Asyl

Integration der Flüchtlinge wird zur grossen Herausforderung

Der Kanton sieht nicht die Unterkünfte als dringenste Frage. Vielmehr gehe es um die Integration. (Themenbild)

Der Kanton sieht nicht die Unterkünfte als dringenste Frage. Vielmehr gehe es um die Integration. (Themenbild)

Beim Thema Asyl diskutiert die Bevölkerung meist über Unterkünfte. Dringender wäre es, über die Integration von Flüchtlingen zu reden, heisst es beim Kanton. Es drohen steigende Sozialhilfekosten.

Der Fax kündet dem Amt für soziale Sicherheit meist an, dass der Bund wieder Asylsuchende in den Kanton schickt. «Am Freitagabend, wenn Ladenschluss wäre, werden uns die Leute vor die Türe gestellt», sagt Amtschefin Claudia Hänzi.

12 Asylsuchende sind es in der Regel pro Woche. Nach 40 Tagen im Erstaufnahmezentrum in Basel erhalten sie ein Zugbillett und fahren zu einer der kantonalen Anlagen, auch wenn der Kanton dort alles andere als viel Platz hat. Die 710 Plätze des Kantons sind zu 98 Prozent belegt.

Doch für Amtschefin Hänzi, die in den vergangenen Monaten händeringend Anlagen suchte (und fand), ist nicht die Unterbringung das drängendste Problem. «Die grosse Herausforderung ist, was mit den Leuten in den nächsten Jahren passiert», sagte sie am Dienstagabend vor Gemeindevertretern, als Einwohnergemeindeverband und Kanton zum «Asylgipfel» geladen hatten. Spezialisten aus dem Asyl- und Volksschulbereich versorgten die Gemeinden mit Fakten.

«Geld allein reicht nicht»

Hänzi mahnte: «Integration wird nicht einfach mit einem Sprachkurs gelöst. Integrationsarbeit hat viel damit zu tun, die Menschen in der Gesellschaft aufzunehmen.» Während sich etwa in Brüssel Parallelgesellschaften gebildet hätten, habe die Schweiz dies bisher zu verhindern gewusst. «Das Erfolgskonzept der Schweiz ist es, zu den Leuten zu gehen.»

Mit Geld könne dies nicht erreicht werden. Es brauche Freiwilligenarbeit, Vereine und Begegnungsorte. Hänzis Chef, Regierungsrat Peter Gomm, betonte ebenso wie Thomas Blum, Geschäftsführer des Einwohnergemeindeverbandes: Wird zu wenig integriert, hat das langfristig Folgen. «Integrieren wir die Leute nicht genug, steigen die Kosten im Bildungs- und im Sozialhilfebereich», so Blum.

Drei bis vier Monate bleiben Asylsuchende in der Regel in einer Unterkunft des Kantons, bevor sie auf die Gemeinden verteilt werden. «Kanton und Gemeinden kümmern sich um das reale Leben der Asylsuchenden», so Hänzi. Sprich: Wohnen, Sprache, Integration. Das Asylverfahren an sich bleibt jedoch immer Angelegenheit des Bundes. Der Bund zahlt monatliche Pauschalen für Asylsuchende und Flüchtlinge, die deren Lebenskosten decken sollen. Erhalten Asylbewerber den Status als anerkannte Flüchtlinge, können sie den Wohnort wählen.

In den kantonalen Anlagen erhalten die Asylsuchenden Deutschunterricht. Es gibt Arbeitseinsätze etwa in der Neophytenbekämpfung. Sobald die Asylsuchenden in den Gemeinden leben, greifen verstärkt Integrationsmassnahmen. Anne Birk und David Kummer vom Amt für soziale Sicherheit erläuterten, was der Kanton heute bereits in Sachen Integration für Asylsuchende und für anerkannte Flüchtlinge tut: Es gibt etwa Qualifizierungsangebote in den Gemeindewerken wie Regiomech oder Oltech.

Bereits am Dienstagmorgen hat die Regierung bekräftigt, Asylsuchende verstärkt in den Arbeitsmarkt integrieren zu wollen. Die Regierung empfiehlt dem Kantonsrat, einen Auftrag von Franziska Roth für erheblich zu erklären. Die SP-Kantonsrätin fordert darin, Hürden für Arbeitsbewilligungen abzubauen. Die Regierung betont, dass derzeit ein Konzept zur Arbeitsintegration ausgearbeitet werde. Konkrete Angaben dazu bleibt sie allerdings schuldig.

«Zu wenig»

Olaf Wirtz, Leiter des Sozialdienstes Wasseramt Ost, setzte am Dienstagabend ein Fragzeichen hinter die aktuellen Integrationsbemühungen. Zwar sei die Theorie gut. «Aber die Ressourcen fehlen.» Er habe gerade einmal 130 Stellenprozent, viel zu wenig.

Für die anwesenden Gemeindevertreter war aber doch die Frage der Unterbringung wichtig, insbesondere ob der Kanton bei Containerlösungen etwa in Industriegebieten Hand biete. Christoph Schläfli, Leiter Rechtsdienst im Baudepartement, betonte, der Kanton werde erst bei Beschwerden aktiv, sonst entscheide die Baukommission. Konkreter wurde Ruedi Bieri vom Amt für Raumplanung.

Jede Baute müsse zonenkonform sein, sagte er. Aus Biezwil kam die Frage nach der Sicherheit. «Es gibt ein riesiges Unbehagen», so die Gemeindevertreterin. Insbesondere bestehe Angst vor radikalisierten Muslimen. Hänzi betonte, dass der Bund so weit möglich die Vergangenheit der Asylsuchenden überprüfe.

Das Thema wird den Kanton weiter beschäftigen: Im Januar und Februar zählte die Schweiz 6323 Asylgesuche (Vorjahr 3334). Trotzdem: «Hektik ist nicht angebracht», sagte Peter Gomm. «Hamburg hat vergangenes Jahr 40 000 Asylsuchende aufgenommen. So viel wie die Schweiz.»

Eine vorausschauende Planung aber sei nötig. Amtschefin Hänzi sagte: «Wir sind nicht an einem Punkt, den wir noch nie erlebt hätten.» Während der Jugoslawienkriege seien die Zahlen höher gewesen. Sie räumte aber ein: Damals sei die Integration etwas einfacher gewesen, weil einige der Flüchtlinge bereits als Saisonniers hier gearbeitet hatten.

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