Coronavirus

Kanton ist für zweite Welle besser gerüstet - Akzeptanz für Massnahmen dafür tief

Abstand halten: Auch wenn die erste Corona-Welle überstanden scheint, gilt es noch immer, vorsichtig zu sein, um eine zweite Welle  zu verhindern. Dazu rufen Susanne Schaffner und Lukas Fenner auf.

Abstand halten: Auch wenn die erste Corona-Welle überstanden scheint, gilt es noch immer, vorsichtig zu sein, um eine zweite Welle zu verhindern. Dazu rufen Susanne Schaffner und Lukas Fenner auf.

Solothurn wappnet sich für eine zweite Coronawelle: Wie der Kanton seine Verantwortung wahrnimmt und warum es schwieriger werden könnte als beim ersten Mal, erklären Regierungsrätin Susanne Schaffner und Kantonsarzt Lukas Fenner im Interview.

453 erkrankte Personen, 17 Todesfälle. Diese Bilanz zieht der Kanton Solothurn nach der ersten Coronavirus-Welle. Diese scheint überstanden – auch Lockerungen gibt es schon seit einiger Zeit. Restaurants und sogar Clubs sind offen, die Schule findet grösstenteils vor Ort statt und die Züge füllen sich mit Pendlern, weil auch Homeoffice-Regelungen nach und nach gelockert werden. Auch die Menschen scheinen wieder unverkrampfter mit der ganzen Situation umzugehen, gehen gerade bei schönem Wetter vermehrt aus dem Haus. Die Krise wird aber – auch finanziell gesehen – so einige noch länger beschäftigen. Und vor allem: Die erste Welle mag vorbei sein, die Pandemie aber noch nicht. Daran erinnerte der Kanton diese Woche. Man befinde sich in einer ungewissen Zeit; vor einer möglichen zweiten Welle. Zu deren Bewältigung ist nicht mehr länger nur der Bund zuständig; auch die Kantone haben dafür mehr Verantwortung erhalten. Einerseits wolle man Neuansteckungen mit präventiven Massnahmen verhindern, so Kantonsarzt Lukas Fenner, und neue Fälle – sollte es diese dennoch geben – im Griff haben, so Regierungsrätin Susanne Schaffner.


Wer bei diesem Wetter vor die Tür geht, hat das Gefühl, Corona sei überstanden. Sie als Kantonsarzt beurteilen das sicher anders?
Lukas Fenner: Ich nehme die Situation auch so wahr: Die Leute möchten zurück in die Normalität. Aber: Es ist wirklich noch nicht vorbei. Es kann jederzeit zu einem Wiederanstieg der Fälle kommen oder eine zweite Welle geben – wobei ich nur darüber spekulieren kann, wann und in welchem Ausmass diese eintrifft.

Eine Rolle spielt gemäss einer früheren Aussage von Ihnen auch, ob es bis dahin einen Impfstoff gibt.
Fenner: Auch diesbezüglich lässt sich keine Prognose machen. Die Wissenschaft arbeitet unter Hochdruck daran. Aber es ist noch ein langer Weg von Studien bis hin zu einem einsetzbaren Impfstoff – und dass dieser in genügend grossen Mengen zur Verfügung stehen wird. Das gilt auch für Medikamente; eine etablierte spezifische Therapie gegen Covid-19 gibt es nicht. Nach wie vor kann man nur einzelne Symptome behandeln.

Ein Rückblick von der Polizei- und Gesundheitsdirektorin: Haben sich die Leute im Kanton genügend an die Massnahmen gehalten?
Susanne Schaffner: Wir ziehen heute ein gutes Fazit. Arbeitgeber, Institutionen und Privatpersonen haben sich wirklich bemüht. Natürlich war das zum Teil schwierig, etwa in Altersheimen, wo das Besuchsrecht eingeschränkt war. Aber es gab ja auch in diesem Bereich schrittweise Lockerungen.

Bestätigen die Zahlen das, Herr Fenner?
Fenner: Solothurn stand während der Pandemie tatsächlich nicht im Fokus. Einerseits liegt es daran, dass die Massnahmen gut eingehalten worden sind. Andererseits ist dies auch auf die geografische Lage des Kantons zurückzuführen – wir grenzen beispielsweise nicht an Italien, wo es viele Fälle gab, und befinden uns von daher in einer ganz anderen Situation als das Tessin.

Nun der Ausblick: Die Kantone haben mehr Verantwortung für Massnahmen im Falle einer zweiten Welle. Ist der Kanton Solothurn dafür bereit?
Schaffner: Weil wir das ganze schon einmal durchgespielt haben, sind wir sicher sensibilisierter als beim ersten Mal. Wir konnten in der ersten Welle viele Erfahrungen sammeln und darauf aufbauen; viel Organisatorisches fällt nun weg. Bei den Ressourcen gab es zwar Verschleisserscheinungen – jetzt sind wir gut gerüstet.

