Motorradtour

Keiner brauchte Strom: Die Warmduscher bleiben daheim

Beim Augenschein bei der Ladestelle für E-Motorräder in Trimbach zeigte sich kein einziges E-Motorrad.

Ein kühler Abendwind weht über den weitläufigen Parkplatz des Restaurants Isebähnli. Etwa dreissig Motorräder stehen aufgereiht entlang der Strasse und vor der Imbissbude. Neben Solothurner und Baselbieter Nummernschildern sieht man auch Aargauer, Zürcher, Luzerner und Jura-Wappen. Einige Baden-Württemberger und ein Exot aus St. Gallen sind auch darunter. Ein Lautsprecher dröhnt, ein paar Töfffahrer essen Bratwürste und Pommes frites. Kein Vergleich zu einem lauen Sommerabend, wo mehr als hundert Töffs in Reih und Glied stehen. «Die Saison ist vorbei», seufzt der Wirt Tomas Kolodzej. «Nur noch die Spinner sind da. Die Warmduscher bleiben daheim», ruft einer im Lederkombi, der das Gespräch mitangehört hat.

Vor einer Woche hatte Kolodzej zusammen mit Jonas Moser von der Firma Elfar die Ladestation für E-Motorräder in Betrieb genommen. Gäste können dort gratis ihre Batterien laden. Letzten Donnerstag waren etliche E-Motorräder vor Ort, die Moser mitgebracht hatte. Wie aber sieht der Parkplatz während eines gewöhnlichen Töfftreffs aus? Wie wird die Station genutzt?

Auf dem Parkplatz stehen die verschiedenen Marken. BMW, Kawasaki, Yamaha, die obligaten Honda Goldwing und natürlich einige Harley-Davidson. Ein paar Moto Guzzis sind auch zu sehen, sogar eine Royal Enfield. Ein Mittfünfziger mit Waldshut-Tiengener Kennzeichen hat gerade seine Bratwurst aufgegessen. Auf das Thema E-Töffs angesprochen, schüttelt er den Kopf: «Wenn ich an einem schönen Tag aufsitze, fahre ich zwischen 300 und 400 Kilometer. Das schafft ein E-Motorrad nicht, es gibt nicht genügend Lademöglichkeiten unterwegs.» Zudem daure das Aufladen zu lange. «Ich kann doch nicht vier Stunden warten, bis die Batterie wieder voll ist.» Auch findet er die Modelle zu teuer. Er komme ab und zu hier an den Töfftreff. «Das Feeling ist einmalig.» Für ihn ist das Motorrad mehr als nur ein Hobbyfahrzeug, er brauche es auch für den Beruf: «Wenn meine Frau das Auto nimmt, fahre ich eben Töff.»

Hauptproblem: die fehlenden Ladestellen

Weiter unten steht eine Gruppe von vier Luzernern. Mit E-Töffs kamen sie noch nie in Kontakt. «Ich glaube, das ist keine Alternative», sagt einer und spricht wieder die fehlende Ladeinfrastruktur an. «Da fehlt mir das Geräusch», sagt sein Kollege, worauf der dritte einwirft, es wäre doch interessant, einmal ein E-Modell auszuprobieren, eine Zero zum Beispiel. «Ich habe ja nicht gesagt, dass ich dann meine Benzin-Maschine gleich wegtue.» Alle lachen. Ein anderer Fahrer mit hochdeutschem Akzent findet die Preise zu hoch. «25 000 Euro für ein Motorrad, das ist doch irre!» Auch sei die Freiheit eingeschränkt: «Ich will drauflosfahren, ohne vorher zu planen, wo ich wieder anhalte.» Die E-Roller seien gut für den Nahverkehr, sagt er und dreht den Zündschlüssel. Gerne würde er öfters an den Töfftreff kommen. «Aber wenn da oben die mit den Schirmmützen stehen, macht es einfach keinen Spass.» Wohl wisse er, dass es früher viele Unfälle gegeben habe. «Aber wir sind nicht alle Raser», beteuert er.

Eine Vespa Jahrgang 1984 knattert auf den Parkplatz, stilecht mit Weidenkorb hinter dem Sozius. Von E-Motorrädern will der Fahrer nichts wissen: «Da kannst du gleich aufhören.» Sein Motto sei dasselbe wie das vom Muotathaler Wetterfrosch: «E chli stinke mues es!» Mit einer deutlichen Geruchsfahne hinter sich dreht er gegen Trimbach ab.

Volles Drehmoment, aber keine Vibrationen

In der Ecke steht ein Nidwaldner und beobachtet das Kommen und Gehen. Als einziger der Befragten hat er E-Motorräder schon einmal ausprobiert. Er kenne eine Vertretung, die habe ihm einmal die Möglichkeit für eine Testfahrt gegeben. Mit einer Zero und einer Energica sei er auf der Autobahn gefahren. Am Anfang habe es sich ganz merkwürdig angefühlt. «Es gibt gar keine Vibrationen vom Motor.» Begeistert war er von der Beschleunigung. «Das Gasgeben ist genial.» Von Anfang an habe man das volle Drehmoment. Statt Bremsen könne man einfach auf Rekuperation schalten, dann verlangsame sich die Fahrt automatisch. In der Kurve sei das Gefühl nicht viel anders als bei seinem Benzintöff. Ein E-Modell würde er vielleicht kaufen, aber erst, wenn er seine jetzige Honda ersetzen müsse.

Der «Sound of Freedom» gehört dazu

Neben ihm zieht ein Yamaha-Fahrer aus dem Oberbaselbiet seinen Helm an. «Es braucht einen Wechsel in der Lebensphilosophie, bis sich die E-Mobilität durchsetzt», ist er überzeugt. «Heute fahre ich an eine Tankstelle, fülle Benzin ein und bin in drei Minuten weg.» Zukünftig pausiere man an einem Ort, esse dort vielleicht während einer Stunde etwas, in dieser Zeit lade sich das Auto oder Motorrad wieder auf. Dass er damit genau das Konzept beschreibt, wie es Tomas Kolodzej fürs Isebähnli vorgesehen hat, weiss er nicht. «Wisst ihr, es herrscht eine intellektuelle Dekadenz», erklärt er den Umstehenden. «Eigentlich braucht es gar keine Töffs, weder benzinbetriebene noch elektrische. Das ist ja nur Fun!» Betretenes Schweigen. Das Thema E-Mobilität ist für ihn ein Wohlstandsproblem. «Geht doch mal nach Afrika und redet dort von Greta Thunberg. Wir können es uns leisten, über Ökologie und Klimawandel zu diskutieren. Dort unten haben sie echte Probleme.» Zum Töfffahren gehöre für ihn der «Sound of Freedom», das typische Geräusch des aufheulenden Motors. «Es muss doch tönen!» Der Honda-Fahrer neben ihm nickt.

Inzwischen liegt die letzte Bratwurst auf dem Grill. Auch wenn sich an diesem Abend kein E-Motorrad zeigte, bleibt Kolodzej optimistisch: «Die nächste Saison kommt und mit ihr die E-Töffs.»

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