Positive Zwischenbilanz

Integrationsprojekt: Der Einstieg ist schwer, aber die Mehrheit packt die Chance

Marco Brudermann hilft Praktikant Misghina Shishay bei der Arbeit.

Marco Brudermann hilft Praktikant Misghina Shishay bei der Arbeit.

Die Integrationsvorlehre gibt es im Kanton seit zwei Jahren. Unternehmen, der Kanton und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ziehen eine positive Zwischenbilanz.

Der Einstieg in den Arbeitsmarkt in der Schweiz ist schwierig. Besonders dann, wenn eine Person in der Schweiz keinen Schulabschluss gemacht und keine Berufslehre absolviert hat. Wenn dann noch Sprachkenntnisse fehlen, ist die Lage scheinbar fast aussichtslos.

In dieser Situation fand sich auch Misghina Shishay. Der 32-Jährige stammt aus Eritrea, vor rund sechs Jahren kam er in die Schweiz. In Eritrea hatte er zwar rund ein Jahr lang als Mechaniker für Baumaschinen gearbeitet, das half ihm bei der Arbeitssuche in der Schweiz aber nicht weiter.

Doch Shishay hatte Glück: Er gehört zu elf jungen Männern, die im letzten Sommer eine Integrationsvorlehre im Automobilbereich antreten konnten. Momentan arbeitet er deshalb bei der Garage Galliker AG in Bellach mit. Zwei Tage die Woche besucht er die Integrationsklasse in der Berufsschule, wo vor allem der Deutsch- und der Fachkundenunterricht im Zentrum stehen.

Die Zwischenbilanz ist positiv

Die Integrationsvorlehre (INVOL) ist ein Projekt des Bundes, das vor zwei Jahren gestartet ist. Integrationsvorlehren werden in den Bereichen Automobil, Gastronomie, Logistik, Gleisbau, Betriebsunterhalt und Fleischwirtschaft angeboten, neu kommen in diesem Jahr das Bauhaupt- und Nebengewerbe dazu. Das Projekt wurde vorerst auf vier Jahre ausgelegt, ist also mittlerweile in der Halbzeit angelangt.

Von Beginn weg dabei war auch der Kanton Solothurn, und grundsätzlich sei man mit dem Projektverlauf zufrieden. Das schreibt Patrick Seiler vom Amt für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen vom Kanton. Auch von den Unternehmen seien die Rückmeldungen mehrheitlich positiv.

Im ersten Jahr haben im Kanton 38 Personen eine Integrationslehre angetreten, 36 schlossen diese ab, und davon haben 29 eine Anschlusslösung in einer zwei- oder dreijährigen Berufslehre gefunden. «Damit ist die Zielsetzung des Pilotprojektes vollumfänglich erreicht», so Seiler. Aktuell machen 22 Personen eine Integrationsvorlehre, wie viele von ihnen eine Anschlusslösung finden, ist noch unklar.

Auch Shishay weiss noch nicht mit Sicherheit, wie es für ihn nach dem Jahr bei der Galliker AG in Bellach weitergeht. Die Lehrstelle in dem Betrieb ist bereits besetzt, möglicherweise könnte er im nächsten Jahr eine Lehre antreten. Die Arbeit habe ihm Spass gemacht, erzählt Shishay mit leiser Stimme. «Es hilft mir sicher, um ins Berufsleben einzusteigen. Und der Kontakt mit meinen Mitarbeitern hat mir gefallen», sagt er. «Aber mit der Sprache hatte ich am Anfang Schwierigkeiten. Das hat mich am meisten gestresst.»

Nicht nur für Shishay, sondern auch für seine Vorgesetzten waren die ersten Wochen eine Herausforderung. Etwa für Werkstattleiter Gregor Stöckli. «Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet», erzählt Stöckli. «Ich wusste nicht, wie viel er bereits kann und wie gut er uns versteht. Und dann kommt noch dazu, dass er am Anfang sehr still war», erinnert er sich. Shishay mache seine Arbeit aber gut, so Stöckli. Trotzdem nehme die Betreuung mehr Zeit in Anspruch als die Betreuung der anderen Lehrlinge, vor allem, weil sich Stöckli mehr Zeit für Erklärungen nehmen und Shishay enger begleiten muss.

Trotz dieser Herausforderungen habe man die Zeit mit Shishay in der Werkstatt aber positiv erlebt, so Betriebsleiter Marco Brudermann. «Er hat gut mitgearbeitet, er hat sich schnell integriert und hat die Arbeit gesucht. Aber auch menschlich war es ein schönes Erlebnis. Wir konnten sehen, dass es sich lohnt, wenn man einer Person eine Chance gibt.»

Brudermann hat bereits in seinem vorherigen Betrieb Erfahrungen mit dem Projekt INVOL gesammelt. Er schätzt vor allem die enge Zusammenarbeit zwischen der Berufsfachschule und den Betrieben. «Mir war es wichtig, dass wir bei Problemen einen Ansprechpartner hatten und uns regelmässig austauschen konnten», so Brudermann.

Fehlende Sprachkenntnisse als Hindernis

In der Berufsfachschule Solothurn ist Hans Guggisberg für die Integrationsklasse im Bereich Automobil verantwortlich. Er hilft den Kandidaten unter anderem dabei, einen Betrieb für die Integrationsvorlehre zu finden. Mittlerweile habe INVOL bei den Garagisten einen guten Ruf, so Guggisberg. Auch im Unterricht erlebe er die Teilnehmenden sehr engagiert. «Viele schreiben sich alles auf und stellen viele Fragen», erzählt er.

Motivation ist eine wichtige Voraussetzung, um am Projekt INVOL teilnehmen zu können. Ausserdem müssen die Teilnehmenden einen Status als aufgenommener oder vorläufig aufgenommener Flüchtling haben, zwischen 18 und 35 Jahre alt sein und über Deutschkenntnisse auf dem Niveau A2 verfügen. Auch Berufserfahrung ist für die Teilnahme wichtig.

In den letzten zwei Jahren hat es sich laut dem Kanton gezeigt, dass vor allem die Deutschkenntnisse eine Hürde sind. «Wir stellen eine abnehmende Zahl geeigneter Kandidatinnen und Kandidaten fest, welche die Aufnahmebedingungen erfüllen», so Patrick Seiler vom Kanton. Für das Schuljahr 2020/2021 absolvieren im Juni 26 Personen einen Sprachstandtest. Wie viele davon eine Integrationsvorlehre absolvieren können wird Anfang Juli bekannt.

Als weiterer Stolperstein für das Projekt hat sich der Lohn der Praktikanten erwiesen. Die Praktikanten verdienen zwischen 300 bis 600 Franken pro Monat, was für einige nicht ausreicht. «Für eine Minderheit der Teilnehmenden ist das kurzfristig höhere Einkommen ausserhalb der Integrationsvorlehre wichtiger als der längerfristig angestrebte Abschluss einer beruflichen Grundbildung», so Seiler vom Amt für Berufsbildung. Und das, obwohl ein Abschluss später zu verbesserten Chancen auf dem Arbeitsmarkt führe.

Berufsfachschullehrer Guggisberg kennt dieses Problem, mit einigen Schülern habe er auch darüber gesprochen. «Einige haben Familien im Ausland, die von ihnen erwarten, dass sie Geld schicken», erzählt er. «Deshalb wollen sie möglichst schnell arbeiten». Für viele sei es auch schwer zu verstehen, dass die Integrationsvorlehre allein noch keine Berufsausbildung sei.

Autor

Rebekka Balzarini

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