Amtsgericht Solothurn-Lebern

Immer wieder rutscht 23-jährigem Italiener die Faust aus – eine stationäre Massnahme solls richten

18 Monate Haft: In psychiatrischer Einrichtung Pfleger angegriffen

18 Monate Haft: In psychiatrischer Einrichtung Pfleger angegriffen

Ein 23-jähriger Italiener musste sich am Montag vor dem Amtsgericht in Solothurn verantworten. Er ging im November 2016 in der Psychiatrischen Klinik in Langendorf auf einen Pfleger los. Das Gericht verurteilte den Mann wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung zu 18 Monaten Gefängnis sowie einer stationären Massnahme.

Ein 23-jähriger Italiener musste sich am Montag vor dem Amtsgericht in Solothurn verantworten. Er ging im November 2016 in der Psychiatrischen Klinik in Langendorf auf einen Pfleger los. Das Gericht verurteilte den Mann wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung zu 18 Monaten Gefängnis sowie einer stationären Massnahme.

Ist Luca A.* ein lebensgefährlicher Gewalttäter oder bloss ein harmloser Kranker? Staatsanwältin und Verteidiger hatten vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern unterschiedliche Ansichten über den nun 23-jährigen Italiener.

In der Anklageschrift stand, dass er im März 2016 in Olten eine Prostituierte nach bezahltem Geschlechtsverkehr bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt hatte, indem er ihr von hinten seinen Arm um den Hals gehalten und zugedrückt hatte. Er habe erst von ihr abgelassen, als eine Kollegin von ihr das Zimmer betreten habe. Dieser Anklagepunkt entfiel jedoch schon zu Beginn, da Matthias Steiner, Statthalter des Gerichtspräsidenten, den Punkt infrage stellte, weil sich die Prostituierte in einer kürzlich durchgeführten Befragung für Verfahrenseinstellung ausgesprochen hatte. Und weil in den ersten Polizeibefragungen, als sie Luca belastet hatte, kein Anwalt anwesend war und man ihn sowieso hätte freisprechen müssen.

«Schlimme» oder «normale» Verletzungen?

Das Gericht mit Steiner, Christoph Mathys und Rosmarie Châtelain strich den Anklagepunkt. Ebenso einen andern wegen Verjährung – Luca habe im Juli 2016 im Bellacher Grederquartier versucht, seine Grossmutter mit Todesandrohung wegen wenig Geld zu erpressen. Auch Faustschläge gegen sie und seinen Vater im Jahre 2016 waren in einer zweiten Anklageschrift nicht mehr vorhanden wegen Desinteresseerklärung der Opfer. Aber das Gericht musste doch noch über dies befinden: Am 14. November 2016 ging Luca in der Psychiatrischen Klinik Langendorf auf seinen Zimmernachbarn los, als der um Viertel nach fünf Uhr früh das Licht anschaltete und im Zimmer eine Zigarette rauchen wollte. Mehrere Schläge mit beiden Fäusten ins Gesicht führten beim Nachbarn zu einer Quetschung des Backenknochens.

Auch einen zu Hilfe eilenden Pfleger traktierte er zweimal mit der Faust, um dann wieder auf den Zimmergenossen loszugehen. Der Pfleger erlitt einen Nasenbeinbruch, war eine Woche arbeitsunfähig.

Staatsanwältin Sarah Amrein stufte das als versuchte schwere Körperverletzung ein. Luca habe schlimme Verletzungen in Kauf genommen. Sie forderte eine unbedingte Gefängnisstrafe von 22 Monaten und eine stationäre Massnahme, gar anschliessenden Landesverweis trotz knappen Härtefalls. Sie zählte weitere frühere Delikte auf.

Für Verteidiger Alexander Kunz war Lucas Gewalt harmlos. «Es waren normale Schläge gegenüber gesunden Männern. Er wollte nicht mal im Traum jemanden verletzen. Er hat einfach reagiert.» Die Anzahl der Schläge sei nicht gesichert. Er forderte bloss 12 Monate Haft, aber mit Aufschub zugunsten einer ambulanten Massnahme. Sowie eine Genugtuung wegen überlanger Haft. Es sei bloss einfache Körperverletzung. Gegen eine stationäre Therapie argumentierte er, dass es «keine Plätze gibt». Auf die Prostituierten-Geschichte hätte Kunz nicht eingehen müssen, trotzdem sagte er, dass es sich ganz anders verhalten habe: «Es handelte sich um einen Geschlechtsverkehr im Doggy-Style. Es geschah aber ein Unfall, da die Prostituierte vom Bett runtergefallen ist.»

Laut der psychiatrischen Gutachterin Anke Ripper hat Luca eine Schizophrenie. Und eine hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens – ADHS. Zudem sei er süchtig nach Cannabinoiden. Vor Jahren habe er ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. «Er handelte nicht voll schuldfähig.» Er brauche eine ständige Behandlung, und die sehe sie nur in einem stationären Setting, weil Luca noch nicht so weit sei, dass er seine Behandlungsbedürftigkeit einsehe. Ohne Behandlung bestehe eine hohe Rückfallgefahr: «Dann ist die ganze Palette an Gewalttaten möglich.»

Luca selber verweigerte im ganzen Verfahren jegliche Aussage. Er wirkte wie ein grosser Junge in seinem weissen T-Shirt mit Palmeninseln-Print mit Segelschiffen und in ausgewaschenen zerrissenen Jeans. Kräftige Statur mit kräftigem Kiefer, ein verlorener Blick. Er kassierte schliesslich 18 Monate unbedingte Haft und eine stationäre Massnahme. Der vorzeitige Massnahmenvollzug wird angerechnet. Es sei bloss mehrfache einfache Körperverletzung gewesen. Ein Landesverweis entfällt für den hier Geborenen, diese wäre nur fakultativ gewesen und sei unverhältnismässig.

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