Jugendpsychiatrie

«Ich hatte gar keine Identität»: Wie gut werden psychisch kranke Jugendliche betreut?

Nur zwölf Kantone verfügen über eine stationäre Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei den psychiatrischen Diensten der soH sind rund 2000 Kinder und Jugendliche in Behandlung. (Symbolbild)

«Notstand». Das herrschte vor Jahren in der Solothurner Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es gab zu wenig Plätze für die jungen Patienten. Heute ist das anders. Die Geschichte einer jungen Frau aus einem anderen Kanton zeigt, was in der Psychiatrie passieren kann, wenn die Verantwortlichen nicht rechtzeitig reagieren.

Ein 15-jähriges Mädchen lebt in einem Zimmer mit einer Seniorin. Benutzt die Dusche im offenen Zimmer, wird von einem älteren Mitbewohner belästigt. Die 15-Jährige ist in einer Erwachsenenpsychiatrie. Sie ist untergewichtig – ob sie zu den Mahlzeiten erscheint, überprüft keiner. Ebenso wenig, welche Medikamente sie abholt – und welche Tabletten sie mit den anderen Bewohnern tauscht, um mal «durchzupennen». Die 15-Jährige ist in einer Erwachsenenpsychiatrie – aber wie ist sie dort gelandet?

Das Mädchen von damals ist Chantal Hofstetter. Heute ist sie 23. Klein und blond, schwarzes Kleid, vernarbte Arme. Auf «der Erwachsenen» landete sie 2009 mit Verdacht auf Borderline. Dazu kam die Essstörung. Hofstetter ist aus der Region Zürich. Dort gab es aber keinen Platz in einer Einrichtung für Gleichaltrige. Das Erwachsenensanatorium wurde deshalb zu früh zu ihrer «Heimatklinik»: Die Institution, wo ein Patient standardmässig eingewiesen und therapiert wird. Nur: Besser ging es Hofstetter dort nicht. Sie hatte Angst. Sie wollte raus. Sie begann zu rebellieren. «Das war das Einzige, was genützt hat.» Damit begann ein Teufelskreis, in dem sie vier Jahre gefangen war.

Hofstetter ist ein Beispiel für etwas, das in verschiedenen Studien und von Experten in der ganzen Schweiz gesagt wird. «Unterversorgung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie» (siehe Box). Zu wenig Therapieplätze, zu wenig Fachleute, zu viele Kinder und Jugendliche, die nicht rechtzeitig eine Behandlung kriegen. Von einem «akuten Versorgungsnotstand» ist auch im Kanton Solothurn die Rede.

Besser gesagt: war. Seit 2004 habe man zu wenig Platz für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche, hiess es 2010 in einem Regierungsratsbeschluss. Die Regierung sprach vor acht Jahren deshalb einen Verpflichtungskredit: Die Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik (KJPK) an der Waisenhausstrasse sollte ausgebaut werden.

2015 wurde das Ganze aber wieder abgeblasen. Man könne den Betrieb finanziell nicht stemmen, hiess es. Damals war Martin Hatzinger frisch Direktor der Psychiatrischen Dienste bei der Solothurner Spitäler AG (soH). Er könne die damaligen Gründe deshalb nicht genauer ausführen. Heute sagt er aber: «Es hat sich gezeigt, dass die damals geplante Anzahl neuer Betten nicht genutzt worden wäre.» So hätte man vor Jahren vielleicht zu wenig Plätze gehabt. Heute aber nicht mehr. Heute gibt es in der KJPK 18 Plätze. Sechs für Jugendliche, zwölf für Kinder.

Im Raum Zürich, wo die Geschichte Hofstetters spielt, hat sich die Situation bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie indes nicht gebessert. Hofstetter blieb als einzige Jugendliche auf der Erwachsenenstation. Dort merkte sie aber: Wenn sie negativ auffiel, wurde sie beachtet. Und aus der Klinik gebracht. Also schmuggelte sie verbotene Rasierklingen hinein, verletzte sich selbst und nahm Medikamente, die für sie nicht vorgesehen waren.

Das führte zum Stempel: Nicht therapierbar. Die Krankenkasse zahlte nicht mehr. Hofstetter bekam einen Vormund. Wenn sie ausfällig wurde, gab es «FFE», wie sie sagt. Fürsorglicher Freiheitsentzug – heute «FU» – fürsorgliche Unterbringung. So kam Hofstetter jeweils in andere Einrichtungen. Die Liste ist lang. Hofstetter rattert Stationen und Daten herunter – unterbrochen von trockenem Lachen, wenn sie erzählt, was sie jeweils tat, um verschoben zu werden.

Aus Zürich nach Luzern, Richtung Thurgau, St. Gallen. Auf Jugendstationen in Erwachsenensanatorien, in sogenannten Time-out-Plätzen bei Pflegefamilien. Auch im Kanton Solothurn war sie schon. Mitentscheiden konnte sie nicht. Bleiben nie länger, als der FFE dauerte. Dann musste sie zurück in die Heimatklinik. Und das Ganze ging von vorne los. Einmal brach sie einem Aufseher den Arm, weil sie sich so wehrte. Einmal lag sie Tage in einer Isolationszelle, mit Medikamenten ruhiggestellt auf einer Gummimatte. Und mit jedem Ausfall wuchs ihre Akte. Vier Jahre lang.

