Wiedereröffnung

Film ab in Solothurner Kinos – aber haben sie überhaupt noch Zukunft?

Nach fast dreimonatiger Pause dürfen die Kinos heute Samstag ihre Tore wiedereröffnen. Aber nicht alle legen sofort los. Wir haben uns bei den drei wichtigsten Kinobetreibern des Kantons umgehört, wie das Coronavirus ihre Welt verändert hat.

Film aus, Vorhang zu, Licht an – so lief das am 16. März 2020 in den Kinosälen der Schweiz. Doch es verstrichen nicht nur wenige Stunden bis zur nächsten Vorstellung, sondern mehrere Tage, Wochen, Monate. Das Coronavirus hat die Branche in Schockstarre versetzt. Die Premieren der grössten Blockbuster wurden um Monate verschoben, andere Filme wurden während des Lockdowns auf Streamingplattformen veröffentlicht, Hollywood ruhte. Heute geht die längste kinofreie Zeit in der Geschichte des Lichtspieltheaters zu Ende. Die Vorhänge öffnen sich wieder, die Popcorn sind bereit. Film ab!

Aber will überhaupt jemand ins Kino, so lange das Virus noch nicht besiegt ist? Hat es überhaupt Zukunft neben Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime? Wir haben mit drei der wichtigsten Kinobetreiber des Kantons gesprochen. Einer aus jeder Stadt. Von Olten über Solothurn bis Grenchen.

Klappe, die Erste!

Kino Koni, Olten

  • Konrad «Koni» Schibli, 51-jährig, aus Olten
  • Die 3 Lieblingsfilme: La La Land, L.A. Story, The Greatest Showman
Koni Schibli vom KinoKoni: «Es ist eine sichere Sache, wieder ins Kino zu kommen»

Koni Schibli vom KinoKoni: «Es ist eine sichere Sache, wieder ins Kino zu kommen»

Kino ist das Leben von Konrad Schibli. Er wurde quasi in die Sitzreihen geboren. 1926 eröffnete sein Grossvater ein Kino in Olten, seine Eltern übernahmen in den 70er-Jahren, er selbst ist seit 2008 Herr über die in Olten gespielten Filme. Ihm gehören alle Kinos ausser dem Lichtspiel. Zudem ein Unterhaltungskomplex in Oftringen. Schon mit sechs Jahren hat er als Platzanweiser für Kindervorstellungen angefangen. Danach machte er eine Kochlehre, arbeitete aber nie wirklich auf dem Beruf. Es zog ihn nach Los Angeles, wo er Filmwirtschaft studierte, drei Jahre lebte und ein altehrwürdiges Hollywood-Kino mit 800 Plätzen managte. Es folgten drei Jahre im Ruhrgebiet, Multiplex-Kinos mit zehn und mehr Sälen, ehe er 1998 in die Schweiz zurückkehrte.

Das Geschäft kennt er schon lange. Etwas wie Corona hat der Mann mit den langen, grauen Haaren noch nie erlebt. Nicht annähernd. «Ein mulmiges Gefühl» überkomme ihn, wenn er an die Wiedereröffnung denke. Weil er nicht weiss, wie die Leute reagieren werden, wie sehr noch die Angst deren Handeln bestimmt. Die drei Monate mit geschlossenen Vorhängen haben ihn viel Geld gekostet. Allein die verschobenen Premieren von James Bond und «Fast & Furious» hätten einen siebenstelligen Betrag eingespielt, schätzt er. Normalerweise setzt er mit seinen zwölf Kinosälen rund 8,5 Millionen Franken um. Dieses Jahr dürften es bis 2,5 Millionen weniger sein.

Schibli hat sich nicht damit begnügt, das Familienerbe zu verwalten. Schnell hat er angefangen, eigene Ideen umzusetzen, das Geschäft weiterzuentwickeln. Das «Kino Koni» in Olten hat er erst letzten November eröffnet. Nach neuem Konzept. Mehr Beinfreiheit, in gewissen Sälen gar mit Hockern, um die Füsse hochzulagern, edle Sessel aus grünem, grauem oder goldenem Velours, Holztischchen bei jedem Sessel und das alles bedient. Was man an der Kinotheke bestellt, wird einem in den Kinosaal serviert. Schibli ist längst nicht mehr nur Kinobetreiber, er ist Eventmanager, Gastronom und Visionär. 

