Nunningen – 1893-Seelen-Gemeinde im Schwarzbubenland. Drei Restaurants gibt es hier. Und einen Landgasthof. Die «Eintracht» sieht genau so aus, wie man sich eine Dorfbeiz vorstellt. Weisse Fassade, braune Fensterläden, der Name der Beiz prangt in grossen Lettern über dem Eingang. Drinnen Holztische, eine Bar mit Zapfhahn und ein leuchtendes Schild, auf dem die angebotene Biersorte geschrieben steht.

Erna Hammel bietet gleich Wasser an – oder doch lieber Kaffee? Hammel ist 85 Jahre alt und verbrachte den Grossteil ihres Lebens in dieser Gaststube. 59 Jahre lang hat sie gewirtet. Sie hätte gerne nach einem runden Jubiläum mit der Arbeit aufgehört. Der Herrgott habe es halt anders gewollt, sagt Hammel und hebt den Arm in die Luft, um ihn dann nach einem leichten Schulterzucken wieder sinken zu lassen.

Hammel hat Herzprobleme und seit letztem Jahr einen Schrittmacher. Bei der Operation erlitt sie einen Schlaganfall. Den Umständen entsprechend, hat sie sich gut erholt. Das Sprechen daure etwas länger, sagt sie. Und die Arbeit wurde zu viel. Sie könne es auch nicht recht sagen, erklärt sie – aber ihr sei einfach nicht mehr so wohl. Oft springt Sohn Andreas ein, der nebenan wohnt, und nach der Mutter schaut, seit der Vater 1994 verstorben ist. Er erzählt stolz Erna Hammels Geschichte – so als hätte er das schon x-mal gemacht.

59 Jahre: «Rekordverdächtig»

Auch Vertreter des Verbandes Gastro Solothurn sind nach Nunningen gekommen. An diesem Tag wird die 85-jährige Hammel geehrt. Die Urkunde, die sie erhält, hat noch Platz an der Wand – zwischen der Auszeichnung für ihre 50-jährige Tätigkeit und dem «Fähigkeitsausweis für den Betrieb einer Wirtschaft», ausgestellt von der Wirteprüfungskommission des Kantons Solothurn im Jahre 1959.

Von einer rekordverdächtigen Wirtezeit spricht Urs Schindler, Vizepräsident von Gastro Solothurn. Und von einer «Kultbeiz» hier in Nunningen. Diese hat Hammel aber eigentlich durch Zufall übernommen, wie sie selbst sagt. Damals war sie 25.

Eine Urkunde für eine Wirtin:  Erna Hammel hat  59 Jahre im Restaurant Eintracht in Nunningen gewirtet und dem Beizensterben getrotzt.

Eine Urkunde für eine Wirtin: Erna Hammel hat 59 Jahre im Restaurant Eintracht in Nunningen gewirtet und dem Beizensterben getrotzt.

Urs Schindler, Vize-Präsident von Gastro Solothurn, und Vorstandsmitglied Roger Henz übergeben Erna Hammel als Anerkennung eine Urkunde und Blumen.

Erna Hammel: «Die Robuste»

Vor 60 Jahren suchte Hammel eine Wohnung etwas näher am Arbeitsort des Mannes, der in Nunningen als gelernter Bauschlosser tätig war. Dieser verunfallte damals zum zweiten Mal, bereits im Militär hatte er einen Unfall erlitten. Hammel wusste: «Ich muss jetzt auf eigenen Beinen stehen». Sie wohnten zuvor in Lützel, bereits mit zwei von fünf Kindern. Dann wurde die «Eintracht» – mit dazugehöriger Wohnung – verkauft. Hammel, bereits zuvor im Ausland in der Gastrobranche, übernahm das Restaurant. Führte dazu noch einen Laden und die Tankstelle vis-à-vis, zog die Kinder gross. «Sie ist eine Chrampferin», sagt der Sohn. Sie komme auch aus einer Chrampfer-Familie. Auch die 85-Jährige sagt: «Ich wusste schon immer, was ‹schaffe› heisst.»

