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Geschiedene Mutter trifft auf vegane Lesbe: Wenn zwei Frauen eine zweite Chance wahrnehmen

Claudia Burckhardt als Robyn (l.) und Barbara Grimm als Sharon zeigen in der schwarzen Komödie «Roommate» ihre schauspielerische Bandbreite.

Claudia Burckhardt als Robyn (l.) und Barbara Grimm als Sharon zeigen in der schwarzen Komödie «Roommate» ihre schauspielerische Bandbreite.

Zwei Frauen jenseits der fünfzig beschliessen, als Wohngemeinschaft zusammenzuleben. Beide ent- decken Neues: An sich und an der anderen.

«Roommate», «Mitbewohnerin» heisst das 2015 uraufgeführte Stück der amerikanischen Autorin Jen Silverman, welches diese Woche als deutsche Uraufführung am Theater Orchester Biel Solothurn Tobs zu sehen war. Ein Stück wie geschaffen für die beiden Schauspielerinnen Barbara Grimm und Claudia Burckhardt, die als junge Schauspielerinnen auch tatsächlich mal zusammen wohnten. Zudem eine Frauenproduktion: Die Übersetzung stammt von Barbara Christ, inszeniert wurde von Anna-Sophie Mahler, Bühnenbild und Kostüme kommen von Sophie Krayer, und die Dramaturgie stammt von Margrit Sengebusch.

Die Szenerie ist düster. Eine angedeutete Wohnküche, mit Wasserkocher und Pfannen. Ein Mikrofonständer als Telefon. Sharon (Barbara Grimm) ist geschieden und lebt allein in ihrem zu grossen Einfamilienhaus in Iowa. Sie sehnt sich nach einer engeren Beziehung zu ihrem Sohn, einem erfolgreichen Modeschöpfer, «aber nicht schwul», den sie fast nie sieht. Da kommt ihr die gleichaltrige Robyn (Claudia Burckhardt) gerade recht, die sich bei ihr als Mitbewohnerin beworben hat. Sie stammt aus der Bronx und sucht eher einen Unterschlupf als eine Wohnung an einem neuen Ort.

Ein düsteres Geheimnis

Doch Robyn scheint keine sehr pflegeleichte Mitbewohnerin zu sein. Sie ist bekennende Lesbe, Poetry-Slammerin, Veganerin und kommt mit unzähligen geheimnisvollen Papiertüten an. Ein düsteres Geheimnis scheint sie aus ihrem Vorleben mitzubringen, und Sharon schafft es zunächst nicht, mehr darüber zu erfahren. Trotz Spannungen freunden sich die beiden Frauen an und beginnen, ihre zweite Chance auf ein neues, anderes Leben zaghaft wahrzunehmen und alte Verhaltensmuster über Bord zu werfen. Auch wenn dafür ein paar enthemmende Rauchschwaden benötigt werden. Schliesslich kommt Sharon hinter das Geheimnis von Robyn, und sie beginnt, sich deren Persönlichkeit einzuverleiben. Robyn ist alles andere als begeistert davon.

Einsamkeit und Alterskriminalität

«Roommate» ist ein Stück über Freundschaft, die auch in der zweiten Lebenshälfte noch entstehen kann, und wie sich Lebensläufe gegenseitig beeinflussen. Es ist aber auch ein Stück über verpasste und vielleicht zweite Chancen, über die Einsamkeit beim Älterwerden, das Versagen als Eltern. Und auch ein Stück über Alterskriminalität. Wie kann und will man sich überhaupt mit sechzig nochmals neu erfinden? Das alles in Form einer dunklen, teils sarkastischen Komödie voller Wortwitz.

Barbara Grimm spielt diese teils abgeklärte, dann aber wieder an der Grenze zur Hysterie agierende Sharon mit der ganzen Bandbreite ihres Könnens. Das geht von der kultiviert-puritanischen amerikanischen Hausfrau bis zur kiffenden, hemmungslosen Hippiebraut. Claudia Burckhardt als männlich wirkende, geheimnisvolle Robyn scheint zunächst wie der Gegenpol dazu zu sein. Doch im Lauf des Stückes verwandelt auch sie sich – zur stets flüchtenden, ängstlichen und verzweifelten Frau.

Beeindruckend sind neben den darstellerischen Leistungen das spartanische, aber sehr stilvolle Bühnenbild mit dem riesengrossen Pendel. Besonders unter die Haut geht das Sounddesign von Marcel Babazadeh. Tiefe, brummende Töne, schrille Geräusche unterstreichen die labile Psyche der Protagonisten.

Aufführungen in Solothurn: 30.10., 8.11., 10.11., 28.11., 9.12. Premiere in Biel: 29.9. Eine Kooperation mit dem Neuen Theater Dornach. Premiere in Dornach: 10.1.2019.

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