Coronavirus

Empathisch, aber auch streng: Die Contact Tracer des Kantons Solothurn

Fabienne Schmid erhält die Daten von Personen, die mit Covid-19 in Kontakt gekommen sind, ihr Team informiert die Betroffenen.

Fabienne Schmid erhält die Daten von Personen, die mit Covid-19 in Kontakt gekommen sind, ihr Team informiert die Betroffenen.

Die Rückverfolgung von Covid-19-Fällen hat im Kanton Solothurn eine hohe Priorität. Ein Besuch im Büro, wo die Contact-Tracer arbeiten.

Im ersten Stock im Ambassadorenhof in der Solothurner Altstadt laufen die Telefonleitungen seit Wochen heiss. Im Büro mit Blick auf den Stadtpark und das Kunstmuseum ist das Contact-Tracing-Team des Kantons untergebracht. Die Mitarbeiter müssen sich täglich einer anspruchsvollen Aufgabe stellen: Sie müssen Menschen darüber informieren, dass sie mit Covid-19 in Kontakt gekommen sind.

«Der erste Anruf ist der wichtigste», sagt Fabienne Schmid. Sie leitet das Contact-Tracing-Team des Kantons. «Für viele Betroffene ist es ein Schock», erzählt sie. «Sie machen sich Vorwürfe, einige fangen an zu weinen. Unser Ziel ist es deshalb, Ruhe zu vermitteln und Schritt für Schritt zu informieren.»

Kontakte rückverfolgen und Ansteckungsquellen finden

Das Vorgehen der Contact-Tracer ist klar geregelt. An jedem Platz liegt ein Formular, auf dem jeder einzelne Arbeitsschritt aufgelistet ist. «Wenn eine Person sich angesteckt hat, dann muss sie sofort nach Hause gehen. Sofern sie das nicht sowieso schon ist», so Schmid. «Danach versuchen wir herauszufinden, mit wem sie Kontakt hatte, um gefährdete Personen sofort zu kontaktieren.»

In diesem Punkt sind die Contact-Tracer streng – sie müssen alle Kontaktpersonen ausfindig machen, um zu verhindern, dass die Zahl der Infizierten plötzlich wieder in die Höhe schnellt. «Wichtig ist es zum Beispiel, dass wir den Arbeitgeber erfahren», sagt Schmid, und zeigt auf das Formular, auf dem die verschiedenen Kontaktmöglichkeiten aufgelistet sind. «Wenn eine Person zum Beispiel in der Pflege oder als Lehrperson arbeitet, dann ist das für uns ein wichtiger Hinweis, dass möglicherweise gleich mehrere Personen erkranken könnten.»

Auch Freunde oder Familienmitglieder könnten sich angesteckt haben. Sind die Voraussetzungen für eine mögliche Ansteckung erfüllt, dann meldet sich ein Mitglied des Teams telefonisch bei den Betroffenen. «Dabei gehen wir stets diskret vor. Wir verraten niemandem, bei wem er sich angesteckt haben könnte», betont Schmid. Häufig würden sich die erkrankten Personen aber ohnehin sofort mit Freunden, Familienmitgliedern und dem jeweiligen Arbeitgeber in Verbindung setzen. «Das ist für uns natürlich der Idealfall.»

Die Ansteckungsquelle ist für die Contact-Tracer ebenfalls eine wichtige Information. «Hier sind wir besonders hartnäckig», erzählt Schmid. «Wir müssen die Quelle herausfinden, um mögliche Sicherheitsrisiken zu erkennen.» Häufig kommt es laut Schmid vor, dass die Erkrankten keine Ahnung haben, wo sie sich mit dem Virus angesteckt haben. «Dann müssen sie einen Rückblick erstellen und genau aufschreiben, wo sie sich in den letzten zehn Tagen aufgehalten haben.»

Nach dem ersten Anruf bei den an Covid-19 Erkrankten ist die Arbeit der Contact-Tracer aber noch nicht erledigt. Per E-Mail erhalten die Betroffenen noch einmal Informationen dazu, wie sie sich verhalten müssen. Auch die Dauer der Isolation wird so noch einmal schriftlich übermittelt. Regelmässig sucht das Team danach per Telefon den Kontakt, hilft weiter bei Fragen, erkundigt sich nach dem Befinden. Und es versucht, die Betroffenen aufzumuntern. Denn die Zeit in Isolation ist für die Betroffenen häufig nicht einfach zu bewältigen, persönlicher Kontakt zu Freunden oder Angehörigen ist nicht möglich.

