Regionales Überangebot

In Kleinaltersheimen macht sich «ein leeres Bett sofort bemerkbar»

Fallern: Durch einzelne freie Betten existenziell geschwächt.

Fallern: Durch einzelne freie Betten existenziell geschwächt.

Seniorenpensionen mit geringer Platzzahl haben es schwierig, auf dem Markt zu bestehen. Für grosse Heime ist ein Überangebot kaum ein Problem, in kleineren löst es gewissen Druck aus. In den letzten zwei Jahren kam es im Kanton zu zwei Schliessungen.

Nach 18 Jahren ist Schluss: Nicole Schneeberger hat ihr kleines Altersheim in Rüttenen Ende September geschlossen. Acht Bewohner mussten umplatziert werden, 17 Angestellte verloren ihre Stelle. «Es fiel mir nicht leicht», sagt Schneeberger, die mit 30 Jahren die Heimleitung der Seniorenpension Fallern übernommen hatte.

Die Leitungsfunktion bot sich ihr 1997 eher zufällig, als sie zusammen mit ihrem Mann nach einem Wohnhaus suchte. Dabei stiess das Paar auf das Gebäude in Rüttenen, das zu jener Zeit bereits ein Kleinstaltersheim mit zwei Bewohnern war.

Einhergehend mit dem Kauf des Hauses entschied sich die ausgebildete Krankenschwester dazu, das bestehende Heim weiterzuführen. Im Verlauf des 18-jährigen Bestehens der Pension wurde deren Kapazität laufend erweitert: «Wir wollten möglichst viel Fläche umfunktionieren, um noch mehr Senioren ein Zuhause bieten zu können.» So baute das Ehepaar in Eigenarbeit zwei der drei Stockwerke zum Altersheim aus, das schliesslich zehn Bewohnern Platz bot.

Zuletzt waren jedoch nicht mehr alle Betten belegt. Für ein kleines Pflegeheim wie das «Fallern» eine empfindliche Einbusse: «Die Fixkosten sind vergleichsweise hoch, weshalb sich ein leeres Bett sofort bemerkbar macht», erklärt Schneeberger.

Zusätzlich erschwerend hätten sich zwei Regierungsratsbeschlüsse ausgewirkt. Seit diesem Jahr gelten einerseits neue Tarife für die sogenannten Pflegebeiträge der öffentlichen Hand.

Diese wurden dem Niveau der umliegenden Kantone angepasst, was zu einer finanziellen Mehrbelastung der Altersheime geführt hat. Gleichzeitig wurden die Beiträge, welche die Patienten selbst zu bezahlen haben, erhöht.

Diese machen jedoch weit weniger aus als die kantonalen Beiträge. «Wir erhielten somit monatlich rund 5000 Franken weniger für unseren Betrieb», so Schneeberger.

300 neue Plätze bis 2020

Dass ihr Heim zuletzt nicht mehr voll ausgelastet war, führt Schneeberger auch auf die behördliche «Bettenplanung 2020» zurück. Diese sieht vor, im Kanton bis zur Jahrzehntwende 300 neue Altersheimplätze zu schaffen.

Rund ein Viertel davon seien im vergangenen Jahr insbesondere in bestehenden Heimen im oberen Kantonsteil neu geschaffen worden, sagt Urs Hufschmid, Präsident der Gemeinschaft Solothurnischer Alters- und Pflegeheime.

Zuvor habe im Kanton ein Nachfrageüberhang existiert: «Mit der Bettenplanung wollte man dieser Nachfrage Rechnung tragen.» Mittlerweile herrscht ein leichtes Überangebot, das sich auf aktuell neun freie Plätze im ganzen Kanton beschränkt.

Für kleine Heime könne aber bereits dies einen gewissen Druck auslösen, währenddem leere Betten für grössere Heime weniger problematisch seien, wie Hufschmid erklärt.

Innerhalb seines Verbandes sei die Erhöhung der Kapazitäten umstritten gewesen: «Wichtiger wäre uns gewesen, neue Angebotsarten wie Tagesstätten oder ein Wohnen mit Dienstleistungen zu fördern.» Mit derartigen Angeboten hätten Betagte die Möglichkeit, die gewünschten Pflegeleistungen modular nach ihren Bedürfnissen zusammenzustellen.

Lohnkürzungen keine Option

Die Forderung nach ambulanten Angeboten wolle man berücksichtigen, sagt die stellvertretende Leiterin des kantonalen Amtes für soziale Sicherheit, Ursula Brunschwyler.

Auch bei der Anzahl der neu zu schaffenden Betten ist man dem Verband offenbar entgegengekommen: Ursprünglich seien gar rund 600 neue Plätze geplant gewesen. «Die Anzahl hochbetagter Bürger nimmt zu», verweist sie auf die demografische Entwicklung, die eine Kapazitätserweiterung notwendig gemacht habe.

Dass die Schliessung des Kleinheimes in Rüttenen eine direkte Folge der Bettenplanung sei, stellt Brunschwyler infrage. Es sei jedoch möglich, dass neugebaute Heime den Leuten attraktiver erscheinen, da man von modernerer Ausstattung ausgehe.

Kleinere Heime seien aber generell sensibler bezüglich Auslastungsschwankungen, meint auch Brunschwyler: «Ein bis zwei leerstehende Betten führen bereits zu wirtschaftlichen Problemen. Dazu kann es auch durch Todesfälle kommen.»

Dass Nicole Schneeberger ihr Heim letztlich schloss, hängt denn auch nicht nur mit den veränderten politischen Umständen zusammen: «Auch gesundheitliche Probleme haben mich zu meinem Entscheid geführt.» Nach 18 Jahren Doppelbelastung als Heimleiterin und Mutter von vier Kindern kam sie irgendwann an ihre körperlichen Grenzen.

Sparpotenzial hätte es bei den Löhnen gegeben, die sie ihren Angestellten eher grosszügig ausbezahlte, wie Schneeberger sagt. Doch diesen Schritt wollte sie aus moralischen Gründen nicht machen.

Künftige Nutzung ungewiss

Ähnliche Überlegungen machte sich auch Christine Haas, die ihr kleines Pflegeheim in Kriegstetten Ende 2013 schloss. «Es ist heute sehr schwierig, qualitativ hochwertiges Personal zu finden», bedauert Haas, die in ihrem Heim zehn Bewohnern Platz bot.

Sie hätte schlechter qualifizierte Angestellte beschäftigen müssen, um rentabler zu werden. Zu diesem Kompromiss war sie nicht bereit, ebenfalls aus ethischen Überlegungen, wie sie sagt. Änderungen in den Qualitätsvorgaben des Kantons hätten zudem Investitionen in Millionenhöhe bedingt, die Haas nicht tätigen wollte.

Was nun mit den Räumlichkeiten des geschlossenen Heimes in Rüttenen passieren wird, ist derzeit unklar. Drei Kaufverhandlungen mit grösseren Pflegeinstitutionen aus der Region seien gescheitert.

Und die von Schneeberger angebotene Umnutzung zum Durchgangszentrum für Asylsuchende habe beim Kanton kein ausreichendes Interesse geweckt. Nun möchte sie ihr Heim vermieten, bevorzugt jemandem, der daraus ein Sterbehospiz, ein Kinderheim oder Ähnliches machen würde.

Denn «der soziale Gedanke steht bei mir im Vordergrund», betont Schneeberger.

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