Interview

Fraisa-CEO zu Ausbildungen in der Industrie: «Mit Digitalisierung steigen die schulischen Anforderungen»

Josef Maushart führt Politikerinnen und Politiker aus dem Kantonsrat im Jahr 2019 durch die Berufsmesse IBLive. (Archiv)

Josef Maushart führt Politikerinnen und Politiker aus dem Kantonsrat im Jahr 2019 durch die Berufsmesse IBLive. (Archiv)

Mit der Digitalisierung werden die Berufe in der Industrie anspruchsvoller. Längere Berufslehren könnten den Einstieg erleichtern. «Wir brauchen Leute, die auf ihrem Beruf bleiben», sagt Fraisa-CEO Josef Maushart im Interview.

Der Einstieg ins Berufsleben ist ein wichtiger Schritt im Leben von Jugendlichen. Und wenn es mit der gewünschten Lehrstelle nicht klappt, dann kann das belastend sein.

Die Schulen der Gemeinde Zuchwil warnten im September davor, dass es für Jugendliche aus der Sek B schwierig sein kann, eine Lehrstelle zu finden. Gerade in der Industrie seien die Anforderungen an die Jugendlichen gewachsen. Josef Maushart ist CEO der Fraisa und organisiert die Berufsmesse IBLive. Im Interview spricht er über die Anforderungen der Industrie und mögliche Lösungsansätze.

Josef Maushart führt Politikerinnen und Politiker aus dem Kantonsrat im Jahr 2019 durch die Berufsmesse IBLive.

Josef Maushart führt Politikerinnen und Politiker aus dem Kantonsrat im Jahr 2019 durch die Berufsmesse IBLive.

Im Kanton haben Jugendliche aus der Sek B am meisten Mühe, eine Lehrstelle zu finden. Sind diese Schüler mit diesem schulischen Hintergrund den Anforderungen in der Industrie noch gewachsen?

Josef Maushart: Es gibt Berufe, die für Schülerinnen und Schüler aus der Sek B tatsächlich nicht geeignet sind. Unsere Lehrstellen als Polymechaniker besetzen wir beispielsweise mit Jugendlichen, welche die Sek E besucht haben. Um Jugendlichen aus der Sek B einen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen, bieten wir andere Berufslehren. Etwa eine Lehre als Produktionsmechaniker und Anlagenführer.

Gibt es keinen Platz mehr für Jugendliche mit kleinem schulischen Rucksack?

Dramatisieren würde ich das nicht. Wichtig ist, dass die Industrieunternehmen weiter Lehrberufe wie Betriebsmechaniker anbieten und so auch Jugendlichen aus der SEK B einen Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen. Nach der Lehrabschlussprüfung sieht sowieso alles wieder anders aus. Viele Jugendliche machen in der Lehrzeit den Knopf auf. Sie entwickeln sich weiter und haben plötzlich mehr Ambitionen, sich beruflich weiterzubilden.

Macht es Sinn, vermehrt EBA-Lehren anzubieten, um Jugendlichen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern?

Wenn Unternehmen vermehrte EBA-Lehren anbieten würden, dann würde das keine Probleme lösen, sondern nur verschieben. Wer lediglich eine EBA-Lehre absolviert hat, ist heute für den Berufsalltag in der Industrie nicht mehr gerüstet. Es wäre unseriös, jungen Leuten eine EBA-Lehre anzubieten, wenn die Betriebe sie nachher nicht übernehmen könnten.

Gibt es eine Alternative?

Ich finde die Idee des Verbandes Swissmechanic besser: Dieser überlegt, gewisse Berufslehren zu verlängern. Die Lehre für Produktionsmechaniker könnte auf vier Jahre verlängert werden. Das erste Lehrjahr könnte so weniger anspruchsvoll anfangen und so den Einstieg für Lernende erleichtern. Das wäre auch für die Unternehmen attraktiv, denn wir brauchen Leute, die auf ihrem Beruf bleiben. Lernende mit einem Hintergrund in der Sek E bleiben häufig nicht oder nicht lange auf ihrem gelernten Beruf, sondern bilden sich schnell weiter. Die Industrie braucht beides.

Sind die Berufslehren in der Industrie anspruchsvoller geworden?

Ja, und zwar in doppelter Hinsicht. Die Industrie hat sich gewandelt, die Digitalisierung hat Einzug gehalten. Damit sind die schulischen Anforderungen gestiegen. Viele einfache Arbeiten werden heute von Robotern übernommen. Diese Maschinen werden aber nicht mehr manuell bedient, sondern am Bildschirm. In den vergangenen Tagen bin ich an unserem Ausbildungszentrum für die Lernenden vorbeigelaufen, fünf von zehn haben am Computer gearbeitet. Das bildet die neue Situation in der Industrie ab.

Wie wichtig sind gute Noten heute noch?

In unserem Unternehmen spielen Noten keine grosse Rolle, wenn es darum geht, Jugendliche zu einem Eignungstest einzuladen. Wir schauen bereits hier auf die Sozialkompetenzbeurteilungen. Im Eignungstest werden dann die Fächer Mathematik, Physik, das räumliche Vorstellungsvermögen und das mechanisch-technische Verständnis geprüft. Die Sozialkompetenz beleibt auch später das Entscheidende. Wenn Jugendliche am Einstieg im Arbeitsmarkt scheitern, dann häufig wegen der Sozialkompetenz und nicht wegen fachlicher Fragen.

Was heisst das?

Der Umgang im Arbeitsumfeld ist heute lockerer als früher. Früher waren Disziplin und Respekt wichtig, da sind Fragen der Sozialkompetenz eher in den Hintergrund getreten. Je lockerer der Umgang, desto wichtiger werden Sozialkompetenz und Selbstdisziplin. Teamfähigkeit ist entscheidend. Da können unsere Ausbildner nicht helfen, und auch für die Schule ist es schwer, in diesem Bereich etwas zu bewirken. Sozialkompetenz lernen die Jugendlichen im Elternhaus.

Es gibt auch Fälle, in denen Jugendliche oder Eltern sich nicht für eine Lehre in der Industrie begeistern wollen.

Viele Vorstellungen, die man über die Arbeit in einem Industrieunternehmen hat, gehören heute der Vergangenheit an. Die Fabrikhallen sind neu und hell. Wir versuchen mit Berufsmessen wie der IBLive Jugendlichen zu zeigen, wie sich die Berufe verändert haben.

Was spricht denn nach wie vor für eine Berufslehre in der Industrie?

Ganz viel! Technische Berufe vermitteln ein Verständnis der heutigen Welt. Wer einen technischen Beruf wählt, der ist nicht mehr nur Smartphone-Nutzer, sondern versteht auch, wie ein Smartphone funktioniert. Wenn man die technischen Zusammenhänge verstehen kann, dann ist das wunderbar. Dazu kommt, dass in unserem System die Durchlässigkeit sehr gut ist. Mit einer technischen Grundausbildung kann man jede Karriere starten.

Autor

Rebekka Balzarini

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