Keine negativen Erfahrungen bis jetzt

Im Kanton Bern machen die Contact-Tracer laut der dortigen Kantonsärztin häufig negative Erfahrungen mit den Personen, die sie in Quarantäne oder in die Isolation schicken. Beschimpfungen sollen im Nachbarkanton an der Tagesordnung sein. Solche Erlebnisse hätten die Contact-Tracer im Kanton bisher nicht gemacht, so Schmid. Aber es komme vor, dass die Betroffenen die Dauer der Isolation zu verkürzen versuchen. Die Regel für die Dauer der Isolation sind klar: Zehn Tage nach dem Auftreten der ersten und 48 Stunden nach dem Abklingen der Symptome, oder aber, wenn das Datum der ersten Symptome nicht klar ist, zehn Tage ab dem positiven Testresultat.

«Manchmal melden sich Betroffene und sagen, ihre Symptome seien schon früher aufgetreten», erzählt Schmid. Das Team gehe darauf aber grundsätzlich nicht ein. «Wir verhandeln nicht über die Dauer der Isolation. Die Dauer der Isolation oder der Quarantäne kann nur nach Rücksprache mit dem Kantonsarzt aufgehoben werden.»

Und wie kann das Team sicher sein, dass sich an Covid-19 Erkrankte auch tatsächlich an die ihnen auferlegte Quarantäne halten? Schmid überlegt kurz. «Häufig können wir uns auf unser Bauchgefühl verlassen», sagt sie dann. Und: Für die Betroffenen sei es schwierig, über längere Zeit zu lügen. «Vielleicht gelingt das in den ersten Tagen. Aber danach fängt es an zu bröckeln.» Zweimal sei das Team bisher misstrauisch geworden und habe vor Ort Kontrollen durchgeführt. «Allerdings zu Unrecht, die Betroffenen hatten sich an die Regeln gehalten.»

Contact-Tracing entwickelt sich laufend weiter

Das Contact-Tracing ist zwar kein Allerheilmittel, aber ein wichtiges Instrument dafür, um einen starken Anstieg der Covid-19-Fälle zu verhindern. Übergeordnet ist der Kantonsarzt Lukas Fenner für das Contact-Tracing verantwortlich. «Wir wollen im Kanton ein Contact-Tracing auf qualitativ hohem Niveau, das maximal ausbaubar ist», betont er.

Ein wichtiger Bestandteil des kantonalen Tracings sind deshalb standardisierte Arbeitsabläufe und Checklisten, an die sich alle Mitglieder des Teams halten können.
Dazu kommt ein Kernteam, das in einem hohen Pensum angestellt ist. «So haben wir ein eingespieltes und konstantes Team», erklärt Fenner.

Momentan sind die Mitarbeiter tagsüber im Einsatz, auch an den Wochenenden, und bald wird der Betrieb auf zwei Schichten ausgeweitet. Das Team setzt sich aus Personen mit unterschiedlichem Hintergrund zusammen, unter anderem sind auch Mitarbeitende der Kantonspolizei angestellt. Regelmässig finden Ausbildungen statt, um auf allfällige neue Entwicklungen reagieren zu können.

Ob das Contact-Tracing seine volle Wirkung entfalten kann, hängt laut Fenner aber vor allem von der Eigenverantwortung der Bevölkerung ab. Sind Kontaktdaten falsch oder halten sich Betroffene nicht an die Vorgaben, dann bleibt das Instrument wirkungslos.

Im Kanton bekannt ist etwa ein Fall in Grenchen – dort hielt sich eine junge Frau nicht an die Vorgaben des Kantons und besuchte eine Veranstaltung. Die Frau wurde angezeigt und wandte sich später via Anwalt an die Öffentlichkeit. Sie gab an, sie sei von einem Mitglied des s-Tracing-Teams falsch informiert worden. Der Fall wird momentan untersucht.

Autor

Rebekka Balzarini

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