Obergrenchenberg

Israelis, Palästinenser, Iren und Schweizer bauen Hand in Hand eine Trockenmauer

16 Jugendliche aus verschiedenen Konfliktregionen legen auf dem Jura den Grundstein für die Freundschaft. Das Projekt «Mauern bauen, Brücken bilden» wird vom Lommiswiler Verein «Naturkultur» organisiert. Unser Redaktor war ein Tag lang mit dabei.

Seit dem Gaza-Krieg breitet sich Antisemitismus in Europa wieder rasant aus. Das zeigen auch einige Beispiele: Während ein paar Jugendliche im deutschen Wuppertal einen Molotowcocktail gegen eine Synagoge warfen, arteten in Frankreich propalästinensische Kundgebungen in Strassenschlachten aus. Dabei waren auch Hassparolen wie «Juden sollten vergast werden» zu hören.

Dieter Graumann, Präsident des jüdischen Zentralrats in Deutschland, sprach gegenüber der britischen Tageszeitung «The Guardian» von «den schlimmsten Zeiten seit der Nazi-Ära». Dass in einer Zeit wie dieser israelische Eltern ihre Tochter oder ihren Sohn nicht aus dem Land – vor allem nicht nach Europa – reisen lassen wollen, ist verständlich.

Nach einigen Telefongesprächen gelang es den Organisatoren des internationalen Trockenmauerlagers aber, die besorgten Eltern zu überzeugen, dass sich ihre Kinder auf dem Obergrenchenberg sicher fühlen können. Und so reisten diese vergangenen Sonntag in die Schweiz.

Am Montag dann blieb für die Familien im jüdischen Staat für einen Moment die Zeit stehen – nämlich als sie erfuhren, dass in der Schweiz drei israelische Touristen bei einem Zusammenprall mit einem Zug starben. Sie griffen zum Telefonhörer und versuchten, ihre Kinder in der Schweiz zu erreichen.

Für einen kurzen Moment war der Gaza-Krieg ganz weit weg und die Angst, eine Tochter, einen Sohn verloren zu haben, beklemmend nah. Als dann der Anruf nicht einmal durchgeleitet werden konnte, sahen die Familien ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Was sie nicht ahnen konnten: Auf dem Obergrenchenberg ist der Handyempfang mehr als nur dürftig.

«Riesenerleichterung für Eltern»

«Ich hatte zwei Familien am Apparat», sagt Oliver Schneitter und unterbricht. «Einer Familie am Anfang des Anrufs mitzuteilen, dass du der Hauptleiter des Lagers bist, hört sich für sie wohl schon wie der Todesanruf an. Zum Glück konnte ich ihnen gleich erklären, dass es ihren Kindern gut geht.» Wieder unterbricht er. «Die Erleichterung der Familien war riesig. Ich habe selbst eine Tochter, und dieser Anruf hat in mir Tränen ausgelöst», so Schneitter.

Die ganze Situation führe ein weiteres Mal vor Augen, wie sehr der Nahost-Konflikt das Leben von Israelis und Palästinenser beeinflusse. «Wir Schweizer sagen von uns, dass eine Woche ohne Handy ein bewussteres Leben ist, in anderen Ländern hat es aber einen total anderen Stellenwert», so der Präsident des Lommiswiler Vereins «Naturkultur». Jenes Vereins also, der am letzten Sonntag 16 Jugendliche aus Irland, der Schweiz, Israel und Palästina auf den Obergrenchenberg holte, um auf der Wandfluh Trockenmauern neu zu bauen.

Ein eigenes kleines Land entsteht

Beim Besuch auf dem immergrünen, aber an diesem Tag etwas düsteren Obergrenchenberg schuften die Jugendlichen bereits zwei Tage. Die 16 Teilnehmer sind in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe arbeitet morgens an der Mauer, die andere setzt sich währenddessen intensiv mit interkulturellen Fragestellungen und Begegnungsarbeiten auseinander. Dort ist vor allem der Nahostkonflikt ein Thema.

Auch Kochen und Hausunterhalt gehören zu den Aufgaben. Am Nachmittag gibt es dann einen Wechsel. Die Iren Dean und Shane, die Israeli Sapir und der arabische Druse Shady sowie die Palästinenserin Bayan und die Schweizerin Lina befassten sich gerade mit den ersten interkulturellen Fragestellungen – dabei erzählten sie einander etwa, wie in ihrem Land eine Hochzeit abläuft.

