Kirschblütler

Doch Drogen bei Kirschblütlern gefunden: Warum die Ermittlungen trotzdem eingestellt wurden

Die Einstellungsverfügungen sind nun rechtskräftig. Die beiden Partnerinnen von Samuel Widmer (auf dem Bild), Psychiater und Leiter der Kirschblütengemeinschaft, erhalten je 2000 Franken Genugtuung.

Die Einstellungsverfügungen sind nun rechtskräftig. Die beiden Partnerinnen von Samuel Widmer (auf dem Bild), Psychiater und Leiter der Kirschblütengemeinschaft, erhalten je 2000 Franken Genugtuung.

Neue Dokumente zeigen, warum die Ermittlungen gegen die Gemeinschaft trotzdem im Sand verliefen.

Es schien, als ob der Berg eine Maus geboren hatte. Jahrelang ermittelte die Staatsanwaltschaft, ob bei der Lüsslinger Kirschblütengemeinschaft illegale Substanzen abgegeben wurden. Häuser wurden durchsucht, Personen einvernommen. Doch am Ende blieb von den Vorwürfen nichts übrig. Nach über drei Jahren Ermittlungen wurden im August die Verfahren gegen die beiden Partnerinnen des 2017 verstorbenen Kirschblüten-Oberhauptes Samuel Widmer eingestellt. Die Hintergründe zum Fall blieben im Dunkeln. Doch nun ist ein tieferer Einblick möglich, nachdem diese Zeitung Einsicht in die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft verlangt hat. Klar ist: Es gibt nach wie vor deutliche Hinweise auf Drogenabgaben im Umfeld der Gemeinschaft. Die Staatsanwaltschaft schreibt gar, eine Verdachtslage bleibe bestehen, «dass in den Reihen der Kirschblütengemeinschaft illegale Substanzen verwendet wurden.»

Warum fing Staatsanwaltschaft an, zu ermitteln?

  • Es begann mit einem Fernsehbeitrag. Im März 2015 zeigte das ARD-Magazin Beckmann einen heimlich gefilmten Beitrag über ein Seminar in Lüsslingen-Nennigkofen. Der Reporter erhielt Kapseln, bei denen es sich laut einer Auswertung, die der Fernsehsender durchführen liess, um Ecstasy handelte.

  • Es blieb nicht der einzige Hinweis auf Drogen. Im Juni 2015 wurde ein zehnjähriger Knabe aus dem Kirschblütenumfeld ins Spital gebracht. Er schäumte aus dem Mund, hatte Angstzustände und Wahrnehmungsstörungen. Er erklärte später, er habe Kopfweh gehabt und zuhause eine Tablette eingenommen. Es war LSD.

  • Im August 2015 meldete sich ein Mann bei der Polizei, der an einem tantrischen Seminar eine Substanz konsumiert und sich danach nicht mehr gut gefühlt haben will. Ein Drogentest reagierte positiv.

  • Für die Staatsanwaltschaft waren dies genügend Hinweise, die Ermittlungen aufzunehmen.

Was konnte ermittelt werden?

  • Zwei ehemalige Kursteilnehmerinnen wurden einvernommen, eine war acht Jahre lang bei der Kirschblütengemeinschaft. Sie sagten aus, in Kursen und Seminaren würden illegale Substanzen abgegeben. Freitags würden diese bestellt, dann samstags im Kurs von «Assistenten» abgegeben.

  • Samuel Widmer und seine Partnerinnen bestritten diese Schilderungen. Sie gaben an, nur legale Substanzen verteilt zu haben. Ein Sohn von Samuel Widmer gab zu, einmal «als Freundschaftsdienst» für jemanden drei Portionen LSD beschafft zu haben.

Warum kam es trotz klarer Hinweise zum «Freispruch»?

  • Die Polizei fand keine Sachbeweise und konnte mit Blick auf das Arztgeheimnis – Widmer war Arzt – gewisse Überwachungsmassnahmen gar nicht in Betracht ziehen.

  • Grosse Teile der sichergestellten Unterlagen, «insbesondere die sogenannten Erfahrungsberichte aus den einzelnen Seminaren», durfte die Staatsanwaltschaft aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes der Teilnehmer nicht verwenden.

  • Es stand Aussage gegen Aussage. Die Staatsanwaltschaft konnte «Rachegefühle mit entsprechendem Belastungseifer» bei den Zeuginnen nicht ausschliessen.

  • Mehrere potenzielle Zeugen wollten ihre Aussagen nicht in Anwesenheit der Beschuldigten machen. Deshalb können diese Aussagen in einem Strafverfahren nicht verwendet werden.

  • Es konnte niemandem nachgewiesen werden, dass konkret er (oder sie) selbst Drogen abgegeben hat.

  • Die vom Fernsehsender durchgeführte Analyse der abgegebenen Substanzen dürfte, da privat angeordnet, vor Gericht kaum verwertbar sein.

Wie geht es weiter?

Die Einstellungsverfügungen sind nun rechtskräftig. Die beiden Partnerinnen von Samuel Widmer erhalten je 2000 Franken Genugtuung. Der Staat muss weiter Anwalts- und Gerichtskosten von rund 20 000 Franken übernehmen. Der Sohn, dem der Verkauf von Drogen vorgeworfen wird, wird mit einem Strafbefehl belangt.

Meistgesehen

Artboard 1