Sie leben von Geburt an mit einer schweren Behinderung, vor allem körperlich. Sie haben aber auch eine Lernbehinderung. Was heisst das für Sie?

Daniel Herzig: Ich bin behindert, aber ich fühle mich nicht so. Man darf sich nicht behindert fühlen, sonst steht man sich selbst im Weg und hat schon verloren. Man muss immer wieder kämpfen, darf nicht rückwärts schauen. Man darf sich nie aufgeben.

Denken Sie schon immer so?

Das ist ein sehr langer Prozess. Das geht Jahre, bis man das lernt. Als Kind fühlst du dich behindert, du kannst nicht mit den anderen Kindern herumrennen und spielen, wie du das gerne willst. Und da habe ich mir jeweils gedacht: Verdammt, jetzt bist du wieder alleine.

Wieso ist das heute anders?

Das lernst du im Lauf der Zeit. Einer meiner Lehrer im Solothurner Schulheim hat immer wieder gesagt, ihr müsst kämpfen, ihr müsst rausgehen. Wir haben mit Rollenspielen Situationen aus dem Alltag nachgespielt, zum Beispiel eine Fahrt mit dem Zug. Diese Rollenspiele haben uns geholfen, uns auf das Leben später vorzubereiten.

Sie haben sich von der Schule gut begleitet gefühlt?

Wie andere Schüler auch, bin ich nicht immer gerne in die Schule gegangen. Die Rollenspiele und auch das Fach Allgemeinwissen aber haben mich immer sehr interessiert. Das hat mich vorwärtsgebracht. Ich war im Deutsch immer sehr gut. Das kann ich heute gut für das Schreiben meiner Science-Fiction-Geschichten nutzen.

Sie haben viele Jahre in Heimen für Menschen mit einer Behinderung verbracht. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Die Heime sind vor allem dafür da, dass sie dich pflegen und betreuen. Aber der soziale Bereich kommt oft zu kurz. Ich habe mich auch oft nicht ernstgenommen gefühlt. Die Heime sehen das zwar anders, aber das ist halt häufig doch so. Es fehlt einfach die Zeit.

Seit knapp zwei Jahren leben Sie in einer eigenen Wohnung. Eine Möglichkeit, die auch noch für andere Menschen mit einer Behinderung in Betracht kommen könnte?

Das kommt sehr auf die Art der Behinderung an. Das muss jeder individuell für sich abklären. Man muss sich zum Beispiel den Betreuern mitteilen können.

Welches Fazit ziehen Sie aus Ihrer Selbstständigkeit?

Der grosse Vorteil ist: Ich kann machen, was ich will, und ich werde so respektiert, wie ich bin. Ich bin ja auch Arbeitgeber. Ich habe Betreuerinnen und Betreuer, die für mich arbeiten. Eine Beiständin hilft mir, meine finanziellen Angelegenheiten zu regeln.

Sie verkaufen auf der Strasse Ihre selbst geschriebenen Geschichten: Das braucht grosse Anstrengungen?

Sicher, klar. Wenn du diese Anstrengungen aber nicht auf dich nimmst, dann stirbst du, dann kämpfst du nicht, dann gibst du auf. Das ist nicht meine Welt, ich bin eine Kämpfernatur. Wenn ich zum Beispiel einmal nichts verkaufe, dann gehe ich am nächsten Tag wieder raus und denke daran, dass ich dafür gleich 30 Stück verkaufen werde.

Welche Reaktionen erhalten Sie?

Die Reaktionen sind im Grossen und Ganzen sehr gut: Der macht etwas, der organisiert sich, der geht raus.

Manchmal hören Sie aber auch beleidigende Äusserungen auf der Strasse?

Ja, das gibt es öfters. Das lasse ich mir aber nicht bieten und gebe verbal zurück. Ich bin nicht jemand, der den Leuten einfach eine Story andrehen will. Ich will die Leute für meine Storys, für meine Sache, für meinen Kampf begeistern. Das ist nämlich kein einfaches Leben. Deshalb habe ich auch dieser Serie in der Zeitung zugestimmt. Die Leute, die das lesen, sehen dann: der macht etwas, der kämpft.

Verstehen Sie sich ein bisschen als «Anwalt» der Behinderten?

Ich will ihnen vor allem Mut machen, zu kämpfen. Auch den Angehörigen, die ein behindertes Familienmitglied haben. Sie sollen sich nicht aufgeben und sagen, dann gehen wir halt zu einer Behindertenorganisation. Diese Organisationen sind schon recht. Ich werde von der Pro Infirmis unterstützt. Das musst du auch so annehmen können, aber das allein genügt nicht. Du musst selber etwas machen, um aktiv zu sein, deshalb verkaufe ich meine Storys.