An einem grossen Holztisch vor dem Restaurant Obergrenchenberg lassen sie am Dienstagmittag anschliessend ihre bisherigen Erfahrungen Revue passieren. Überraschenderweise wirken sie überhaupt nicht wie eine Truppe junger Menschen aus verschiedenen Ländern, die sich gerade mal vor zwei Tagen kennen lernten.

Sapir Hadad, eine 19-jährige Israelin, sagt, dies sei am Anfang noch anders gewesen. «Am Anfang denkst Du, ‹oh, sie sind so anders als wir›, dann beginnst Du einander kennen zu lernen und Du merkst: ‹wir sind eigentlich sehr ähnlich›», sagt die junge Frau und lächelt.

Die anderen am Tisch nicken. Der 19-jährige Dean McCullough meint: «Jeder hat ein starkes Gefühl, wer er ist und woher er kommt, trotzdem können wir miteinander interagieren.» In gewissen Punkten sei man einer Meinung, in anderen wiederum nicht, das werde aber so akzeptiert. «Es ist gut, dass wir hier oben sind, an diesem wunderschönen ruhigen Ort. Hier ist es einfacher, über alles zu sprechen.

Du kannst von zuhause entfliehen und fühlst Dich sicherer.» Wieder nicken alle, und für einen Moment scheinen die verschiedenen Nationen ganz nahe beieinander. Es fühle sich an, als wäre hier oben aus verschiedenen Ländern ein eigenes kleines Land entstanden, so Sapir. «Und wir können hier sein, wer immer wir sein wollen.»

Projekt erfüllt Bestimmung

Was gibt es heute zum Mittagessen? Mit einem sarkastischen Unterton sagt Dean: «Vielleicht gibts wieder Käse ...» Die Schweizerin Lina berichtet dann, dass heute «Swiss Night» sei. «Es gibt Älplermagronen», und das habe sie Dean schon erzählt. Der habe darauf jedoch nur wissen wollen, ob schon wieder Käse da drauf sei. Alle am Tisch lachen – diejenigen, die das Gericht kennen, am lautesten. Dean meint nur: «Hier ist überall Käse, es ist schon hart.»

Am Nachmittag wandert die Gruppe auf die Baustelle an der Wandfluh. Bayan reicht Sapir einen Trockenstein. Für einen kurzen Moment berühren die Hände der beiden jungen Frauen gemeinsam ein Stück der Mauer: Palästina und Israel Hand in Hand – so muss es sein.

Jugendliche aus Israel, Palästina, Irland und der Schweiz bauen auf dem Obergrenchenberg gemeinsam an einer Trockenmaue

Jugendliche aus Israel, Palästina, Irland und der Schweiz bauen auf dem Obergrenchenberg gemeinsam an einer Trockenmaue

Das gemeinsame Bauen dient als Brücke für interreligiöse Begegnungen zwischen Protestanten und Katholiken aus Irland sowie Muslimen und Juden aus Israel und Palästina. Man benötigt nicht mal einen ganzen Tag, um mit Überzeugung zu sagen: das Projekt erfüllt seine Bestimmung.

Postkartenbild der Schweiz bröckelt

Am späten Abend an der «Swiss Night» im Vereinshaus des Ski- und Sportclubs Lengnau: Die vier Schweizer packen einige stereotype «Schweizereien» in einen Sketch. Natürlich geht es um Heidi. Sie wartet auf den Zug. Doch dieser kommt fünf Minuten zu spät, was Heidi ziemlich wütend macht. Zumindest hat sie dann im Zug ihre Ruhe, dort redet ja so oder so niemand mit ihr.

Zum Abschluss des Tages folgt dann noch eine Fragerunde. Eine junge Israelin möchte wissen, wie es die Schweiz schafft, mit so vielen verschiedenen Kulturen friedlich zusammenzuleben. Die junge Schweizer-Gruppe meint, dass «nicht immer alles so aussieht, wie es vielleicht scheint».

Sie erzählen vom Röstigraben und schliesslich auch von einer Partei «des rechten Flügels, die Stimmung macht gegen Muslime und Ausländer und versucht, die Bevölkerung zu vereinnahmen.» In den Gesichtern der Teilnehmer aus den anderen Ländern macht sich zu diesem Zeitpunkt ein etwas ungläubiger Blick breit und für einen Moment bröckelt ihr Postkartenbild der Schweiz.

Die Schweizerin Lina Geiger erzählt von ihren Erfahrungen während des Trockenmauerlagers auf dem Obergrenchenber

Die Schweizerin Lina Geiger erzählt von ihren Erfahrungen während des Trockenmauerlagers auf dem Obergrenchenber

Meistgesehen

Artboard 1