Sie sprechen vom Gesundheitsbereich?
Schaffner: Ja – beispielsweise die Spitex hat nun ein Konzept dazu, wie sie mit personellen Engpässen umgeht. Dann haben wir den kantonalen Gesundheitspool, in dem wir Pflegefachpersonen rekrutiert und mit einem Refresher-Kurs fit gemacht haben und die wir im Falle einer zweiten Welle einsetzen könnten. Gleichzeitig hat der Kanton auch im Bereich Infrastruktur aufgerüstet.

Erklären Sie.
Schaffner: Die Klinik auf dem Allerheiligenberg könnte als zusätzliche Entlastungsstation der Alters- und Pflegeheime gebraucht werden; die Asylunterkunft Fridau in Egerkingen könnte Menschen aus dem Asylbereich aufnehmen, wenn es in den anderen Zentren Engpässe gibt, und auch das ehemalige Gewerkschaftshaus auf dem Balmberg ist dafür parat. Auch wenn wir hoffen, dass es das alles gar nicht braucht; und es gar keine erneute Welle mit vielen Neuansteckungen gibt.

Das sollen auch Hygienemasken verhindern. Im öffentlichen Verkehr gibt es dafür aber keine Pflicht. Wie finden Sie das?
Schaffner: Ich finde das richtig. Gleichzeitig braucht es noch eine Sensibilisierung. Ich selber pendle und habe das Gefühl, wenn ich eine Maske aufsetze, erschrecken die Leute im gleichen Abteil noch. Aber: Je mehr Leute Masken tragen, desto normaler wird es.

Fenner: Jetzt noch auf Eigenverantwortung zu setzen, finde ich grundsätzlich in Ordnung – bei einer weiteren Zunahme der Fälle müsste man das mit der Freiwilligkeit sicher neu beurteilen.

Auch die Corona-App soll helfen, eine zweite Welle zu verhindern. Haben Sie diese installiert?
Schaffner: Ja, ich habe sie seit Donnerstag – dem Tag also, als es sie offiziell im App Store gab.

Fenner: Selbstverständlich habe ich diese. Schon während des Pilotversuchs habe ich sie ausprobiert.

Wie wichtig ist die App aus Sicht des Kantonsarztes – im Kanton, der in Bezug auf Covid-19 auch die Strategie «track and trace» verfolgt?
Fenner: Hier gilt es zu unterscheiden zwischen der App und dem klassischen Contact-Tracing. Es gibt einerseits die Swiss Covid-App. Diese ergänzt das klassische Contact-Tracing, für welches im Kanton ein ganzes Team zuständig ist. Wird eine Person positiv auf Covid-19 getestet, erhält sie vom Team einen Code, den sie im App eingeben kann. Erst dann benachrichtigt die App Menschen in der Umgebung über das Ansteckungsrisiko. Also: Die App ergänzt das klassische Contact-Tracing – ersetzt die Arbeit des Teams auf keinen Fall. Das klassische Contact-Tracing bleibt zentral.

Ein weiteres Ziel des Kantons ist es, mehr Tests durchzuführen.
Schaffner: Diese sind mittlerweile auch gratis – egal, ob man sich in einer Arztpraxis oder im Spital testen lässt.

Fenner: Das ist unsere Strategie; mehr zu testen und positiv Getestete sofort zu «tracen». Betroffene können sich in den Spitälern in Solothurn, Olten und Dornach oder in einem unserer ambulant-dezentralen Testzentren – mittlerweile haben wir deren acht – testen lassen. Auch niedergelassene Hausärztinnen und -ärzte bieten Tests an. Weiterhin ist auch die Lungenliga mit Tests unterwegs. Das ist gerade für Patientinnen und Patienten wichtig, die nicht mobil sind.

Mehr Tests, Contact-Tracing, Schutzmasken und -konzepte. Übersteht der Kanton eine zweite Welle so gut wie die erste?
Fenner: Wenn es eine zweite Welle gibt, wissen wir sicher besser, was zu tun ist. Gleichzeitig ist es für viele Personen in dieser ungewissen Phase nach der ersten Welle und vor einem allfälligen zweiten Ausbruch schwieriger, sich an Vorgaben zu halten. Der Lockdown war für einige einfacher – da gab es klare Einschränkungen, die für alle galten.

Schaffner: Es ist sicher schwieriger, ein zweites Mal strenge Massnahmen durchzuführen, dafür wäre die Akzeptanz sicher weniger vorhanden – gerade, wenn sie wirtschaftliche Folgen haben. Deshalb appellieren wir wirklich: Der Virus ist noch da, er ist immer noch ansteckend. Wir können uns – zumindest bis es einen Impfstoff, eine Therapie gibt – nicht in Sicherheit wiegen. Gerade auch während der Sommerferien, auch wenn viele wegwollen ins Ausland. Aber: Wenn wir uns jetzt vorsichtiger verhalten, braucht es hoffentlich auch keine einschneidenden Massnahmen mehr.

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