie Erziehungsberatungen.» Es sei sogar das Seraphische Liebeswerk gewesen, das schon früh Erziehungs- und Therapiestellen aufgebaut habe. «Wir sind mit der Zeit gegangen.» Schon sehr früh habe die Institution auch Wert auf die Ausbildung gelegt.

Durchaus im Anspruch der Nächstenliebe gehandelt

101 Anfragen hat das Seraphische Liebeswerk in den vergangenen Jahren erhalten – im Zusammenhang mit der Möglichkeit, Gesuche um einen Beitrag aus dem Bundes-Solidaritätsfonds zu stellen. Von Betroffenen, von der Opferhilfe, von Staatsarchiven gingen Gesuche ein. «Bei persönlichen Nachfragen laden wir zu einem Gespräch ein. Dabei gibt es auch viele positive Rückmeldungen für die erfahrene Hilfe durch das Seraphische Liebeswerk, oft auch Dank, dass Ausbildungen ermöglicht wurden», erklärt Marie-Theres Rotzetter.

Andere Befunde liefert Historiker Huonker. Er spricht in seinem Aufsatz von Betroffenen mit Traumatisierungen aufgrund der Umplatzierungen, von «Schwierigkeiten der Identitätsfindung in familiärer, persönlicher und religiöser Hinsicht».

Die Gemeinden hätten dem Seraphischen Liebeswerk «freie Hand bei der Platzierung» gelassen, «im Gegenzug mussten sie nur einen Teil der dennoch anfallenden Pflegekosten, insbesondere in Heimen, bezahlen».

«Dass Kinder an diesen Pflegeplätzen, insbesondere bei Bauernfamilien, nicht selten schon im Alter von 5 oder 6 Jahren, und verbreitet ab 8 bis 9 Jahren, zu strenger Arbeit herangezogen wurden, war dem Seraphischen Liebeswerk Solothurn und den Behörden ersichtlich und durchaus erwünscht», schreibt Huonker. Kinder aus jenischen Familien seien stigmatisiert worden, Schwierigkeiten bei ihnen auf «schlechte Anlagen» zurückgeführt worden.

Einer, der sich im Dossier auskennt, ist Andreas Fankhauser. Der Solothurner Staatsarchivar und seine Mitarbeitenden haben in den vergangenen Jahren rund 300 Gesuche von Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen erhalten, die Einblick in ihre Akten forderten. In der Platzierung von Kindern habe das Seraphische Liebeswerk Solothurn «als Drehscheibe in der katholischen Deutschschweiz funktioniert», erklärt Fankhauser mit Blick auf die Dossiers. Zwar sei das Seraphische Liebeswerk längst nicht die einzige Institution gewesen sei, die so gehandelt habe. Aktenanfragen von Staatsarchiven aus der ganzen Deutschschweiz zeigten aber doch eine gewisse Bedeutung der Solothurner Institution.

Fankhauser will kein vorschnelles oder pauschales Urteil über das damalige Handeln treffen. Zwar sei das Vorgehen aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar und das Seraphische Liebeswerk habe am Vollzug der Zwangsmassnahmen mitgewirkt. Damals aber hätten diese Institutionen durchaus den Anspruch gehabt, aus Nächstenliebe zu handeln, etwa wenn Familien aufgelöst wurden oder uneheliche Kinder in arme Verhältnisse geboren wurden. Treiber hinter den Platzierungen seien oft Einwohner- oder Bürgergemeinden gewesen, die bei Institutionen wie dem Seraphischen Liebeswerk anklopften, da diese über ein Netzwerk zur Platzierung verfügten. «Die Gemeinden wollten oft möglichst wenig Geld ausgeben», nennt Fankhauser einen gewichtigen Faktor. Der Staatsarchivar hat miterlebt, wie Betroffene, konfrontiert mit ihrer Geschichte, wütend und traurig wurden. Er hörte aber auch von sehr positiven Erinnerungen an das Seraphische Liebeswerk. «Das Erlebte unterscheidet sich von Fall zu Fall.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1