Rudolf Schild-Comtesse
Höhepunkte und Drama: Wie der Uhrenpatron die Branche der Region prägte

Er war ein Uhrenpatron durch und durch: Unter der Führung von Rudolf Schild-Comtesse wurde die Grenchner Rohwerkproduzentin ETA zur stärksten Firma innerhalb der damaligen Asuag. Seine Geschichte ist auch jene der Uhrenbranche in der Region.

Bettina Hahnloser
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Ein Uhrenpatron vom Scheitel bis zur Sohle: Rudolf Schild-Comtesse privat – mit den Söhnen Claude (l.) und Alfred.

Ein Uhrenpatron vom Scheitel bis zur Sohle: Rudolf Schild-Comtesse privat – mit den Söhnen Claude (l.) und Alfred.

zvg

Eigentlich, so kann man vermuten, beginnt die Geschichte mit dem Bachtelenbad. Die Heilstätte in Grenchen erfreut sich Mitte des Jahrhunderts grosser Beliebtheit. Die auswärtigen Gäste reisen mit Vierspännern an und in eleganter Kleidung. Sie kommen von Solothurn – aber immer öfters aus dem nahegelegenen Jurabogen.

Es sind vornehmlich Familien von Uhrmachern und Uhrenpatrons. Staunend nimmt die Bevölkerung des ärmlichen Grenchen zur Kenntnis, wie gut es sich mit diesem Wirtschaftszweig leben lässt.

Im bäuerlichen Ort am Jurasüdfuss fehlt es an Erwerbsmöglichkeiten, die jungen Leute verlassen in Scharen die Heimat – bis 1851 der Gemeinderat beschliesst, die vielversprechende Uhrmacherei anzusiedeln. Er beauftragt Anton Schild und Josef Girard mit der Einrichtung einer Lehrwerkstätte.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Girard und Schild, beide politisch aufmüpfig, tatkräftig und risikobereit, stecken Geld in den Aufbau von Werkstätten und Fabriken. Es sind zwei Söhne von Anton Schild, welche die Grenchner Uhrenindustrie in den folgenden Jahrzehnten zur Blüte bringen: Der Dorfschullehrer Urs Schild, der 1856 die spätere Manufaktur Eterna mitbegründet, und der Uhrmacher Adolf Schild, der 1896 eine Fabrik für die Produktion von Rohwerken einrichtet, später Assa genannt.

Beide Firmen gedeihen bestens: Uhren aus dem Hause Eterna geniessen Weltruf, und Assa schwingt sich in ihren besten Zeiten, die bis in die 1960er-Jahre dauern, mit bis zu 3000 Beschäftigten zu einem der grössten Rohwerkhersteller der Welt auf. Der «Silicon-Valley-Effekt» lässt in Grenchen weitere Uhrenfirmen wie Pilze aus dem Boden schiessen.

Zwei Schild-Zweige in einer Stadt: Es zieht sich ein Graben durch Grenchen, die Familienstämme haben kaum miteinander zu tun. Der Graben besteht auch dann noch fort, als beide Firmen ab 1932 unter demselben Dach vereint sind, unter jenem der Superholding Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie AG, kurz Asuag genannt.

Die Zweiteilung Grenchens findet erst 1978 ein Ende, und dies in dramatischer Weise: Die starke ETA, die in jenen Krisenjahren noch immer Gewinne erwirtschaftet, schluckt die darbende Assa.

Fehlgeleitete Staatsintervention

Die Gründung der Asuag markiert den Beginn der Ära einer beispiellosen staatlichen Strukturerhaltungspolitik. Mit der Superholding und mit dem 1934 erlassenen Uhrenstatut zwingen die Banken und der Staat die Rohwerk- und Bestandteilproduzenten, nur noch die inländische Nachfrage der zahlreichen Fertiguhrenproduzenten zu bedienen und das Ausland zu boykottieren. Als Gegenleistung dürfen die Fabrikanten von Rohwerken und Bestandteilen ihre Preise erhöhen.

In der emotional aufgeladenen Atmosphäre zu Beginn der Weltwirtschaftskrise ist ökonomisches Denken zusehends verpönt und weicht nationalistischen Losungen, die sich als verhängnisvoll erweisen sollten.

