Gastkolumne

Ich möchte ein Vogel sein

Eine Amsel mit einer Kirsche im Schnabel.

Eine Amsel mit einer Kirsche im Schnabel.

Die ersten deutschen Worte, die ich als Kind gelernt habe, kommen aus einem Lied der Schweizer Band Grauzone. Im Jahr 1981 erschien ihre Single «Eisbär». Es war meine erste Begegnung mit der deutschen Sprache. Ein Satz aus diesem Hit ist mir besonders hängen geblieben: Ich möchte ein Eisbär sein im kalten Polar. Ich habe ihn später als Jugendlicher an Partys leidenschaftlich und aus voller Kehle mitgesungen. Ausserdem war dieses Lied einer meiner Favoriten auf der Tanzfläche. Ein anderes bekanntes deutschsprachiges Lied aus dieser Zeit verdient übrigens eine «ehrenvolle» Erwähnung. Im Jahr 1982 gewann nämlich Nicole für Deutschland mit dem Song «Ein bisschen Frieden» den Eurovision Song Contest.

Auch dieses Lied hat mir als 10-jährigem Knirps ein wenig die deutsche Sprache beigebracht.
Trotz der dramatischen Corona-Krise bin ich in den vergangenen Tagen gerne erwacht. Der Gesang der Vögel am Morgen, der den Frühling ankündigt, verleiht dem Morgen eine besondere Stimmung. Ich geniesse das Gezwitscher der Vögel, die einfach ihre schönste Melodie hergeben, unabhängig von dem, was in der Welt passiert. Dies tut meiner Seele in den heutigen Umständen gut: Es beruhigt mich und schenkt meinem Herzen in dieser schwierigen Zeit «ein bisschen Frieden».

Am liebsten möchte ich bei einem feinen Kaffee den ganzen Morgen zuhören. Normalerweise fehlt aber die Zeit dazu. Am Morgen unter der Woche gibt es bei uns einen strengen Zeitplan: Kleider anziehen, Frühstück parat machen, Kinder wecken, gemeinsam essen, die Zähne putzen, die Buben anfeuern, damit sie rechtzeitig in der Schule sind, die Meerschweinchen füttern und ab an die Arbeit… Gelegentlich spüre ich in einem ruhigen Moment am Morgen eine tiefe Sehnsucht nach Gelassenheit und Entschleunigung. Ich möchte in diesem Augenblick wie die Vögel in den Tag starten.

In den kommenden Wochen fällt aber der Morgenstress wegen der Massnahmen gegen die Weiterverbreitung des Corona-Virus bei uns zuhause weg: Die Buben müssen  nicht rechtzeitig aufstehen und in der Schule sein. Unerwartet gibt es zumindest am Morgen weniger Hektik und mehr Zeit. Dafür haben wir Eltern aber tagsüber alle Hände voll zu tun …

Doch werde ich diese Chance nützen, um meiner Sehnsucht nach Gelassenheit und Entschleunigung nachzugehen und zur Melodie vom Lied «Eisbär» zufrieden zu singen: «Ich möchte ein Vogel sein.»

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