Im September 1977 wurde die lange Zeit als «Schulheim» bekannte Soloturner Institution eröffnet. Weshalb gerade damals?

Céline Ducommun: Unsere Schule geht auf das Engagement von Eltern mit Kindern zurück, die durch eine cerebrale Bewegungsstörung beeinträchtigt sind. In den 1970er-Jahren gab es für diese Kinder im Kanton Solothurn weder eine bestimmte therapeutische Einrichtung noch eine Schule, die auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet war. Je nachdem, wie sich die einzelnen Gemeinden organisiert haben, konnten diese Kinder eine Schule besuchen, oder eben nicht. Und die Eltern mussten für die nötigen Therapien weite Strecken zurücklegen. Eine Gruppe von Eltern legte dann den Grundstein für unsere Institution, die zuerst in Langendorf und seit vielen Jahren in Solothurn angesiedelt ist.

Spezialisiert war die Schule zu Beginn auf Kinder mit cerebralen Bewegungsstörungen. Wie hat sich die Schülerschaft in den letzten 35 Jahren verändert?

Es gab eine Zeit, in der auch Kinder mit starken intellektuellen Einschränkungen bei uns betreut wurden. Mit der Entstehung verschiedener kantonaler Institutionen im Sonderschulbereich konzentrierten wir uns zunehmend auf Kinder, die vor allem unter körperlichen Beeinträchtigungen leiden. Neben Kindern mit cerebralen Bewegungsstörungen betreuen wir auch Kinder mit Problemen im motorischen Bereich oder solche, die besonders schlecht hören oder sehen. Spezialisiert sind wir weiter auf Kinder mit Muskelschwund und solche, die an einer Autismusspektrumsstörung leiden. Immer wieder sind solche körperliche Beeinträchtigungen auch verbunden mit Lernbehinderungen oder speziellen Begabungen unterschiedlicher Art.

Es gibt heute eine Reihe von privaten und öffentlichen Sonderschulen im Kanton. Jagen Sie sich nicht gegenseitig die Schüler ab?

Nein, ganz bestimmt nicht. Wie ich angetönt habe, sind die einzelnen Institutionen auf bestimmte Beeinträchtigungen spezialisiert. In unserem Bereich sind wir kantonsweit einzigartig. Derzeit sind wir gerade daran, uns im Bereich der Sinnesbehinderungen weiterzuentwickeln. Hier gibt es im Kanton bis jetzt noch kein Schulangebot. Die verschiedenen Institutionen stehen in einem ständigen Austausch miteinander. Es geht immer darum, für ein bestimmtes Kind die bestmögliche Betreuung zu finden.

Wie unterscheidet sich der Schulbetrieb von dem einer Regelschule?

Wir unterrichten nach dem regulären Lehrplan. Jedes Kind arbeitet aber nach einem individuellen Förderplan. Der individualisierte Unterricht erfordert kleine Klassen. Die Klassengrösse liegt zwischen acht und 13 Kindern. Öfter als in der Regelschule sind bei uns mehrere Lehrkräfte gleichzeitig im Klassenzimmer. Die Leistungsfähigkeit der Kinder einer Klasse ist sehr unterschiedlich. Eine Lehrperson kann unmöglich in vier bis acht Lernniveaus gleichzeitig unterrichten. Bei Kindern mit Muskelschwund und cerebralen Bewegungsstörungen spielt zudem der Computer im Unterricht schon seit vielen Jahren und teilweise in frühen Lebensjahren eine wichtige Rolle.

Wie organisiert die Schule die Therapien der einzelnen Schüler?

Diese Therapien sind bei uns direkt in den Stundenplan integriert. Das hat zur Folge, dass die ganze Klasse nur bei rund einem Fünftel der Unterrichtslektionen beisammen ist. Häufig wird eines der Kinder oder gleich mehrere ausserhalb des Schulzimmers therapeutisch betreut. Es bedingt eine komplizierte Organisation, dass neben den oft zahlreichen Therapien noch genügend Zeit für den Unterricht bleibt.