… und das Verkaufen von Storys ist ja längst nicht das Einzige, das Sie machen …

Ich gehe oft ins Kino, auch in Konzerte. Am 3. Juni ist das Peter-Maffay-Konzert im Zürcher Hallenstadion, das ist für mich das Grösste. Ich organisiere meine Fahrt dorthin und bezahle auch alles selber. Ich mache das mit dem Geld, das ich vom Verkauf der Storys habe. Das ist es mir wert, ich fühle mich ernstgenommen und respektiert.

Machen es sich einige Behinderte vielleicht zu einfach?

Sie kämpfen nicht. Sie sagen sich, warum soll ich kämpfen. Vielen fehlt der Mut. Alle Menschen müssen kämpfen, auch Nichtbehinderte. Für uns Behinderte bedeutet dieser Kampf vielleicht noch etwas mehr Arbeit.

Sie engagieren sich im neu gegründeten kantonalen Verein Selbstvertretung von Behinderten – weshalb?

Die Behinderten können ernstgenommen werden, aber sie müssen auch etwas dafür tun. Pro Infirmis unterstützt diesen Verein. Wir setzen uns zum Beispiel für bauliche Anpassungen ein und haben bereits auch schon etwas erreicht. Das sind oft Kleinigkeiten, für uns aber bedeuten solche kleinen Erfolge die Welt.

Seit 2004 ist das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft. Wo sehen Sie immer noch Hürden?

Eine 100-prozentige Gleichstellung wird es nicht geben. Von Neubauten kann man erwarten, dass sie rollstuhlgängig sind, von alten Häusern nicht. Die baulichen Hürden sind für mich aber nicht so wichtig, viel schwerwiegender sind die menschlichen Hürden, hier gibt es noch sehr viel zu tun.

Können Sie das etwas konkretisieren?

Wir wollen ernstgenommen werden. Man soll nicht einfach denken, die Behinderten sind in den Wohnheimen und in den geschützten Werkstätten gut versorgt. Das grosse Problem ist: Wenn du mit dem Rollstuhl gefahren kommst, dann sehen die Leute nur den Rollstuhl, sie sehen nicht den Menschen, der im Rollstuhl sitzt. Sie helfen dann aus Mitleid. Sie nehmen aber nicht die Mühe auf sich, mit diesen Menschen in Kontakt zu kommen.

Es fehlt halt oft die Zeit.

Mit Menschen in Kontakt zu kommen, die sich nur schwer ausdrücken können, braucht etwas mehr Zeit. Es braucht zum Beispiel auch Zeit, die Symbolsprache zu lernen. Wenn ich diese Sprache beherrschen würde, könnte ich mich besser mit diesen Menschen unterhalten. Behinderte und Nichtbehinderte könnten sich hier noch weiterbilden. Dadurch würde man ein besseres Verständnis für das Gegenüber bekommen. Das wäre dann auch ein Zeichen von Respekt. Alle Menschen haben ihre Sprache.

Wie werden die Behinderten in die Arbeitswelt integriert?

Hier passiert aus meiner Sicht noch zu wenig. Die Tagesstätte, in der ich bin, ist gut und recht. Wir haben viel Freiraum, unsere Ideen einzubringen, aber wir werden nicht bezahlt. In den geschützten Werkstätten bekommen die Behinderten etwas Geld, aber wenig. Ich weiss nicht, wie man das Problem lösen kann. Für mich aber ist das ein Frust. Nicht für jeden Behinderten ist es wichtig, Geld zu verdienen, für mich aber ist das sehr wichtig.

Was bedeutet der Verdienst für Sie?

Es ist ein Zeichen dafür, dass ich respektiert werde. Mir geht es darum, dass du als Behinderter für die Arbeit, die du leistest, auch bezahlt wirst.

Hätten Sie gerne noch mehr Kontakte und Freundschaften?

Ich habe einige Freunde, das sind nicht viele, aber die halten zu mir, wir gehen gemeinsam in Konzerte und ins Kino. Ein sehr guter Freund war über Ostern bei mir. Und Frauen natürlich: Sehr viele Behinderte haben Beziehungsprobleme. Es gibt solche, die es schaffen, die einen Partner oder eine Partnerin finden. Ich gehöre aber noch nicht zu diesen. Ich nehme mir das aber auch nicht vor, das darf man sich nicht vornehmen, sonst geht es gleich schief.

Was haben Sie für Zukunftspläne?

Ich bin sehr offen für Hinweise, die ich von überallher bekomme. Ich plane aber nicht gross, es kann sein, dass ich aus gesundheitlichen Gründen wieder in ein Heim muss. Ich lebe jeden Tag so, als wäre es mein letzter.