Im Alter von 40 Jahren entschied sich Arnold Gassler dazu, noch eine Malerlehre zu absolvieren – trotz sechs Kindern, die es mit dem Lehrlingslohn zu ernähren galt. Die späte Umschulung hat sich jedoch gelohnt: 100 Jahre später ist das 1912 gegründete Malergeschäft ein Speziallackierungsbetrieb mit rund 50 Angestellten. Diese stehen heute unter der Führung seiner Urenkelin, Miriam Ragaz-Gassler.

Wie es dazu kam, dass die ehemalige Lehrerin nun den Verwaltungsrat der Hans Gassler AG präsidiert, war unter anderem Thema der Podiumsveranstaltung, die am Donnerstag im Rahmen des Frauenwirtschaftsevents «Parfum und Performance» der kantonalen Wirtschaftsförderung in Gretzenbach stattfand. In der zum Eventraum umfunktionierten Produktionshalle des Speziallackierers wies Regierungsrätin Esther Gassler, Initiantin des Frauenwirtschaftsanlasses und Mutter von Ragaz-Gassler, auf die in anderen Fällen oft geringe Lust der Kinder hin, in die Fussstapfen der Eltern zu treten. Dass das Unternehmen ihres Mannes Hans nun von der eigenen Tochter übernommen werde, erfülle sie daher mit grosser Freude.

Eine Karriereoption

Führungsambitionen seien bei ihr jedoch nicht von Anfang an vorhanden gewesen, stellte Miriam Ragaz-Gassler in der anschliessenden Podiumsdiskussion unter der Leitung von Kommunikationsfachfrau Anita Panzer klar. Zwar sei sie seit Kindesalter in den Betrieb involviert gewesen: «Als Kinder durften wir für 50 Rappen pro Stunde beim Pinselwaschen helfen.» Auch während der Lehrerausbildung war sie in den Ferien stets in der familieneigenen Unternehmung tätig. «Daher habe ich die Leute hier alle schon gekannt», und die Belegschaft kannte sie. Nach einigen Jahren im Lehrberuf nahm die Idee, die Unternehmensleitung im Familienbetrieb zu übernehmen, dann langsam, aber sicher Gestalt an. Irgendwann wurde ihr klar, «der Familienbetrieb ist eine Karriereoption».

Daniel Allemann von der Terra Nova GmbH hatte bereits Pläne, seine Entsorgungsfirma an einen deutschen Geschäftspartner zu verkaufen. Dann habe Tochter Céline eines Tages mitgeteilt, sie müsse mal mit ihm reden. «Ich dachte zuerst, sie ist schwanger», scherzte Allemann über das erfreuliche Gespräch, in dem ihm seine Tochter schliesslich erklärte, in der Firma einsteigen zu wollen.

Auch für Urs Gerster wäre es wahrscheinlich auf einen Verkauf seiner Härterei hinausgelaufen, wäre Tochter Martina nicht an deren Führung interessiert gewesen. Er selbst habe das Unternehmen damals im Alter von 26 Jahren von seinem Vater übernommen, als dieser pünktlich mit 65 in Pension ging. Seiner Tochter lasse er jedoch so viel Zeit, wie nötig, bevor sie die Firmenleitung komplett übernimmt. «Um den richtigen Übergabezeitpunkt zu finden, dafür gibt es kein Rezept.»

Mehr Verantwortung

Hans Gassler bleibt seinen Kindern, nebst Tochter Miriam sind auch Sohn Simon und Tochter Lea involviert, vorderhand in beratender Funktion erhalten. «Sobald ich aber merken würde, dass ich nur noch Dekoration bin, würde ich mit Esther den Ruhestand geniessen.»

Dass mit der Übernahme einer Führungsfunktion weniger Freizeit und mehr Verantwortung einhergeht, nehmen die drei nachrückenden Töchter in Kauf. «Man wird nie mehr in die Ferien gehen und hundertprozentig abschalten können», ist sich Martina Gerster bewusst. «Das Spital konnte man nach Arbeitsschluss verlassen und dann wars das. Heute nimmt man die Dinge schon auch mit nach Hause», erklärte Céline Allemann, die zuvor im Gesundheitswesen tätig war. Dafür habe sie nun mehr Gestaltungsfreiraum als in ihrem früheren Beruf, was das Ganze sehr spannend mache.