Rund 20 Leute beschäftigt Schibli in seinem «Head Office» in Oftringen. Die kosten, auch wenn die Filme nicht über die Leinwand flackern. Kurzarbeit und ein Kredit über 850'000 Franken haben die ärgsten Nöte gelindert. «Wenn wir diesen Kredit in fünf Jahren zurückzahlen müssen, ist das sehr sportlich. Es müsste sich alles wunderbar entwickeln», sagt er und runzelt die Stirn. Schlaflose Nächte aber bereite ihm dies nicht. «Ich meditiere jeden Tag bis zu einer Stunde. Das holt mich ganz in den Moment zurück.» Im Gegenteil: Schibli denkt an Expansion. Sowohl im Kinobereich als auch in der Gastronomie. Er will in grössere Städte, Städte wie Bern oder Basel.

Natürlich, die Unsicherheit bleibt gross. Er rechnet auch für 2021 und 2022 mit Mindereinnahmen im siebenstelligen Bereich. Aber er glaubt an die Zukunft: «Das Kino ist schon oft für tot erklärt worden.» Als der erste TV auf den Markt kam, als das Farbfernsehen die Stuben erobert, dann bei der Videokassette und jetzt im Zusammenhang mit den VOD-Plattformen (Video on Demand). «Sie ersetzen das Kinoerlebnis nicht. Die Aura eines Filmes, die Energie des Publikums im Saal, das zusammen Lachen und Weinen», sagt Schibli.

Aber Schibli ist auch Unternehmer und sieht die Chancen von VOD. Deshalb hat er die Zwangspause genutzt, um mit dem Aufbau einer eigenen Streaming-Plattform zu beginnen. Im Herbst soll sie live gehen. Er will das Angebot für seine Gäste ausbauen. Vielleicht gar um einen Popcorn-Lieferservice. Aber das ist Zukunftsmusik. Zuerst öffnet er seine Kinos diesen Samstag. Wie es weitergeht, kommt ganz auf die Besucherzahlen an.

Klappe, die Zweite!

Canva Club, Solothurn

  • Jan de Boer, 44-jährig, aus Zuchwil
  • Die 3 Lieblingsfilme: La Haine, Pulp Fiction, die James-Bond-Reihe
Jan de Boer vom Kino Canva Club: «Wir hoffen auf euer zahlreiches Erscheinen»

Jan de Boer vom Kino Canva Club: «Wir hoffen auf euer zahlreiches Erscheinen»

Mit tiefer Stimme sagt Jan de Boer: «Die drei vergangenen Monate können wir sicher nicht mehr reinholen und es braucht mindestens noch ein, zwei Monate bis sich der Betrieb normalisiert.» Wegen der verschobenen Blockbuster, aber auch wegen der Unsicherheit bezüglich der Sommermonate. Früher herrschte während der heissen Tage Flaute in den Schweizer Kinosälen. Doch das ist passé. Vor allem wegen der Digitalisierung und der dadurch vereinfachten Piraterie haben die grossen Filmverleihe angefangen ihre Filme weltweit am gleichen Tag zu veröffentlichen. «Der Sommer ist Blockbusterzeit. Dann schreiben sie in den USA die besten Zahlen», so De Boer. Die Schweiz ist auf dem Weg dahin.

Drei Kinos betreibt Jan de Boer mit seiner Mutter und ihren zwei Geschwistern: das Canva, das Canva Club und das Canva Blue. Und so soll es auch bleiben, wachsen ist kein Thema. «Für uns stimmt es so.» Der Familienbetrieb hat die Coronakrise bisher ohne Kredit überstanden. Kurzarbeit, ja, das hätten sie angemeldet. Und bezüglich Miete hätte er Glück gehabt, seine Eltern haben ihm eine Monatsmiete erlassen, ihnen gehört das Haus, in dem das Canva Club Arthouse-Filme zeigt.

