Kanton Solothurn

Förster und ihre Lieblingsbäume: Sie stellen die Bäume vor

Jeder Förster hat seinen Lieblingsbaum. (Symbolbild)

Jeder Förster hat seinen Lieblingsbaum. (Symbolbild)

Vom Friedensbündnis und der Violine bis zur Zukunftshoffnung – fünf Förster aus dem Kanton Solothurn erzählen die Geschichte, die hinter den dicken Stämmen und den tiefen Wurzeln ihrer Lieblingsbäume steckt.

Ist der Wald auch noch so gross, sie haben die einzelnen Bäume im Blick: die Förster. Sie sorgen im Auftrag der Waldbesitzer dafür, dass der Wald im Kanton wirtschaftlich und sinnvoll genutzt wird. Dabei wächst ihnen der eine oder andere Baum ans Herz – was nicht unbedingt heisst, dass der Favorit für immer von der Säge verschont bleiben soll.

Vier Revierförster und eine Kreisförsterin haben uns ihren Lieblingsbaum gezeigt und erzählt, was gerade diesen Baum so besonders macht. Das Spektrum ist gross – die Gründe liegen in der Klangqualität des Holzes, oder in einer bereits Jahrtausende alten Sitte hinter der Baumart, die Versöhnung zwischen Feinden zu besiegeln: Ein Waldspaziergang der anderen Art quer durch den Kanton Solothurn – mit einem Abstecher in die Stadt.

Daniela Gurtner, Kreisförsterin Solothurn

Bis unter den Alter des Solothurner Kapuzinerklosters reichen die Wurzeln der beiden Linden, die Kreisförsterin Gurtner als ihre Lieblingsbäume vorstellt.

Bis unter den Alter des Solothurner Kapuzinerklosters reichen die Wurzeln der beiden Linden, die Kreisförsterin Gurtner als ihre Lieblingsbäume vorstellt.

«Mich faszinieren die zwei Linden beim Kapuzinerkloster in Solothurn. Sie stehen nur vier oder fünf Meter auseinander. Das widerspricht der Wachstumslehre. Das kümmert die beiden nicht. Sie sind zusammen aufgewachsen und wollen gemeinsam alt werden. Und obwohl der Boden dort fast überall versiegelt ist, geht es ihnen gut», sagt Daniela Gurtner. Wenn schon niemand genau weiss, wie die rund 200-jährigen Stadtbäume zu ihren Nährstoffen kommen, so ist dank der Pro-Natura-Baumporträts immerhin bekannt, dass ihre Wurzeln bis unter den Altar reichen.

«Die Linde ist ein Symbol für Gastfreundschaft. Ihr weiches Holz wird von Schnitzern geschätzt. Zugleich ist die Linde mit ihren riesigen Wurzeln äusserst widerstandsfähig, zum Beispiel gegen Steinschläge», sagt Gurtner. «Für mich zeigen diese zwei Bäume, dass die Natur mächtiger ist als der Mensch, aber auch, dass der Mensch ohne Natur nicht leben kann.»

Die Verbindung vom Menschen zum Wald steht im Zentrum der Arbeit der Kreisförsterin. Sie koordiniert und beaufsichtigt unter anderem Projekte zu Biodiversität, Sicherheitsholzerei, Bildung und sorgt für die Durchsetzung des Waldgesetzes. Bei all dem Papierkrieg ist Gurtner regelmässig im Wald und bespricht sich mit ihren Revierförstern, zu denen Daniel Schmutz (Wasseramt) und Thomas Studer (Leberberg) gehören. «Der direkte Kontakt ist mir wichtig», betont sie.

Kilian Bader, Revierförster Balsthal-Mümliswil

Die Linde ist auch ein Symbol des Friedens, das gefällt Revierförster Bader

Die Linde ist auch ein Symbol des Friedens, das gefällt Revierförster Bader

Auch ihm hat es eine Linde angetan. Kilian Bader beleuchtet die Bedeutung der Baumart aus der Sicht des Waldes. Hier ist die Linde im Vergleich zur Buche zwar eine Randerscheinung; sie sei aber höchst wertvoll. «Lindenlaub fördert die Aktivität der Würmer. Das erhöht die Fruchtbarkeit des Bodens.» Nützlinge wie Bienen erfreuen sich an den Blüten der Linde – Schädlinge beissen sich am Baum die Zähne aus. Die Linde stelle eine Zukunftshoffnung dar:

«Kaum ein Baum zeigt sich derzeit so robust. Kaum Stress wegen Hitze und Dürre – kein Wunder werden diese Bäume Hunderte von Jahren alt», so Bader. «Mir gefällt auch die Symbolik: Friedensschlüsse wurden früher besiegelt, indem man eine Linde pflanzte. Das passt zu mir als friedliebender Mensch.» Doch wenn sein Kreisförster auf dem Gang durch den Wald eine Linde zum Fällen anzeichnen will – nicht ohne amüsierten Seitenblick auf den Lindenfan – verteidigt Bader «seine» Bäume. «Wenn immer möglich lasse ich im Wald die Linden stehen.»

