Heiligenschwendi
Wie sich ein Covid-19-Erkrankter aus Bettlach in einer Rehaklinik zurück ins Leben kämpft

In der Rehaklinik in Heiligenschwendi erholen sich auch Patientinnen und Patienten aus dem Kanton Solothurn von ihrer Covid-19 Erkrankung. Ein Besuch in der Klinik oberhalb des Thunersees zeigt, wie sich unter anderem ein Patient aus Bettlach zurück ins Leben kämpft.

Rebekka Balzarini
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In den Korridoren wird geprüft, wie weit die Patientinnen und Patienten gehen können.

In den Korridoren wird geprüft, wie weit die Patientinnen und Patienten gehen können.

Hanspeter Bärtschi / SZ

Noch bis vor wenigen Wochen waren lange Spaziergänge für Hans W. (Name geändert) aus Bettlach kein Problem. Er spazierte fast täglich für mindestens eine Stunde im Wald, und wenn es das Wetter zuliess, war er häufig mit dem Velo unterwegs. Davon ist der 76-Jährige heute weit entfernt. Knapp einen Kilometer weit kann er spazieren, erzählt er. Im Gegensatz zu früher muss er allerdings dabei heftig keuchen, und ist auf zusätzlichen Sauerstoff angewiesen.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs ist Hans W. schon seit 10 Tagen im Berner Reha Zentrum in Heiligenschwendi. Grund dafür ist eine Covid-19 Erkrankung, von der er sich bisher nicht vollständig erholt hat. In der Rehabilitationsklinik trainiert er täglich, damit seine Lunge wieder funktioniert wie zuvor. Oder immerhin so gut, wie es nach einem schweren Covid-19 Verlauf eben möglich ist. «Ich wünsche mir, wieder frei atmen zu können», sagt er.

«Zumindest so, dass ich daheim wieder Treppen steigen kann, ohne auf Sauerstoff angewiesen zu sein».

Hans W. ist gross gewachsen, geht aufrecht und die Augen über der blauen Maske sind hell und wach. Beim Gespräch mit ihm im Esszimmer der Rehabilitationsklinik mit Blick auf den Niesen ist es schwer vorstellbar, dass es für ihn bereits ein Erfolg ist, wenn er seine Morgentoilette ohne zusätzlichen Sauerstoff erledigen kann.

Und doch ist er hier, um jeden Tag solche kleinen Erfolge auf dem Weg zurück in den Alltag zu feiern. «Gestern Morgen konnte ich vom Balkon zum Lift und wieder zurück spazieren», erzählt er. «Das ist ein grosser Fortschritt».

Wenn der Körper plötzlich streikt

Edith Müller aus Niederbipp ist im Dezember an Covid-19 erkrankt und erzählt, wie sie den Verlauf erlebt hat.

«Anfang Dezember hatte ich leichte Halsschmerzen. Sie waren nicht ausgeprägt, aber trotzdem beschloss ich am 11. Dezember, mich testen zu lassen. Der Test war positiv, und aufgrund meiner damaligen Symptome beschied mir das Kantonsarztamt einen leichten Verlauf. Daheim isolierte ich mich, aber einige Tage später wurde mein Mann ebenfalls positiv getestet.

Wir konnten uns daraufhin beide frei im Haus bewegen. Ihm ging es relativ gut, ich war einfach sehr müde. Nach den Feiertagen ging es mir etwas besser. Ich beschloss, das alte Jahr hinter mir zu lassen und optimistisch ins neue Jahr zu starten. Anfang Januar begannen aber die Atemprobleme. Ich bekam kaum noch Luft und liess meine Lunge röntgen. Danach kam ich für 14 Tage ins Spital und wurde mit Sauerstoff versorgt. Damit konnte ich mich im Zimmer frei bewegen. In die Rehabilitation kam ich ohne Sauerstoff. Ich habe vor allem dann Mühe, wenn ich mich anstrengen muss. Ich mache Gehtraining und sobald der Weg ansteigt, komme ich ausser Atem. Dabei ging ich früher oft walken und ging einmal in der Woche ins Pilates. Ich war eigentlich fit.