Wenn immer möglich, werden heute Kinder in die Regelklasse integriert. Was bedeutet dies für Ihre Schule?

Die Entscheid, ob ein Kind die Sonderschule besucht, liegt seit einigen wenigen Jahren beim Kanton. Zuvor hatten die Sonderschulen eine aktivere Funktion bei der Mitbestimmung ihrer Schüler. Früher haben denn auch eher mehr Schüler als heute ihre Schullaufbahn bei uns begonnen. Falls möglich wurden sie dann später in eine Regelklasse integriert. Heute starten die Kinder tendenziell häufiger in der Regelklasse und kommen dann, wenn die Integration nicht funktioniert, zu uns in die Sonderschule.

Gehen die Schülerzahlen aufgrund dieser Entwicklung zurück?

Nein. Wir hatten und haben in den letzten Jahren immer ungefähr gleich viele Schülerinnen und Schüler. Das hat zum einen damit zu tun, dass relativ viele Schüler, die ursprünglich in die Regelklassen integriert worden sind, später zu uns kommen, weil sie in der Regelschule zu wenig unterstützt werden können. Zudem zählen zu unseren Schülern neu auch Kinder, die gar nie bei uns in die Schule gegangen sind. Sie werden aber durch unsere spezialisierten Heilpädagoginnen in der Regelschule gefördert. Das ist ein Bereich, den wir noch stärker ausbauen möchten.

Wird die Integrationsmöglichkeit von Kindern mit Entwicklungsstörungen heute überschätzt?

Nein. Doch ob eine Integration möglich wird, ist vermehrt abhängig von Faktoren, die wir als Schule gar nicht beeinflussen können. Ansprechen möchte ich hier vor allem den steigenden Leistungsdruck in der Regelschule. Diesen Druck bekommen auch die Lehrpersonen zu spüren. Dadurch aber bleibt weniger Zeit, um sich um die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler einer Klasse zu kümmern.

Wie gelingt Ihren Schülern der Übertritt in die Berufswelt?

Wir haben den Anspruch, dass jeder Schulabgänger eine Anschlusslösung findet. Und das ist auch tatsächlich der Fall, entweder direkt nach der obligatorischen Schulzeit oder
nach einem zusätzlichen ein- oder zweijährigen Kurs, in dem wir die Jugendlichen gezielt auf die Integration in die Arbeitswelt und das gesellschaftliche Leben vorbereiten.

Wie sehen diese Anschlusslösungen konkret aus?

Die Mehrheit unserer Schüler absolviert eine Ausbildung in einer Institution, die auf Menschen mit körperlichen Einschränkungen spezialisiert ist. Angepasst an das schulische Niveau können das ganz unterschiedliche Ausbildungen sein. Es gibt aber auch Schulabgänger, die in der freien Wirtschaft eine Lehrstelle finden. Es ist auch schon vorgekommen, dass jemand die Kantonsschule besuchen konnte.

Unterstützen Sie Ihre «Schützling» weiterhin - gerade wenn diese in der freien Wirtschaft eine Lehre machen können?

Bis jetzt ist das noch nicht der Fall. Wir sind aber mit dem Kanton diesbezüglich im Gespräch. Es ist nämlich durchaus sinnvoll, Lernende an ihrem Arbeitsplatz durch unsere spezialisierten Heilpädagogen weiterhin zu unterstützen.

Wie ist die längerfristige Perspektive Ihrer ehemaligen Schüler?

Das Hauptziel unserer Schule besteht darin, dass unsere Schüler später möglichst selbstständig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Rund die Hälfte unsere Abgängerinnen und Abgänger finden in der Institution, wo sie ihre Ausbildung gemacht haben, eine Anstellung. Ein Fünftel der Jugendlichen wechselt nach der Ausbildung in geschütztem Rahmen in den ersten Arbeitsmarkt. Ein weiteres Fünftel absolviert bereits die Ausbildung in der freien Wirtschaft und bleibt auch dort. Circa zehn Prozent der jungen Erwachsenen arbeiten an einem geschützten Arbeitsplatz.