Daniel Schmutz, Revierförster Wasseramt

Widerstandsfähig und 140 Zentimeter dick ist die Stieleiche neben Revierförster Schmutz

Widerstandsfähig und 140 Zentimeter dick ist die Stieleiche neben Revierförster Schmutz

Eine grosse, dicke Stieleiche im Derendinger Eichholz, einem 3,3 Hektaren grossen Schutzgebiet, ist der Lieblingsbaum von Daniel Schmutz. Sie stand schon, als Napoleon mit seinen Truppen unterwegs war. Ihr Durchmesser beträgt etwa 140 Zentimeter.
Während mehrere Bäume in der Nachbarschaft umgestürzt sind, geht es der Eiche prächtig. Und das, obwohl sie im Zuge des Autobahnbaus vor bald einem dreiviertel Jahrhundert mit der Senkung des Grundwasserspiegels zurechtkommen musste – lange vor dem aktuellen Dürrestress.

«Bis zu 1000 Pflanzen- und Tierarten leben von und auf einer Eiche», erklärt Schmutz. «Sie ist unendlich wertvoll für das Ökosystem.» Der Gedanke, wie früher einmal der Pfarrer von Deitingen gemäss verbrieftem Recht seine drei Schweine zum Mästen unter die Eiche trieb, lässt ihn schmunzeln. Schmutz wüsste gern mehr solche Geschichte: «Wie oft habe ich mir schon gewünscht, diese Eiche könnte sprechen.»

Thomas Studer, Revierförster Leberberg

Trotzt dem Klimawandel: Die Weisstanne, Lieblingsbaum von Revierförster Studer.

Trotzt dem Klimawandel: Die Weisstanne, Lieblingsbaum von Revierförster Studer.

Das Absterben im grossen Stil hat den Weisstannen diesen Sommer traurige Berühmtheit verschafft. Doch um «seine» Weisstanne am Selzacher Lehmannskreuz macht sich Thomas Studer keine Sorgen. Die Gigantin im Alter von ungefähr 170 Jahren trotzt dem Klimawandel: Die Wurzeln hat sie im Brügglibach, eine Mulde schützt sie vor Stürmen, und die Nährstoffe fliessen ihr seitlich zu. «Als junger Förster hatte ich diesen Baum vor bald 30 Jahren angezeichnet zum Fällen. Dann habe ich mich anders entschieden. Auch, weil es schon damals sehr aufwendig gewesen wäre die Weisstanne umzutun. Wenn es nach mir geht, wird dieser prächtige Baum nie gefällt werden.»

Abgesehen von der persönlichen Vorliebe betont Studer den Wert von Weisstannen für den Waldboden: «Ihre Wurzeln dringen bis zu 45 Meter in den Boden. Davon profitieren andere Pflanzen und Tiere. Hinzu kommt: Wir Menschen schätzen den Duft der Nadeln.» Der Nachteil: Mehrere Borkenkäferarten und weitere Schädlinge seien auf Weisstannen spezialisiert. Jetzt, wo die Bäume gestresst sind, haben die Schädlinge leichtes Spiel. «Unsere Versicherung gegen den Klimawandel sind stufige, altersdurchmischte und vielfältige Bestände.» Die Zeit der Monokulturen, wie sie etwa vor 150 Jahren von Fichten massenhaft angepflanzt wurden, sei vorbei, ist Studer überzeugt.

Georg Nussbaumer, Revierförster Unterer Hauenstein

Revierförster Georg Nussbaumer mit seinem Lieblingsbaum, einem rund 30 Jahre alten Bergahorn ob Trimbach

Seit 20 Jahren verfolgt Revierförster Nussbaumer, wie dieser Bergahorn wächst.

Revierförster Georg Nussbaumer mit seinem Lieblingsbaum, einem rund 30 Jahre alten Bergahorn ob Trimbach

Georg Nussbaumer hofft bei seinem Lieblingsbaum auf eine Wachstumsanomalie. Was abschreckend klingt, würde den ohnehin wertvollen Bergahorn noch wertvoller machen. Dank der Maserung des Holzes würde dieses pro Kubikmeter dadurch einen fünfstelligen Betrag einbringen. Feststellen lässt sich das aber erst, wenn der Baum gefällt wird – und hoffentlich zum Klangkörper von Violinen, Cellos und Gitarren wird. «Viele Musikinstrumente sind teilweise aus Ahorn gefertigt, die Qualität des Klangs bei diesem Holz ist mit nichts zu vergleichen», sagt Nussbaumer.

Er beobachtet den Bergahorn seit 1990, als dieser etwa 25-jährig war, misst ihn jedes Jahr und erlebte, wie sich der Durchmesser des Stammes auf fast 60 Zentimeter verdoppelt hat. «Der Bergahorn hat mich durch mein Försterleben begleitet. Wenn ich bei der Arbeit bei ihm vorbeikomme, sage ich ihm kurz Hallo, tätschle den Stamm und freue mich an ihm.» Diese gelegentlichen Aufsteller kann Nussbaumer brauchen, denn Sorgen gibt es im Wald genug. Die Trockenheit und Hitze der letzten Jahre, die Böden, in denen zu viel Stickstoff gespeichert ist – hingegen wichtige Mineralien zunehmend fehlen. «Wir werden künftig vermehrt robuste Arten wie Zedern und Nussbäume setzen müssen, denn schliesslich haben wir einen Wirtschaftswald, der Ertrag generieren soll.»

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