Ich gehöre zur Risikogruppe, weil ich zu viele weisse Blutplättchen habe. Aber mit der Lunge hatte ich nie Probleme. Es war das Virus, das meine Lunge angegriffen hat. Mein Traum ist es, wieder besser atmen zu können. Es heisst aber, dass das Monate dauern kann. Die Zeit im Spital, als ich so schlecht atmen konnte, war für mich wirklich sehr schlimm. Wenn man gesund ist, dann atmet man, ohne darüber nachzudenken. Wenn ich atme, dann muss ich das jetzt ganz bewusst tun.»

Die Zahl der Lungenpatienten hat sich verdoppelt

Patienten wie Hans W. werden in der Rehabilitationsklinik in Heiligenschwendi momentan viele behandelt. Das erzählt Patrick Brun, Pneumologe und Chefarzt im Berner Reha Zentrum. Er führt durch das «Bärghuus», eines der insgesamt drei Klinikgebäuden.

Chefarzt. Dr. med. Patrick Brun betreut Patientinnen und Patienten, die an den Folgen einer Covid.19-Erkrankung leiden.

Chefarzt. Dr. med. Patrick Brun betreut Patientinnen und Patienten, die an den Folgen einer Covid.19-Erkrankung leiden.

Hanspeter Bärtschi / SZ

Die Fenster reichen an einigen Stellen von der Decke bis zum Boden, in den langen Korridoren sind Distanzmarken eingezeichnet: 50 Meter, 100 Meter – damit wird geprüft, wie weit die Rehabilitations-Patienten mit oder ohne Hilfe gehen können. An den Wänden stehen in regelmässigen Abständen Stühle, wo sie sich zum Ausruhen hinsetzen können.

Die Zahl der Lungenpatienten in der hoch über dem Thunersee gelegenen Klinik hat sich in den vergangenen Monaten gegenüber früheren Jahren verdoppelt, erzählt Brun. Einige werden deshalb auch auf der kardiologischen Abteilung oder auf der muskuloskelettalen Abteilung betreut.

Viele Patientinnen und Patienten kommen auch aus dem Kanton Solothurn. Mit Blick auf mögliche Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung hat der Kanton die Klinik schon im Frühling 2020 auf die Spitalliste genommen. Im Kanton Solothurn gibt es keine grössere Rehaklinik für Lungenpatienten mehr.

Im Reha-Zentrum in Heiligenschwedi werden Patientinnen und Patienten aus dem Kanton Solothurn betreut.

Im Reha-Zentrum in Heiligenschwedi werden Patientinnen und Patienten aus dem Kanton Solothurn betreut.

Hanspeter Bärtschi / SZ

Atemphysiotherapie, Ausdauer- und Krafttraining

Die Patientinnen und Patienten, die Brun gemeinsam mit seinem Team behandelt, haben in der Regel einen längeren Spitalaufenthalt hinter sich. «Sie sind häufig sehr geschwächt und kommen im Rollstuhl zu uns», erzählt Brun. «Sie sind sehr schnell erschöpft und auf Sauerstoff angewiesen».

Viele sind laut Brun auch mangelernährt, weil sie lange Zeit nicht mehr richtig essen konnten. «Heute Morgen wollte ich die Lunge eines Patienten im Stehen abhören. Als der Patient aufstand, ist ihm seine Trainingshose einfach runtergerutscht, weil er so viel Gewicht verloren hat».

Damit die Patientinnen und Patienten wieder gestärkt nach Hause austreten können, spielt die Physiotherapie eine wichtige Rolle. Mit Ausdauer- und Krafttraining sowie spezifischen auf den Patienten zugeschnittenen Therapien versuchen die Therapeutinnen und Therapeuten den Betroffenen dabei zu helfen, wieder körperliche Leistungen erbringen zu können.

Hierzu müssen die Muskeln trainiert werden, was nur dann möglich ist, wenn den Muskeln genügend Sauerstoff zur Verfügung steht. Dies ist häufig bei Patienten mit einer Coronaviruserkrankung nicht der Fall, zumal die Lunge, welche dafür verantwortlich ist, dass genügend Sauerstoff aufgenommen und mit dem Blut zu den Muskeln transportiert wird, noch geschwächt ist. Deshalb ist neben einer intensiven Atemphysiotherapie auch eine Sauerstoffbehandlung erforderlich.

MIt diesem Gerät wird geprüft, wie gut die Lunge funktioniert.

MIt diesem Gerät wird geprüft, wie gut die Lunge funktioniert.