Im Gegensatz zu den anderen Kinobetreibern hat sich De Boer entschieden seine Säle erst kommenden Donnerstag, 11. Juni, wieder zu öffnen. Die Kinowoche beginne am Donnerstag, daran hat Corona für ihn nichts geändert. Logisch, er freut sich auf den Moment, wenn die Besucherinnen und Besucher wieder kommen. Aber euphorisch ist er deswegen nicht. «Ich habe gefühlt einen Monat gebraucht, um wirklich zu fassen, was da abgeht», sagt der Canva-Club-Boss. So lange war er noch nie ohne Kino. Ein surreales Erlebnis. Zugleich hat er die Zeit daheim genossen. Die sechsjährige Tochter hat er sonst nur ganz selten ins Bett bringen können, auch wenn er bloss drei Stockwerke über dem Kino wohnt.

De Boer hat eine Anlehre als Elektriker gemacht, danach eine Lehre als Gipser und arbeitete schliesslich in verschiedenen Jobs auf dem Bau. Abends im Kino. Seit sechs Jahren konzentriert er sich ganz auf das Lichtspieltheater. Natürlich verunsichert ihn die durch das Virus hervorgerufene Krise. Im schlimmsten Fall rechnet er damit, dass es noch Monate dauern könnte, bis das Kinogeschäft wieder so läuft, wie es mal war. Aber die Branche ist krisengestählt. Seit Jahrzehnten ist sie mit stets neuen Herausforderungen konfrontiert. Das jüngste Kapitel schreiben Netflix & Co.

Auch die Solothurner Kinobetreiber haben schon wenige Tage nach dem Lockdown gemeinsame Sache gemacht und über die unabhängige Streamingplattform cinefile.ch Filme angeboten. Nicht das grosse Geschäft, aber immerhin ein paar hundert Franken habe das doch gegeben, so De Boer. Er sagt: «Ich habe das Gefühl, dass mehr Menschen Filme schauen als jemals zuvor. Das Wissen wächst.» Und mit ihm das Interesse. Denn: Das Kino-Erlebnis, da ist er sicher, ist ein ganz anderes als daheim.

Anders wird das Erlebnis auch im Canva Club. Dank dem neu eingerichteten Kassensystem kann man seit kurzem mit Karte bezahlen. Die weiteren Veränderungen sind dem Virus geschuldet: Abstandsmarkierungen, Desinfektionsmittel, getrennte Ein- und Ausgänge, weniger dichtes Programm, mehr Putzeinsätze für die Putzfrau und natürlich leere Sitze neben zusammengehörenden Gruppen von Menschen. Selbst wenn die zwei Meter Abstand nicht eingehalten werden können, dürfen die Kinobetreiber alle Reihen besetzen, wenn sie die Kontaktdaten aufnehmen.

Klappe, die Dritte!

Kino Rex, Grenchen

  • Angel Rodriguez, 32-jährig, aus Grenchen
  • Die 3 Lieblingsfilme: The Italian Job, Avengers: Endgame, The Gentlemen
Angel Rodriguez vom Kino Rex: «Ich habe versucht, alle Popcorn zu essen – aber es ging nicht»

Angel Rodriguez vom Kino Rex: «Ich habe versucht, alle Popcorn zu essen – aber es ging nicht»

Kurzarbeit hat Angel Rodriguez schon vor dem Lockdown angemeldet. «Die Verunsicherung hat man schon ein paar Tage vorher gespürt, wir hatten deutlich weniger Besucher. Man hat gemerkt, dass da etwas Gröberes kommt», sagt er. Der Grenchner mit Wurzeln in Madrid tanzt aus der Reihe. In grauem Kapuzenpulli, dunkelblauer Hose und weiss-rotem Cap unterscheidet er sich schon äusserlich von seinen Berufskollegen. Aber da ist mehr.

Rodriguez ist ein Quereinsteiger, wurde nicht in eine Kinofamilie hineingeboren. Schon während der Kantonsschule beginnt er unter Besitzer Manuel Zach als Operateur im Palace in Grenchen. 2014, noch vor dem Ende seines Studiums in Biel übernimmt er das Kino, einige Monate später das auch Rex und vor zwei Jahren zudem das Casablanca in Solothurn. «Ich bin schon immer meinen eigenen Weg gegangen», sagt er und schmunzelt. Er liebt neue Herausforderungen.

