Allgemeinmedizin

«Diese Politik wird für Arztpraxen existenzbedrohend»: Heftige Kritik der Ärzteschaft am Bund

Florian Leupold ist Facharzt für Innere Medizin und arbeitet zu 60 Prozent in seiner Praxis in Breitenbach. Juri Junkov

Der Breitenbacher Allgemeinmediziner Florian Leupold steht zuvorderst beim Ärzteprotest gegen das Bundesamt für Gesundheit. Er übt aber auch Selbstkritik – und sagt, was die Ärzteschaft künftig besser machen muss, wenn es um die Zukunft des Berufsstandes geht.

Herr Leupold, haben Sie das Gefühl, Sie verdienten als praktizierender Grundversorger zu wenig?

Florian Leupold: Es stellt sich weniger die Frage nach meinem Gefühl, sondern nach dem Gefühl der jungen Ärztinnen und Ärzte, die meine Praxis übernehmen sollten. Ich bin aus einer Zeit, wo nicht wie heute eine 50- sondern eine 70- bis 80-Stunden-Woche die Regel war. Mit diesem hohen Aufwand kann man auch heute noch ein gutes Einkommen erzielen. Die entscheidende Frage lautet aber, ob die jungen Kolleginnen und Kollegen ein solches unzeitgemässes Pensum und die unternehmerischen Risiken noch auf sich nehmen wollen. Wären die 257'000 Franken durchschnittlichen Jahreseinkommens für Grundversorger mit 100-Prozent-Pensum, wie sie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) veröffentlichte, kein Fake, hätte ich wohl keine Mühe, Nachfolger für meine Praxis zu finden.

Sie haben offengelegt, was Ihnen in Ihrem 60-Prozent-Pensum in der Praxis unter dem Strich bleibt: 60'000 Franken. Ketzerisch könnte man sagen: Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Wie sehen Sie das?

Unter Berücksichtigung aller meiner Tätigkeiten als Praxisbetreiber, Amteiarzt, Verwaltungsrat und Co-Präsident von zwei Berufsverbänden erziele ich natürlich ein durchaus gutes Einkommen, hinter dem aber eine sehr lange Ausbildung, viel Verantwortung und eine 7-Tage-Woche steht. Ich habe kein schlechtes Gewissen für das, was ich verdiene.

Für das Bundesamt für Gesundheit ist klar: Die Löhne der Ärzte sind zu hoch. Was sagen Sie zu dieser pauschalen Aussage?

Ich halte grundsätzlich nichts von pauschalen Aussagen. Sie taugen für Schlagzeilen und dienen nur einer politisch motivierten Berichterstattung. Sie tragen aber nicht zur transparenten Klärung von Sachverhalten und damit zur Lösung des Problems bei. Es ist zweifellos eine wichtige Frage, wie viel Gelder aus der obligatorischen Kranken- und Pflegeversicherung (OKP), die durch die Prämienzahler finanziert wird, durch den vom Bundesrat verordneten Arzttarif in Arzthonorare fliessen. Das Interesse der Prämienzahler, dies zu wissen, erachte ich als absolut berechtigt. Die Daten des BAG hingegen sind eine wilde Mischung von verschiedensten Löhnen.

Mit welchem Ziel geht das BAG Ihrer Meinung nach so vor?

Ganz klar: Wenn der Direktor des BAG ernsthaft verkündet, er brauche diese Daten, um den Arzttarif nach unten anzupassen, macht er einen krassen und für alle Arztpraxen gefährlichen Fehler. Denn mit einer weiteren Absenkung des vom Bundesrat verordneten Arzttarifs senkt er die von ihm angeprangerten Chefarztlöhne keineswegs, sondern er verschlechtert den bereits zwei Mal nach unten angepassten Arzttarif ein drittes Mal. Die Folge davon wäre, dass mittelfristig die gesamte ambulant arbeitende Ärzteschaft das tut, was die Hausärzte bereits vielerorts tun: Aussterben.

Sie vermuten eine politisch motivierte Agenda.

Ja, auf andere Art ist das Vorgehen von BAG und Bundesrat Berset nicht erklärbar. Wäre es dem BAG nicht nur darum gegangen, die Ärzteschaft pauschal für die Prämienerhöhungen verantwortlich zu machen, sondern hätte es wirklich herausfinden wollen, welcher Betrag aus den Prämiengeldern in welche Arzthonorare fliesst, hätte es ganz einfach beim Bundesamt für Statistik (BFS) nachfragen können. Die Daten sind aktuell, von neutralen Datenprofis des Bundes seriös erhoben und ausgewertet. Für Fake News à la BAG gibt es da keinen Platz.

Das ändert aber nichts daran, dass es Ärztelöhne – vor allem solche von Spitzenverdienern in Kliniken – gibt, die als exorbitant zu bezeichnen sind.

Wir müssen differenzieren: Neben der obligatorischen Kranken- und Pflegeversicherung (OKP) gibt es das System der Zusatzversicherungen, die nicht zum obligatorischen Sozialversicherungswerk gehören. Über diese Versicherung, die jedermann frei abschliessen kann oder auch nicht, können in den Spitälern höhere Rechnungen für erbrachte Leistungen gestellt werden. Wichtig ist: Diese Beträge werden nicht durch die OKP und damit nicht über die vom Bund festgelegten Krankenkassenprämien finanziert. Und auch die Spitalärzte werden nicht über die OKP finanziert. Vielmehr werden deren Löhne auf privatwirtschaftlicher Basis ausgehandelt. Dass es hier – wie in anderen Bereichen der Wirtschaft – grosse Lohnunterschiede gibt, ist unbestritten. Ab wann ein Einkommen unter Berücksichtigung der Ausbildungszeit und der Verantwortung als exorbitant gelten soll, kann ich so nicht beantworten.