Hanspeter Bärtschi / SZ

«Viele brauchen bei Belastung eine extrem hohe Sauerstoffdosierung, die nur mit spezifischen Sauerstoffsystemen gewährleistet werden kann», erklärt Brun. Die Aufenthaltsdauer im Berner Reha Zentrum ist laut Brun unterschiedlich; einige bleiben zwei bis drei Wochen, andere Patienten benötigen mindestens vier Wochen Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen.

Genauso unterschiedlich sind auch die Therapieansätze, die bei den verschiedenen Patientinnen und Patienten zum Einsatz kommen: «Wichtig ist die richtige Dosierung zur richtigen Zeit, mit den notwendigen Erholungszeiten, die es braucht».

Vertrauen in den eigenen Körper zurückgewinnen

Viele Personen, die schwer an Covid-19 erkrankt sind, müssen aber nicht nur körperlich auf die Beine kommen, sondern auch psychisch. Deshalb kann laut Brun bei der Rehabilitation auch die psychologische Begleitung eine wichtige Rolle spielen. Bis zu einem Drittel der Patientinnen und Patienten leiden nach einer akuten Coronaviruserkrankung an Depressionen, das zeigen laut Brun Studien, die nach der ersten Coronaviruspandemie in den Jahren 2002 und 2003, aber auch nach der ersten Welle der aktuellen Coronaviruspandemie durchgeführt wurden.

«Viele Patienten brechen in Tränen aus, wenn sie ihren Spitalaufenthalt bei uns rekapitulieren», erzählt der Chefarzt. Mit Hilfe der Physiotherapeuten und durch Gespräche mit den Psychologen müssen sie Schritt für Schritt wieder Selbstvertrauen in den eigenen Körper zurückgewinnen.

Auch Patient Hans W. aus Bettlach erzählt, dass ihn die Erkrankung sehr mitgenommen habe. «Schmerzen hatte ich eigentlich keine», erinnert er sich. «Am meisten Probleme hatte ich wirklich mit dem Sauerstoff. Ich bin manchmal fast verzweifelt. Ich habe nach Luft geschnappt, hatte aber das Gefühl, dass nichts kommt. Das war wirklich brutal».

Mit seinen Mitpatientinnen und Mitpatienten tausche er sich manchmal über die Erfahrungen aus, erzählt Hans W. «Dabei staune ich immer wieder, wie viele unterschiedliche Gesichter diese Krankheit hat. Es gibt praktisch keine Regeln und nichts, das es nicht gibt. Das ist das Mühsame an dieser Krankheit».

Immerhin: Wie Hans W., der an diesem Morgen sein erstes Gehtraining auf der Rundbahn ausserhalb der Klinik absolvieren konnte und rund einen Kilometer schaffte, geht es den meisten Patientinnen und Patienten nach der Rehabilitation wieder besser. «Die Patientenverläufe, die wir sehen, sind meistens sehr erfreulich», sagt Chefarzt Brun.

Zwar gebe es Patienten, die auch nach der Rehabilitation noch auf Sauerstoff angewiesen seien. Manche konstant, andere nur bei Belastungen. Aber: «Viele Patienten gehen ohne Sauerstoff nach Hause». Als Lungenspezialist hat Brun viele Jahre Erfahrung mit Patienten mit infektiösen Lungenerkrankungen. Dass so viele Patienten gleichzeitig unter den Folgen einer Krankheit leiden, hat auch er noch nie erlebt.

«Natürlich ist es so, dass die meisten, vor allem jüngeren, Personen einen milden Krankheitsverlauf haben», sagt Brun zum Abschluss des Gesprächs.

«Aber diejenigen, die einen schweren Verlauf haben, werden wirklich sehr schwer krank».

Dieses Bewusstsein fehle in der Bevölkerung nach wie vor, so Brun. Denn ein schwerer Krankheitsverlauf könne auch jüngere und vormals gesunde Personen treffen. «Wir haben bei uns auch einen Patienten mit Jahrgang 1976 behandelt. Er ist Familienvater und stand vor seiner Erkrankung mitten im Leben, nach Akutspitalaufenthalt war er auf einen Rollstuhl angewiesen», erinnert er sich. «Wer solche Bilder sieht, kann die Schutzmassnahmen im Lande eher nachvollziehen».