Justizvollzugsanstalt Solothurn

Gefängnisdirektor: «Die Leute altern im Gefängnis schneller»

Charles Jakober ist Direktor der Justizvollzugsanstalt im Deitinger Schachen. Er will, dass das Hochsicherheitsgefängnis trotz allem ein möglichst lebenswerter Ort ist. Das liegt vor allem auch an kleinen Details, die im Alltag hinter Gittern grosse Bedeutung erhalten.

Im März 2009 geriet eine Welt aus den Fugen. Missstände in der offenen Vollzugsanstalt Schöngrün gerieten ins Schlaglicht der Öffentlichkeit. Der «Lotterknast» sorgte schweizweit für Schlagzeilen.
Zehn Jahre später ist von der damaligen Solothurner Gefängniswelt wenig mehr übrig. Das «Schöngrün» ist geschlossen. Im Deitinger Schachen eröffnete der Kanton 2015 eines der modernsten Hochsicherheitsgefängnisse der Schweiz, einen 150 mal 25 Meter grossen Stahl- und Betonkoloss für Straftäter aus dem ganzen Land.


Charles Jakober ist der Mann, der diese neue Gefängniswelt verkörpert. Der Direktor der 2015 eröffneten Justizvollzugsanstalt steht an einem Fenster in einem hellen Raum. Er blickt auf Rasen, hohe Zäune und Stacheldraht. Wächter patrouillieren mit Hunden. «Es ist eine moderne Anstalt», sagt Jakober.

Kein Internet


Jakober, ein grossgewachsener, schlanker Mann mit blauem Anzug und feingliedriger Brille, könnte auch Schulrektor sein. Aber wenn er zur Arbeit geht, passiert er Sicherheitsschleusen, geht vorbei an Videokameras und Stacheldraht. 2000 Schlösser und 450 Schlüssel gibt es für dieses Gebäude. Metalldetektoren wie an den Flughäfen finden sich nicht nur beim Eingang. Besucher geben Handy, Porte-monnaie und Schlüssel ab.
96 Männer leben hier, untergebracht in 10er-Wohngemeinschaften mit Mitbewohnern, die sie sich nicht ausgesucht haben. Die Zelle: rund 13 Quadratmeter gross. Wer hier sitzt, hat Anrecht auf drei Besuche pro Monat. Aber keinen eigenen Computer und schon gar kein Internet.

"Hier kann man leben"


«In der Justizvollzugsanstalt Solothurn kann man leben», sagt der Direktor. «Wir haben genügend Raum, die Platzverhältnisse entsprechen den heutigen spezifischen Vollzugsandforderungen.» Man könnte diese Sätze zynisch verstehen, aber Jakober meint sie ernst. Er sagt: «Wir müssen uns einrichten, dass es lebenswert ist.» Kleinste Details machen den Unterschied, wenn jemand gezwungenermassen über Jahre oder gar Jahrzehnte an einem Ort lebt. Zum Beispiel, dass es vergitterte grosse Fenster gibt, die man andernorts vergeblich sucht. Dass die Insassen in ihrer Zelle die Fenster selbst öffnen können.

Es ist ein kleiner Akt von Selbstbestimmung in einer fremdbestimmten Welt. «Fast jeder Insasse hat einen Arbeitsweg», sagt Jakober. Wie in allen Schweizer Gefängnissen herrscht Arbeitspflicht; es gibt eine Schreinerei, eine Gärtnerei, die Metallverarbeitung, Montageateliers. Es gibt einen Sportplatz und ab und an gestiftete Konzerte. Wer in eine Anstalt kommt, unterliege «einem schleichenden Verlust von Selbstständigkeit», sagt der Direktor. «Dem versuchen wir entgegenzuwirken.» Die Gefangenen müssen etwas beitragen und etwa ihre Wäsche selbst machen. «Es ist enorm wichtig, die Leute soweit zu trainieren, dass sie einer geregelten Beschäftigung nachgehen und möglichst selbstständig leben können», nennt Jakober ein Ziel der Anstalt.


