Amtsgericht Solothurn-Lebern

Hansi A* soll eine bewusstlose Frau geschändet haben – doch das Gericht zweifelt an der Schuldfähigkeit

Der Angeklagte soll sich an einer nicht urteilsfähigen Frau vergangen haben. (Symbolbild)

Der Angeklagte soll sich an einer nicht urteilsfähigen Frau vergangen haben. (Symbolbild)

Hat Hansi A* eine bewusstlose Frau geschändet – und wenn Ja, kann er dafür verantwortlich gemacht werden?

Ein heute 38-jähriger Schweizer hat sich in Grenchen eine Vielzahl kleiner Delikte zu Schulden kommen lassen. Keine Bagatelle war der gravierendste Vorfall: Er soll eine junge Frau, die unter Einfluss von Medikamenten, Drogen und Alkohol die Kontrolle über sich verloren hatte, geschändet haben.
In der Anklageschrift steht, dass die Frau im Morgengrauen auf dem Heimweg zusammengebrochen sei und sich an nichts mehr erinnern könne. Stunden später sei sie nackt im Bett des Angeklagten aufgewacht und panikartig geflüchtet. Hansi A.* wird vorgeworfen, die Bewusstlosigkeit der Frau zu sexuellen Handlungen ausgenützt zu haben. Der Angeklagte gab dagegen bei der Polizei an, es sei bereits auf dem Trottoir zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr gekommen. Danach habe er die Frau in seine Wohnung mitgenommen, wo es wiederholt zu einvernehmlichem Sex gekommen sei.

Schizoides Verhalten an den Tag gelegt

«Vorliegend handelt es sich nicht um eine Haftsache», ist in der Anklageschrift zu lesen. Doch die Fakten sahen gestern Donnerstag vor Amtsgericht Solothurn-Lebern ganz anders aus: Hansi A. wurde durch die Polizei in den Gerichtssaal geführt und die Fussfesseln wurden ihm nicht abgenommen. Der Angeklagte ist derzeit in einer geschlossenen Anstalt im Berner Oberland untergebracht. Offenbar wird er dort als unberechenbar eingestuft. Vor Gericht hinterliess er einen durchaus freundlichen Eindruck.

Neben der Schändung erscheinen die weiteren Anklagepunkte als Bagatellen. So ist Hansi A. in Grenchen regelmässig als Schwarzfahrer aufgefallen. Die örtlichen Busfahrer sollen richtiggehend Angst vor ihm gehabt haben. Dazu passte auch der Anklagepunkt des mehrfachen unanständigen Benehmens. Im Sommer 2017 gab vor allem sein Einbruch ins Grenchner Stadion Brühl zu reden. Hansi A. wollte vor Gericht weder zu seiner Person noch zu den Vorwürfen etwas aussagen. Amtsgerichtsstatthalter Matthias Steiner ging aber nicht zu den Plädoyers über, wie es in solchen Fällen Usus wäre. Er fragte Staatsanwältin Kerstin von Arx, warum kein psychiatrisches Gutachten über den Angeklagten erstellt wurde. «Angesichts des Gesundheitszustandes bei den Einvernahmen hatte es dazu keinen Grund gegeben», antwortete die Staatsanwältin.

Daraufhin wurde die Verhandlung unterbrochen, weil sich das Gericht bei der Berner Institution informieren wollte, die sich derzeit um Hansi A. kümmert. «Das Gericht hat ernsthafte Zweifel an der vollumfänglichen Schuldfähigkeit des Angeklagten», sagte der Amtsgerichtsstatthalter, als die Verhandlung nach längerem Unterbruch wieder aufgenommen wurde. Die teilweise schizoid anmutenden Schilderungen in den Protokollen, die lange Drogensucht und die Tatsache, dass er wegen psychischer Probleme eine volle IV-Rente erhält, seien wichtige Hinweise darauf, dass es möglicherweise an Einsicht und Steuerungsfähigkeit fehle. Das Gericht ordnete deshalb an, dass ein psychiatrisches Gutachten erstellt wird, bevor die Verhandlung weitergeführt wird.

*Name geändert

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