Wie stark die dreimonatige Pause auf die Kasse schlägt, dazu will Rodriguez keine Auskunft geben. Nur so viel: «Es wäre ein super Kinojahr geworden, wir hatten alle einen richtig guten Jahresstart.» Und dann wären noch James Bond, «Fast&Furious» und der Disney-Film Mulan gekommen. «Drei Hamstermonate» seien Corona zum Opfer gefallen, sagt er. Trotzdem gibt er sich zuversichtlich und bereit mit seinem Team das Beste zu geben. Aber ja, Kurzarbeit hat er natürlich für sich, einen Festangestellten und circa 15 Temporäre beantragt und bekommen. Und auch wenn der Start jetzt holprig sein sollte, nervös macht ihn das nicht gross. Sagt er wenigstens.

Und man glaubt ihm. Kino ist für ihn ein Nebenjob. Eigentlich sei er Softwareentwickler, zum Teil angestellt, zum teil selbstständig. Rund 80 Prozent arbeitet er als Programmierer. Das Kinogeschäft ist für ihn zwar nur ein Nebenjob, aber zugleich seine grosse Leidenschaft. Vorerst eröffnet er das Kino Rex, in einer späteren Phase die anderen zwei Kinos. Das gibt ihm auch die Möglichkeit, alle Massnahmen überall sauber umzusetzen. «Wie der Start sein wird, kann ich nicht einschätzen, aber wir freuen uns über jeden Besucher», sagt er. Ziemlich sicher ist er, dass die Jungen schnell wieder zurück in die Normalität finden werden. Das haben die bisherigen Öffnungsschritte gezeigt.

Die Zwangspause hat Rodriguez genutzt, um die Webseite seiner Kinos aufzumotzen bezüglich Design und Nutzerfreundlichkeit. Sie soll innerhalb der nächsten zwei Wochen aufgeschaltet werden. Und er hat Pläne geschmiedet, um sein Label «Cinema4me» bekannter zu machen, grösser. Die Idee für eine Streamingplattform hätte schon vor Corona bestanden, jetzt hatte er Zeit in Eigenregie daran zu arbeiten. Schliesslich fällt das in sein eigentliches Berufsfeld. Auch im Bereich Gaming habe er Pläne. Mehr möchte er noch nicht verraten. Bis in einem Jahr dürften aber beide Ideen umgesetzt sein, so seine Prognose.

Das Ende des Kinos ist für ihn noch in weiter Ferne. Logisch, als junger Mann in diese Branche einzusteigen, sei mit einem gewissen Risiko verbunden, da sie nicht gerade eine Boomphase erlebe. Zugleich aber ist er überzeugt, dass das Erlebnis Kino niemals einen digitalen Ersatz finden wird. «Ist euch auch schon aufgefallen, dass euch Filme, die ihr im Kino gesehen habt, viel besser in Erinnerung bleiben, als jene, die ihr zuhause streamt?», fragt er. Rein rhetorisch natürlich. Denn auch er weiss: TV, VHS oder VOD – kein Buchstabenkürzel hat das Kino gekillt.

Der Vorhang geht zu, das Licht geht an, die Vorstellung ist vorbei. Was bleibt, ist der Eindruck von drei Unternehmern, die alle an ein Kino nach Corona glauben. Mit der Gewissheit, dass noch keine technische Revolution das Ende für sie bedeutete. Zugleich arbeiten sie alle an digitalen Lösungen. Denn so viel ist klar: Ein Teil des Geschäfts ist längst in die Virtualität abgewandert. Gut möglich, dass Corona diese Entwicklung beschleunigt hat. Es wird Kinos geben, die auf der Strecke bleiben, der Markt wird sich weiter konzentrieren. Zugleich schiessen die Streamingangebote wie Pilze aus dem Boden. Aber sie werden nicht das Ende des Kinos bedeuten. 

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1