Anders gefragt: Sollten Ärztelöhne in Spitälern «gedeckelt» werden? So wie es derzeit in verschiedenen Kantonen diskutiert wird?

Ich bin der Meinung, dass jedes Spital selbst entscheiden muss, wie viel Lohn ihm eine Ärztin oder ein Arzt, die oder den es anstellen will, wert ist. Die Spitalbetreiber müssen über diesen betriebswirtschaftlichen Faktor eigenständig entscheiden können, um sich im Markt behaupten zu können. Sie dürfen meines Erachtens nicht den Regulierungsbestrebungen des Staates unterstellt werden. Einige Spitäler haben den Entscheid für eine Deckelung getroffen, andere nicht. Ich finde das gut so. Schade ist nur, dass das BAG diesbezüglich nicht differenziert und nun wieder alle zur Stimmungsmache in den gleichen Topf wirft.

Ein fairer Ausgleich zwischen Grundversorgern und Spitalärzten kann nur stattfinden, wenn die Fachärzte etwas abgeben und die Grundversorger dafür etwas erhalten, oder?

Dies wird schon länger diskutiert und ist durch die Tarifeingriffe des Bundesrates auch bereits geschehen – allerdings in verheerend undifferenzierter Art und Weise.

Heisst das nicht auch, dass die Ärzte das «Lohnproblem», das sie diagnostiziert haben, letztlich selber lösen müssen?

Ja, was letztlich nur tarifpartnerschaftlich geht, wobei sich die Versicherer nicht gerade darin hervortun, lösungsorientiert zu verhandeln. Und der Bund unterstützt dies noch.

Dabei braucht es endlich eine umfassende und mehrheitsfähige Revision der Tarmed-Struktur und des Ärztetarifs. Sonst drohen neue Eingriffe des Bundes.

Die FMH ist mit ihren Partnern seit Jahren daran, einen betriebswirtschaftlich korrekten Tarif zu entwickeln. Leute, die einen funktionierenden Arzttarif entwerfen können, kann man in der Schweiz an einer Hand abzählen. Wir sind froh, dass wir diese Leute an Bord haben, dass die umfassende Revision des ambulanten Arzttarifs auf Hochtouren läuft und dass die neue Tarifstruktur von der FMH und einigen ihrer Tarifpartner jüngst verabschiedet werden konnte.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass dies am Ende mit allen Tarifpartnern und mit Billigung des Bundes gelingen wird?

Ich persönlich bin als Mitglied des Leitungsgremiums der Tarifrevision zuversichtlich, dass ein betriebswirtschaftlich korrekter Tarif verabschiedet werden kann. Dies, obwohl mir bewusst ist, dass viele Instanzen nur darauf warten, diesem Projekt Steine in den Weg zu legen.

Sagen Sie uns: Geht es beim Tarif mehr als um die Sorge um den Besitzstand?

Die Besitzstandswahrung ist nicht unser Ziel, denn die Tarifsituation und die Taxpunktwerte sind aktuell so prekär, dass wir uns mittelfristig mit dem Besitzstand nicht mehr über Wasser halten können. Aktuell können wir mit harten Zahlen, die auch das BFS kennt, zeigen, dass im Kanton Solothurn mit dem aktuellen Tarif der Taxpunktwert um 8 Rappen erhöht werden müsste, damit wir das 1998 erhobene und 2003 vom Bundesrat, dem Preisüberwacher und den Versicherern übereinstimmend als gerechtfertigt akzeptierte Referenzeinkommen wieder erzielen könnte. Stand 1998, ohne Teuerung!

Umgekehrt gefragt; Wie gross ist der Anteil an echter Sorge um die Zukunft der Grundversorgung beim Ärzteprotest?

Sie ist bekanntlich in vielen Regionen bereits prekär. Wir sind aber nicht nur um die Grundversorgung in Sorge, sondern generell um die Zukunft der gesamten freiberuflichen Ärzteschaft, die offenbar vom Bund zum Verschwinden gebracht werden soll. Für die Mehrzahl unserer Patientinnen und Patienten ist das drohende Zukunftsszenario, dass sie eines Tages keine niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte mehr haben werden, sondern wie in anderen Ländern anhand ihrer Wohnadresse einem staatlichen Gesundheitsambulatorium zugeteilt werden, eine absolut inakzeptable Vorstellung.

Üben Sie in der ganzen Diskussion auch ein Stück weit Selbstkritik? Oder bleibt die aussen vor?

Die Ärzteschaft war zu lange zu tolerant gegenüber den negativen Entwicklungen im BAG und hat sich zu wenig gegen die gezielten Fehlinformationen und Fehlinterpretationen gewehrt. Nun, da die Gesundheitspolitik des BAG und von Bundesrat Berset für die Arztpraxen zunehmend existenzbedrohend wird, sind wir gezwungen, uns anzupassen und ebenfalls einen etwas schärferen Ton anzuschlagen – auch wenn das eigentlich nicht unserem Stil entspricht.

Sie haben es trotzdem getan, unter anderem mit einer breiten Inseratekampagne, die mächtig Staub aufgewirbelt hat.

Ja, weil wir für echte Transparenz sind. Wir haben im Kanton Solothurn mit der schweizweit grössten Beteiligung aller Kantone an der Datenerhebung des BFS teilgenommen. Wir sind auch bereit, einen offenen und sachlichen Dialog über die Ärzteeinkommen zu führen. Aber fair, faktenorientiert und auf der Basis korrekter Datengrundlagen.

Autor

Balz Bruder

Balz Bruder

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