Ursprünglich ist Hammel aus dem aargauischen Fricktal. Mit acht Geschwistern wuchs sie in einer Bauernfamilie auf. Sie war eine Sturzgeburt – kam mit acht Monaten und im Stall zur Welt. Der Doktor, erzählt der Sohn, habe der Mutter keine Überlebenschancen angerechnet. Doch der Grossvater habe ihr jeweils etwas Kuhmilch gegeben, und sie beim Ofen in der Stufe warm gehalten. Die Geschwister sagten über Hammel, ansonsten wäre sie wohl nicht «die Robuste», die sie heute ist.

Die Gaststube: «Mis Dehei»

Die Mutter schmiss den Laden alleine – der Vater war eher «der Unterhalter» im Restaurant, weiss Sohn Andreas Hammel. Erna Hammel habe auf dem Herd hinter der Gaststube ein Kotelett aufsetzen, vorne bedienen, und dann zurück zum Herd gehen können um das Fleisch zu wenden – «und kein einziges Mal hat sie ein Kotelett verbrannt.» Wenn ein Stammgast, der jeweils Dreiviertelstunden vor Feierabend – um 23.45 Uhr – vorbeikam, Schnitzel bestellte, dann wurde auch noch Schnitzel serviert. «Der Gast will, der Gast kriegt», habe die Devise gelautet.

Gekocht hat Hammel in der «Eintracht» nun schon seit rund fünf Jahren nicht mehr. Sie bediente aber nach wie vor die Gäste. Bis vor einiger Zeit pflegte sie auch noch einen Garten – so wusste die Kundschaft, woher Salat und Gemüse kamen. Das war aber nicht das, was die «Eintracht» ausmachte. «Das war immer sie», so der stolze Sohn. «Sie kann zuhören. Sie ist diskret.»

So wird Hammel wohl auch künftig noch Besuch vom einen oder anderen Stammgast erhalten. Sie bleibt in Nunningen, in der «Eintracht». Auch privat kocht sie nämlich auf dem Herd des Restaurants. In der Wohnung gibt es keine eigene Küche.

Von den fünf Kindern ist keines in der Gastrobranche; aber der Sohn von Andreas Hammel arbeitet als Koch in Zürich. Ob er die Beiz in Nunningen eines Tages übernimmt, ist aber noch nicht wirklich Thema. «Do isch mis Dehei», sagt die Wirtin in ihrer Gaststube. Die grosse Kaffeemaschine habe sie auch nicht verkaufen wollen. «Man muss ja schliesslich etwas anbieten können, wenn jemand vorbeischaut», meint der Sohn mit einem Augenzwinkern. 

Nachgefragt bei Urs Schindler, Vizepräsident Gastro Solothurn

Eine Wirtin, die fast 60 Jahre lang wirtet: Gehört Erna Hammel zu einer aussterbenden Sorte?

Das ist tatsächlich rekordverdächtig. Der Beruf Wirt ist sehr anspruchsvoll – viele versuchen sich darin und merken dann erst, dass es ohne sehr viel Herzblut nicht geht. So ist der Wirt ein aussterbender Beruf.

Während gleichzeitig die Beizen sterben?

Auf dem Land ist es schwierig: Die Leute gehen nach Feierabend ins Fitness, nicht mehr in die Stammbeiz. Menschen trifft man nicht mehr im Restaurant, man hat Natel und Computer. Früher machte man zudem lange Mittagspause in der Beiz, heute soll es möglichst schnell gehen. Auch am Wochenende jetten die Leute eher nach London oder Barcelona, als ins Dorfrestaurant zu gehen.

Kennen Sie ein Rezept gegen das Beizensterben?

Nein – ich denke aber, dass sich die Szene im Wandel befindet. Während Dorfbeizen sterben, boomen Trendlokale in Städten. Aber Wandel findet ja überall im Leben statt.