In der Folge werden während fast 40 Jahren Hunderte von kleinen und mittleren Fertiguhrenproduzenten künstlich am Leben erhalten. Als das Uhrenstatut 1971 aufgehoben wird, zahlen in den Jahren bis 1980 Zehntausende Beschäftigte die Zeche.

«Einer der mächtigsten Männer»

Rudolf Schild-Comtesse übernimmt 1932 im Alter von 32 Jahren das Ruder bei ETA und Eterna, den beiden Nachfolgefirmen des von seinem Grossvater Urs Schild gegründeten Betriebs. Daneben sitzt er in zahlreichen Gremien und eidgenössischen Kommissionen und prägt damit die Branche mit.

1967 betitelt ihn die Zeitschrift «Die Zeit» als einen der mächtigsten Männer in der Schweizer Uhrenindustrie. Er zeichnet sich durch ein beinahe untrügliches Gespür für tüchtige und talentierte Mitarbeiter aus, agiert äusserst umsichtig und erweist sich als knallharter Verhandlungspartner.

Protokolle zeigen, dass er schon früh die schädlichen Auswirkungen des Kartells erkennt, dass er sich beim Bund für eine Liberalisierung einsetzt und in allen Gremien für rigoroses Sparen – in einer Zeit, als die Branche noch auf der Erfolgswelle reitet und kaum jemand Probleme sieht. 1956, als die Eterna mit einem rauschenden Fest das hundertjährige Bestehen feiert, warnt er an der Pressekonferenz vor den hohen Preisen, welche manche Lieferanten festsetzen als Entschädigung dafür, dass sie nicht mehr an ausländische Kunden liefern.

ETA – Standbein der Swatch Group

Die Rohwerkproduzentin ETA wird unter seiner Führung zur stärksten Firma innerhalb der Asuag – dank konsequenter Standardisierung und Automatisierung. Sie ist gesund genug, um zu Beginn der heftigen Krisenjahre ab dem Tod von Rudolf Schild-Comtesse 1978 all die andern Rohwerkproduzenten, die unter demselben Holdingdach sind, aufzunehmen. Heute ist sie das Standbein der Swatch Group.

Der Grenzpfahl des Einflusses von Schild-Comtesse in der Branche aber steht dort, wo er durch die Strukturen gesetzt worden ist. Welch schicksalhaftes Verhängnis auch für dynamische, und in mancher Beziehung klarsichtige Unternehmer jener Zeit! Es waren nicht die Fabrikanten von Rohwerken und Bestandteilen, die damals in den 1930er-Jahren den Staat um Hilfe anriefen.

Fortan war nicht nur ihr Handlungsspielraum beschränkt, sondern sie hatten auch einen munter wachsenden Wasserkopf in den Holdings zu ernähren – Seilschaften von Leuten, die meist wenig Ahnung hatten von der Arbeit «an der Front», die von den Gewinnen der Fabriken während Jahrzehnten so gut lebten, dass die Lust, Veränderungen einzuleiten, denkbar gering war.

Das Ende der Ära Schild

Das Uhrenstatut wird 1971 endgültig begraben. Es ist zu spät: Japanische Grossfirmen wie Seiko haben längst schon begonnen, den internationalen Markt mit preiswerten mechanischen Uhren inklusive begehrter Zusatzfunktionen wie Kalenderanzeige oder automatischem Aufzug zu überschwemmen.

Am Kopf dieser Grosskonzerne steht ein Direktor – während sich in der Schweiz noch Hunderte von Uhrenfirmen abmühen, Produktion und Forschung zu koordinieren, und nur wenige Markenuhren stark genug sind, um sich wirkungsvolle Werbung zu leisten.

So haben die Massnahmen das Bundes das Gegenteil dessen erreicht, als was damit angestrebt worden war. Staat und Parlament werden 1983, als der Bund sich als Aktionär bei der Asuag-Holding zurückzieht, die Ereignisse höchst kritisch Revue passieren lassen. Unter den dirigistischen Massnahmen des Bundes ist die Schweizer Uhr zu teuer geworden und das System zu schwerfällig und unbeweglich.

Asuag versucht, 1971 das Ruder herumzureissen, und bildet eine neue Gruppe mit Markenuhren wie Zenith, Certina, Mido, Longines, Oris und Eterna; der Aufbau ist aber dermassen kostspielig und das Konzept unausgereift, dass diese Gruppe letztlich zu der prekären Verschuldungslage Ende der 1970er-Jahre beiträgt.

