Prävention

Finger weg von Alk und Zigis: Lungenliga setzt neu auf eine App

Per Chatnachricht liefert die App Tipps und Infos im Umgang mit Suchtmittel.

Per Chatnachricht liefert die App Tipps und Infos im Umgang mit Suchtmittel.

Suchtmittelprävention via Handy: Dies versucht neu die Lungenliga. Eine App mit virtuellen Chatpartnern soll Jugendliche im Umgang mit Stress soweit «coachen», dass sie nicht zur Zigarette oder zur Flasche greifen. An den Oltner Berufsschulen ist man erfreut über das Projekt, aus Solothurn gibt es Kritik.

Sie heissen Alex oder Laura. Wer sich die App «ready4Life» heruntergeladen hat, dem schicken die beiden in regelmässigen Abständen Nachrichten – in einem Chat, der vom Design her stark an Whatsapp erinnert. Angereichert mit Bildern, Videos und Smileys, liefern diese Nachrichten Infos und Tipps im Umgang mit Alkohol, Tabak oder Stresssituationen. Die Zielgruppe dieser App sind Jugendliche, vor allem Lehrlinge. Sie sollen so für den Umgang mit Suchtmitteln sensibilisiert werden und trotz neuem, stressigem Lehrlings-Alltag nicht zur Zigarette oder Flasche greifen. Die Präventions-App ist der Versuch der Lungenliga, die Jugendliche dort abzuholen, wo sie unterwegs sind: nämlich auf dem Smartphone.

Alex und Laura sind keine realen Personen. Sie sind Avatare, virtuelle Chatpartner, die – je nachdem was für Angaben der Nutzer macht, etwa wie viel er raucht oder trinkt – vorprogrammierte Ratschläge und Aufgaben liefern. Vier Monate dauert jeweils ein solches «Coaching». An dessen Ende sollen die Lehrlinge gelernt haben, mit Stress umzugehen und «ready4life», also «bereit fürs Leben» sein. Die kantonale Lungenliga hat ihre Suchtmittelprävention in diesem Schuljahr zum ersten Mal mit dieser App durchgeführt. Und zwar an den Oltner Berufsbildungszentren (BBZ). An zahlreichen Klassen im ersten Lehrjahr hat Christophe Gut, Bereichsleiter Gesundheitsförderung und Prävention, zusammen mit einer Kollegin die App vorgestellt. Über 500 Lehrlinge haben seither teilgenommen. «Ich bin selber überrascht, wie gut die Lehrlinge mitmachen», sagt Gut. Aber genau das sei das Ziel gewesen, so Gut weiter: «Die zentrale Frage für uns ist: Wie erreichen wir die Jugendlichen?» Seit Jahren macht er an Schulen Prävention. Der Kontakt zu den Jugendlichen sei nun viel einfacher geworden. Denn: «Ein Smartphone hat jeder.»

Aus Olten gibt’s Lob, aus Solothurn Kritik

«Alles klar bei dir? In den nächsten Wochen geht’s ja ums Thema Alkohol. Ich gebe dir zunächst ein paar Infos zu deinem Alkoholkonsum.» Solche und ähnliche Nachrichten trudeln in regelmässigen Abständen auf dem Smartphone ein. Sogar Push-Nachrichten kann man einstellen, fast so, als würde man tatsächlich mit jemandem chatten. Dieser lockere Umgangston, diese neue Herangehensweise: Ist dies der richtige Weg, um Jugendliche auf die Folgen von übermässigem Alkoholkonsum aufmerksam zu machen? Nehmen diese das Ganze überhaupt ernst? Was taugt die App?

Das sei noch schwierig zu bestimmen, findet Gut. Das müsse erst noch untersucht werden. Das Projekt wird wissenschaftlich evaluiert, erste Resultate würden positiv ausfallen. Von der Idee ist er aber bereits jetzt überzeugt: «Jeder Versuch ist ein Beitrag. So auch die App. Im Mindesten regt sie zum Nachdenken an und bewirkt damit schon etwas.»