Währenddessen stockte der Kanton Solothurn in den letzten drei Jahren die KJPK je um ein Bett auf. Man gehöre zu einem von nur zwölf Kantonen, die überhaupt eine stationäre Kinder- und Jugendpsychiatrie haben, sagt Hatzinger. «Das darf man auch nicht vergessen.» Aber reichen 18 Plätze? «Ja.» Obwohl 2010 von einer krassen Unterversorgung die Rede war? Die Erklärung von Hatzinger: Ambulant vor stationär. Dieser Vorsatz gelte generell in der Psychiatrie im Kanton. «Wir wollen die Betroffenen lieber in ihrem sozialen Umfeld behandeln.»

Also in einem Ambulatorium ihrer Region oder sogar zu Hause. Das machen die KJPD – die Kinder und Jugendpsychiatrischen Dienste –, die wie die KJPK der soH angeschlossen sind. Die meisten Kinder und Jugendlichen würden so behandelt. Die Anzahl stationärer Fälle habe in den vergangenen Jahren stagniert, so Hatzinger. «Wir können Notfälle heute schon früher erfassen, mit ambulanter Behandlung auffangen, sodass die jungen Patienten nicht in die Klinik müssen.» Und nicht in die Erwachsenenpsychiatrie. Das kommt heute nur noch in Extremfällen vor.

Als Extremfall galt ihrer Akte nach auch Hofstetter, die teils schon nach Tagen wieder die Klinik wechselte. Bis ein Oberarzt einer Jugendstation, auf die Hofstetter im Rahmen eines FFE verlegt wurde, fand: Genug. Das führte zu einem ihrer «längsten Aufenthalte» an einem Ort. 7,5 Monate unter Gleichaltrigen. «Zum ersten Mal habe ich begriffen, was meine Diagnose bedeutet», so Hofstetter.

Der Oberarzt setzte sich weiter für Hofstetter ein: Sie braucht eine Langzeitlösung. Unter Gleichaltrigen. Da seien zwei Institutionen infrage gekommen, erzählt die 23-Jährige. Bei der einen hiess es: «Wir haben ihre Akte gelesen. Wir nehmen sie nicht auf.» Bei der zweiten, in der Region Bern hat es Platz. In der WG Chly Linde für Frauen ab 16 findet Hofstetter nicht nur einen Therapieplatz, sondern einen Neuanfang. «Das erste Mal konnte ich auf mich hören. Ohne dass mir jemand dreinredet. In den vorherigen Jahren hatte ich gar keine Identität.» Auf «der Erwachsenen».

Auf «die Erwachsene» im Kanton Solothurn kommen heute massiv weniger Jugendliche als noch zu Anfangszeiten der KJPK. 2001 wurden im Jahr an 1318 Tagen unter 18-Jährige auf der Erwachsenenpsychiatrie behandelt. Im Schnitt blieben die jungen Patienten 35 Tage in Behandlung.

Heute ist jährlich noch eines von 136 Betten auf der Erwachsenenstation von einer Person unter 18 belegt. Junge Patienten bleiben in der Regel sechs Tage dort. «Das sind die ganz schwer erkrankten Menschen», erklärt Hatzinger. Schwerkranke, die psychotisch oder aggressiv sind und oft mit Polizeischutz in die Klinik gebracht werden müssen.

Die KJPK sei insbesondere in der Nacht und an Wochenenden nicht für solch schwierige Situationen eingerichtet. Auch nicht für andere Fälle wie beispielsweise schwere Anorexie. Dafür braucht es oft eine Kinderklinik in der Nähe. Das ist beispielsweise in Basel der Fall, aber nicht in Solothurn. Weshalb diese Jugendlichen dann ausserkantonal therapiert werden.
Kinder und Jugendliche, die hier stationär behandelt werden können, müssen dafür nicht lange auf einen Platz warten. Im Moment sei die Warteliste leer. In der KJPK gibt es nämlich öfter Wechsel, wie Hatzinger erklärt.

Die Therapie in Krisensituationen – etwa Jugendliche mit Suizidgefahr – dauert bis zu drei Wochen. Junge Menschen mit Schulphobie oder einer manischen Depression bleiben bis zu vier Monate. «Das System funktioniert», betont Hatzinger. «Der Kanton nimmt das ernst. Das hat er bereits gezeigt, indem er die Station überhaupt aufgebaut hat.»

Stationen für Kinder und Jugendliche – das wünscht sich Hofstetter in mehr Kantonen. Sie kam als 19-Jährige aus der Therapie. Machte trotz fehlendem Abschluss und mithilfe der IV eine Ausbildung. Heute lebt sie alleine, verdient ihr eigenes Geld. Geschnitten hat sie sich seit 3,5 Jahren nicht mehr. Was lief vorher falsch?

«Das geit ned», sagt Hofstetter über das System. Es brauche mehr Plätze, mehr Betreuer. Kein Hin- und Hergeschiebe von psychisch Erkrankten. «Das geit ned.» Heute macht Hofstetter eine Peer-Ausbildung. So wird sie zur Fachperson, die mit ihrem Erlebten anderen weiterhilft – anderen Kindern und Jugendlichen in der Psychiatrie.

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