In diesen Jahren verlieren in Grenchen die Nachkommen der Gründerfamilien allmählich ihren Einfluss. 1971 verlässt Rudolf Schild-Comtesse aus Protest über die Politik der Asuag-Holding den Verwaltungsrat «seiner» Eterna, die er mit konsequenter moderner Werbung international positioniert und für deren Produkte er während Jahrzehnten beharrlich die Welt bereist hatte.

Eterna wird in der General Watch Company auf ein Nebengleis gestellt. 1978 schliesst sich der Schild-Graben in Grenchen auf dramatische Weise: Assa wird in die ETA integriert, die Fabriken der einst mächtigsten Rohwerkherstellerin schliessen die Tore. Die Ära der Schild-Familien, welche die Stadt dominiert und in mancher Beziehung gefördert haben, nimmt ein abruptes und für manche Mitglieder schmerzhaftes Ende.

Die Wurzeln der Swatch-Group

Wenige Wochen nach dem Tod von Rudolf Schild-Comtesse Ende 1978 lancieren die drei Uhrenmarken Eterna, Concord und Longines die flachste Uhr der Welt, produziert in der ETA unter der Leitung von Ernst Thomke, einstiger Lehrling der Firma. Die «Delirium tremens» ist eine Sensation, die wetteifernden Japaner fühlen sich gedemütigt. Im gleichen Jahr gibt Thomke die Entwicklung einer billigen Quarzuhr in Auftrag, die wenig später als Swatch Furore machen sollte; Asuag-Generaldirektor Peter Renggli gibt grünes Licht.

Der Auftrag markiert den Anfang des Aufbruchs in ein neues Zeitalter der Branche. Thomke leitet weitere Restrukturierungen ein, viele kleinere Werke werden geschlossen; 1982 verkündet Asuag, nun auch wieder das Ausland mit Uhrenteilen zu beliefern.

Die Verkäufe von Uhren gehen in den späten 1970er-Jahren dramatisch zurück, nicht zuletzt wegen des starken Schweizer Frankens. 1981 beauftragen die Grossbanken das Beratungsbüro Hayek Engineering mit der Durchleuchtung der Société Suisse pour l’Industrie Horlogère SSIH; die 1925 gegründete Holding mit Omega und Tissot ist völlig überschuldet. Die erste Sanierung bringt nicht den gewünschten Erfolg.

1982 soll Hayek Engineering auf Geheiss der Banken auch die mit Schulden beladene Asuag untersuchen und «nötigenfalls» restrukturieren. 1983 wird die SSIH der Asuag einverleibt. Zuvor sind die Minderheitsaktionäre in einer umfassenden Sanierungsaktion faktisch enteignet worden; die Banken sind neue Besitzer des ganzen Pakets und haben das Ruder übernommen.

1985 übergeben sie das Paket einem Konsortium unter der Leitung von Nicolas Hayek zu einem überaus vorteilhaften Preis und zu einer Zeit, als die Swatch längst Erfolge feiert und die Verkäufe wieder anziehen. Als «Insider» kann Hayek auf den kostspieligen Prozess des Due Diligence, der Durchleuchtung eines Übernahmekandidaten, verzichten.

Heute ist die Swatch Group wieder ein Familienunternehmen. Im Volksmund tragen noch immer die «saturierten Uhrenbarone» der Ära vor der Restrukturierung die Schuld am damaligen Niedergang der Schweizer Uhrenindustrie – was der geschichtlichen Wahrheit kaum gerecht wird. Bettina Hahnloser

Bettina Hahnloser: «Der Uhrenpatron und das Ende einer Ära. Rudolf Schild-Comtesse, Eterna und ETA und die schweizerische Uhrenindustrie» (NZZ Libro, Fr. 45.–).
Die Autorin, 1960 geboren, ist die Enkelin von Rudolf Schild-Comtesse. Für dessen Biografie konnte sie auch auf unveröffentlichte Quellen zurückgreifen. Hahnloser studierte Nationalökonomie an der Uni Bern. 1989 bis 1998 war sie Redaktorin und Auslandkorrespondentin für den Berner «Bund». Danach arbeitete sie als Medienbeauftragte in der Bundesverwaltung. 2003 folgte die Ausbildung zur Mediatorin. Die Autorin lebt mit zwei Kindern in Bern.

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