Dieselbe Frage an die Verantwortlichen des BBZ Olten gestellt. Christoph Henzmann, Kommunikationsbeauftragter und Klassenlehrer einer Klasse, die das Projekt durchgeführt hat, schweigt zuerst. Dann meint er: «Ob die App etwas nützt, können wir nicht beurteilen.» So ist er sich etwa nicht sicher, wie ernsthaft die Lehrlinge die App benutzen und wie wahrheitsgetreu sie die Fragen, zu ihrem Alkohol- oder Zigarettenkonsum etwa, beantworten. Trotzdem habe man erfreut zur Kenntnis genommen, dass die Oltner Lehrlinge laut dieser Umfrage im schweizweiten Vergleich eher gut abschneiden, gerade was Alkohol- und Tabakkonsum betreffen (siehe dazu Statistik unten). Henzmanns Fazit fällt insgesamt gut aus: «Wir haben die App positiv aufgenommen. Die Lehrlinge haben sich schnell zurechtgefunden, die App ist ein zeitgemässes Mittel.» So will man denn in Olten auch im nächsten Jahr wieder an diesem Projekt mitmachen.

Einiges kritischer fällt das Urteil am BBZ Solothurn-Grenchen aus. Dort hat man sich entschieden, beim diesjährigen Projekt nicht mitzumachen – und dies, nachdem man im vergangenen Jahr, in dem das Ganze noch online und nicht über eine App ablief, noch teilgenommen hatte. Die Kritik: Das Vorstellen des Projekts und vor allem das Eingeben der Daten durch die Lehrlinge über ihr Konsumverhalten dauere zu lange, sagt Fabian Kammer, Abteilungsleiter Allgemeinbildung und Schulleitungsmitglied an der GIBS Solothurn. Daneben bleibe in der Lektion zu wenige Zeit, um über Suchtmittelprävention zu informieren. «Der für uns sinnvollere Informationsteil über Tabak wurde teilweise in weniger als fünf Minuten behandelt. Wir fanden das ‹alte› Konzept um einiges besser», so Kammer. Und weiter: «Diese Lektion ist in erster Linie eine Datenerhebung bei Jugendlichen und keine Informationsveranstaltung.»

Damit macht das BBZ Solothurn-Grenchen allerdings nicht einfach gar keine Prävention mehr. Präventionsunterricht ist Teil des Lehrplans und somit obligatorisch. In Solothurn und Grenchen führt man sie einfach selber durch, ohne Lungenliga. Denn noch ein zweiter Punkt stört Kammer am Projekt: «Die Lehrlinge müssen sich mit den Resultaten, die die App liefert, nicht kritisch auseinandersetzen. Wenn sie zum Beispiel sehen, dass sie unterdurchschnittlich konsumieren, kann sich dies unkommentiert sogar negativ auswirken.»

Tabakexperten der Lungenliga werden zu Allroundern

Ganz auf sich alleine gestellt sind die Jugendlichen mit dem Projekt nicht. Nebst Nachrichten von Alex und Laura können sich die Lehrlinge via App auch an richtige Menschen wenden. Am anderen Ende der Leitung sitzt dann Christophe Gut, der die verschiedensten Fragen zu beantworten hat. So wird der Tabak-Präventionsexperte auch Mal mit Fragen zu Alkohol oder Stress belagert. «Vieles ist auch für mich ‹learning by doing›», so Gut. Häufig müsse er sich in ein Thema einlesen, bevor er antworten könne. Und wenn er nicht weiterwisse, dann verweise er auf andere Suchtfachstellen. Eine allgemeine Antwort hat er nicht parat, dafür seien auch die Fragen zu individuell. Aber häufig gehe es um Stress, ob in der Lehre, in der Schule, oder im Privaten. «Sehr viele Jugendliche sind gestresst und können schlecht damit umgehen. Das ist auch verständlich, bedeutet der Umstieg von der Schule in die Lehre doch einen massiven Einschnitt. Doch ein Stück weit gehört Stress einfach zum Leben, und man muss lernen, damit fertig zu werden.»

Dass er als Tabakexperte nun auch Alkoholfragen beantwortet, sieht er nicht als Problem an. Es gehe darum, die Kompetenzen der Lehrlinge zu stärken, ihnen den Umgang mit Stress zu lehren und so zu verhindern, dass sie in eine Sucht abrutschen. Ob dies mit der App besser gelingt, muss sich zeigen.

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