Kritik

«Grosser Verlust für den Kanton»: Kopfschütteln wegen Schliessung der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Für Kinder mit psychischen Krankheiten gibt es im Kanton Solothurn bald keine stationären Plätze mehr.

Für Kinder mit psychischen Krankheiten gibt es im Kanton Solothurn bald keine stationären Plätze mehr.

Die Solothurner Spitäler AG soH will das stationäre Angebot in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton schliessen und in andere Kantone auslagern. Das sorgt bei Ärzten und Politikern für Kritik.

Wenn Kinder mit psychischen Problemen aus dem Kanton Solothurn einen stationären Aufenthalt in einer Klinik benötigen, dann finden sie ab nächstem Jahr in Bern oder Basel Hilfe. Die stationäre Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton Solothurn wird per Ende Jahr nämlich geschlossen, das gab die Solothurner Spitäler AG soH Mitte Januar bekannt. Offen ist, wie die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen im Kanton in Zukunft aussehen soll.

Noch liegt kein Plan vor, die soH ist laut eigenen Angaben dabei, mit verschiedenen Akteuren ein neues Konzept für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen im Kanton Solothurn zu entwerfen. Beteiligt sind laut der soH unter anderem selbstständige Kinder- und Jugendpsychiater, kantonale Stellen und die zukünftigen Partner im stationären Bereich – also die Spitäler aus Basel, Liestal und Bern.

Kritik von selbstständigen Fachärzten

Mit am Tisch sitzt auch Daniel Barth, er ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Er führt eine eigene Praxis und vertritt gegenüber dieser Zeitung die Position der selbstständigen Kinder- und Jugendpsychiater im Kanton. Für ihn und die anderen Selbstständigen war der Entscheid, das stationäre Angebot der Kinder- und Jugendpsychiatrie in andere Kantone auszulagern, eine Überraschung. «Wir waren überrumpelt», erzählt er in seiner Praxis in Solothurn.

Die soH begründete das Aus für die stationäre Kinder- und Jugendpsychiatrie unter anderem mit einem Mangel an Fachkräften. Diese Einschätzungen teilen die selbstständigen Kinder- und Jugendpsychiater nicht, der Mangel an Fachkräften bei der soH ist aus ihrer Sicht hausgemacht: «Die Gründe sind beim Arbeitsklima und den zu suchen», so Barth.

Barth sieht den Beschluss der soH kritisch: «Der Entscheid ist äusserst bedauerlich. Ein grosser Verlust.» Nur im Bereich der Intensivbehandlungen und der Kriseninterventionen macht eine Zusammenarbeit mit anderen Kantonen laut Barth Sinn – etwa dann, wenn ein Kind mitten in der Nacht einen Platz in einer Klinik braucht. Für Kinder aber, die länger stationär behandelt werden müssen, sei der Aufenthalt in einem anderen Kanton eine zusätzliche Belastung. Dies, weil sie aus ihrem persönlichen Umfeld herausgerissen werden.

Mehr ambulante Angebote als Chance

Potenzial sieht Barth dagegen, wenn die soH das ambulante Angebot wie angekündigt ausbaut und etwa mit Tageskliniken ergänzt. In einer Tagesklinik werden Kinder und Jugendliche tagsüber von Fachkräften betreut, am Abend kehren sie jeweils in ihre Familien zurück. Auch Gruppentherapien oder aufsuchende Behandlungen sind laut Barth gute Möglichkeiten in der ambulanten Therapie.

Trotz dieser Chancen hofft er, dass die soH zu einem späteren Zeitpunkt wieder ein eigenes stationäres Angebot in der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf die Beine stellt. Mit einem gut ausgebauten ambulanten Angebot wären die stationären Behandlungen auch besser planbar, so Barth: «Wenn das ambulante und teilstationäre Angebot im Kanton voll ausgebaut ist, lässt sich abschätzen, wie viele stationäre Plätze es braucht.»

Kantonsräte fordern Antworten

Nicht nur unter den Ärzten, sondern auch unter den Politikern gab der Entscheid der soH für die Schliessung des stationären Angebots zu reden. In einer Interpellation fordert die Grüne Kantonsrätin Barbara Wyss Flück Antworten von der Solothurner Regierung. Den Vorstoss von Wyss Flück haben 64 Kantonsrätinnen und Kantonsräte aus allen Fraktionen unterschrieben. Sie wollen wissen, auf welcher Grundlage die soH sich für die Abschaffung des stationären Angebots entschieden hat. Und ob die soH dem Versorgungsauftrag des Kantons auch ohne stationäre Abteilung nachkommen kann.

Auch Wyss Flück lässt das Argument des Fachkräftemangels nicht gelten. «Der Fachkräftemangel ist auch selbst gemacht», sagt sie. «Wenn die Spitäler ihr Personal nicht mit Sorgfalt behandeln und nicht klar kommunizieren, dann kommt es zu Abgängen.» Fachlich will sie den Entscheid der soH zwar nicht kritisieren, aber was den Entscheidungsprozess angeht, fordert sie mehr Transparenz.

Die Fragen aus der Interpellation will der Kanton Solothurn im März beantworten. Das Gesundheitsamt teilt lediglich mit, die soH habe das Amt über den Entscheid zur Schliessung der stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie informiert.

Die soH will die Pläne für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen zu einem späteren Zeitpunkt bekannt geben. Ein möglicher Termin ist im Mai, dann tritt die neue Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie ihre Stelle an.

Gegen den Vorwurf eines generell schlechten Arbeitsklimas wehrt sich die soH; ihr sei nur in Einzelfällen eine temporäre Unzufriedenheit der Mitarbeiter bekannt.

Meistgesehen

Artboard 1