Sicherheit dank guter Planung


104 Angestellte arbeiten im Hochsicherheitsgefängnis. Morgens trifft sich der Gefängnisdirektor mit allen Mitarbeitenden, die gerade Dienst haben. Besuche, Anlieferungen, alles wird besprochen. Der Zufall wird so gut als möglich aus dem Alltag verbannt. «Ein geplanter Ablauf ist ein Sicherheitsfaktor», sagt Jakober. Kontrolle und Regeln haben auch bei den Insassen Priorität. Wer Gewalt anwendet, Drogen konsumiert oder sich nicht an andere Regeln hält, muss mit Strafen rechnen, seien es Bussen oder Einzelhaft. «Das tönt nicht modern. Aber es ist existenziell. Sonst verlieren wir die Kontrolle», sagt der Direktor. «Wir reagieren deshalb früh.» Ab und an landen solche Disziplinarentscheide vor einem Solothurner Gericht. Zurückgepfiffen wird die Anstalt von den Richtern fast nie.


Therapie gehört dazu


Jakober spricht von einem «spürbaren Druck», der unter Langzeit-Häftlingen greifbar sei. Wer hierherkommt, der bleibt oft für sehr lange. Es gibt im «Schachen» 36 Straftäter im Normalvollzug. Sie wissen, wann sie wieder rauskommen. Es gibt aber auch Verwahrte. Und es gibt 60 Plätze für Männer in stationärer therapeutischer Massnahme. Für Männer, die nicht wissen, wann sie herauskommen. Es sind rückfallgefährdete Täter mit psychischer Störung. Die Gerichte schicken sie hierhin, um die Öffentlichkeit zu schützen und die Rückfallgefahr per Therapie zu bannen. Maximal fünf Jahre dauert eine solche Therapie, das Gericht kann sie danach erneut anordnen. Theoretisch kann sie so relativ lange dauern. Und auch deshalb steht die Massnahme in der Kritik. Täter würden vorsorglich weggesperrt, heisst es.

«Die Urteilspraxis hat sich deutlich verändert», sagt Charles Jakober dazu. Hätten Richter früher Massnahmen verlängert, habe es inzwischen «eine Gegenbewegung» gegeben. «Gerichte sind nicht bereit, einfach so eine Massnahme zu verlängern.» Wer hier lande, sei zudem einschlägig auffällig geworden, grösstenteils durch mehrere Delikte nacheinander, bekräftigt Jakober. «Einige Leute können ihr Verhalten nicht einfach so ändern. Es ist nicht mehr als vernünftig, eine stationäre Massnahme anzuordnen», sagt Jakober. Nach einer therapeutischen Massnahme gewinnt selten jemand die volle Freiheit zurück. Meist geht es, nach grossen Fortschritten, weiter in eine offenere Institution, ein Wohnheim oder in eine ambulante Massnahme.


Hier altert man schneller


Dass die Gesellschaft keine Rückfälle dulde, spüre man im Gefängnis, sagt Jakober. Es sei zeitweise kaum mehr möglich gewesen, auch nur einen geführten und gesicherten Ausgang zu erhalten, selbst wenn ein Täter Fortschritte gemacht habe. «Es gab fast keine Bewilligung mehr.» Dabei seien solche Ausgänge und Urlaube «ein ganz wichtiger Bestandteil für die Integration.»


Charles Jakober sitzt vor dem hellen Fenster und sagt nachdenklich: «Freiheit ist das höchste Gut. Es ist schwierig, im Vollzug zu sein.» Liest er selbst Berichte über Gefängnisse, dann hat er oft den Eindruck, dass den Leuten die Gefängniswelt entweder viel zu milde oder viel zu hart vorkommt. Er sagt einerseits: «Es ist ein Urteil, das man umsetzen muss. Man kann sich nicht darüber hinwegsetzen.» Und er sagt andererseits: «Ganz, ganz viele Leute unterschätzen den Einschnitt, den der Entzug der Freiheit bringt.» Täter kämen jung in das Gefängnis und erst dann raus, wenn andere etwas aufgebaut haben. Jakober hat beobachtet, dass «die Leute hier schneller altern». Dies sei zwar nicht nur das Resultat des langen Aufenthaltes. «Viele Männer hier haben auch schon vor der Inhaftierung in anderen Lebensbereichen grössere Risiken auf sich genommen.» Nun treffen diese Lebensgeschichten auf 150 mal 25 Metern zusammen. Es gibt Momente, da ist Charles Jakober selbst erstaunt, wie gut das Zusammenleben im Gefängnis funktioniert.

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