Solothurn

Hier hilft man sich: Wer einzahlt, erhält bei einem Schicksalsschlag finanzielle Hilfe

Finanzieren den Start des Vereins selbst: Das Ehepaar Kopp.

Beim neuen Solothurner Verein «Menschen helfen Menschen» zahlen alle Mitglieder einen Jahresbeitrag – einzelne erhalten so die Chance auf finanzielle Unterstützung in einer Notlage.

Zwei Polizisten, ein Fachmann Gesundheit, ein Rettungssanitäter und eine Buchhalterin tun sich zusammen und gründen einen Verein. «Menschen helfen Menschen» nennen sie sich. Helfen wollen sie Erwachsenen, Familien, Paaren in finanziellen Krisen. Bei Schicksalsschlägen sollen Betroffene mit einem einmaligen Beitrag von 10 000 Franken wieder aus der Krise finden.

Denkbar sind die verschiedensten Szenarien – eine Behandlung im Spital, lang ersehnter Erholungsurlaub nach der Pflege eines Angehörigen, eine Therapie, welche die Krankenkasse nicht bezahlt. Direkte finanzielle Unterstützung also – anders als bei der Sozialhilfe, therapeutischen Angeboten, oder Hilfswerken. Hauptsache: Menschen wird geholfen.

Hintere Reihe von links: Thomas Blaser, Marco Hiltbrunner, André Kopp. Vordere Reihe von links: Markus Hofmann, Karin Kopp.

Der Vorstand von «Menschen helfen Menschen»

Hintere Reihe von links: Thomas Blaser, Marco Hiltbrunner, André Kopp. Vordere Reihe von links: Markus Hofmann, Karin Kopp.

Dieses Ziel verfolgt das Ehepaar Kopp. Karin Kopp, 42, ist Präsidentin des Vereins und Buchhalterin. André Kopp, 47, arbeitet bei der Alarmzentrale der Kantonspolizei Solothurn. Sie stammen ursprünglich aus Bettlach und Nennigkofen, wohnen heute mit den beiden Kindern in Leuzigen. Das liegt nahe am Grenchner Sonderschulzentrum Bachtelen, wo eines der Kinder zur Schule geht. Der Bub hat das Asperger-Syndrom. Genau hier liegt der Ursprung der Idee für «Menschen helfen Menschen».

«Das System hat Lücken» – Therapie wird nicht bezahlt

«Das System in der Schweiz ist zwar gut», sagt André Kopp. «Aber es gibt Lücken», ergänzt Karin Kopp. Das haben sie mit dem heute 13-jährigen Sohn, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung haben möchte, erlebt. Das Asperger-Syndrom wurde bei ihm nach dem 5. Geburtstag diagnostiziert und gilt somit nicht als Geburtsgebrechen; die IV zahlt nicht dafür.

Für die Therapie bei der Psychologin zahlte zwar die Krankenkasse, die Sitzungen haben laut Familie aber nicht den gewünschten Erfolg gebracht. So wollte der Bub irgendwann nicht mehr in die Schule, Kollegen fand er kaum, oft musste er sich zusammennehmen, um nicht aufzufallen. Auf Kinesiologie hingegen – eine alternative Therapieform im Bereich Körpertherapie – sprach er an. Nur: Dafür zahlte die Krankenkasse nicht.

«Wir konnten die Sitzungen aus eigener Tasche zahlen», erzählt Karin Kopp. Aber: «Es kann doch nicht sein», so die 42-Jährige, «dass Betroffene keine Therapie erhalten, weil sie sich diese nicht leisten können. Oder dass sie dafür schuften und dafür anderswo Abstriche machen müssen.»

Heute geht es dem Sohn besser, er hat in der Sonderschule Gleichgesinnte getroffen, kann auch mit den Eltern über Probleme reden. In eine finanzielle Krise stürzte die Familie zwar nicht – das Auf und Ab mit dem Sohn hat aber viel Energie gekostet. Jetzt will die Familie etwas zurückgeben.

So gründeten sie mit drei Bekannten – einer davon hat ebenfalls ein Kind mit Asperger – den Verein. Helfen will der Vorstand aber nicht nur in Fällen von Autismus-Spektrums-Störungen. «Jeder hat doch sein Rucksäckli zu tragen», so die Vereinspräsidentin.

Und so funktioniert es: Vereinsmitglieder zahlen jährlich einen Beitrag von 90 Franken – und können bei der Online-Anmeldung angeben, ob sie nur unterstützen oder auch finanzielle Unterstützung beantragen möchten. Ob und wann ein erstes Mitglied den Betrag von 10 000 Franken erhält, steht aber noch nicht fest.

Noch fehlen: Geld und Mitglieder

Das Ziel des Vereins ist es, dass das Ganze irgendwann ein Selbstläufer wird, monatlich ein Mitglied unterstützt werden kann. Anhand eines Kriterienkatalogs will der Vorstand jeweils entscheiden, wer das Geld am dringendsten nötig hat. Spendengelder und Mitgliederbeiträge sollen zu 100 Prozent in die finanzielle Unterstützung einzelner Mitglieder fliessen. Noch muss der Verein Geld und Mitglieder sammeln. Auch ein Online-Crowdfunding ist geplant.

Die Familie Kopp verteilt derweil Flyer in der Region, das Ehepaar hat eine Website machen lassen und schaltet Werbung. Das zahlen sie aus eigener Tasche. Bis Ende 2020 haben sie sich Zeit gegeben. Wenn der Plan bis dahin nicht funktioniert, wollen sie es sein lassen, das bis dahin eingenommene Geld spenden. «Das wäre aber sehr schade», sagt André Kopp.

Immerhin: Die Mehrheit der Mitglieder, die sich bis jetzt online registriert haben, will helfen: Über 100 Anmeldungen sind eingegangen. Im Vergleich dazu die Anzahl Mitglieder, die auch die Chance auf eine finanzielle Unterstützung haben wollen: 1.

www.menschenhelfenmenschen.ch

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