«Ich habe meine Kaffeeration für heute schon gedeckt», kichert Martina Mercatali als Antwort auf die Frage, ob sie einen Kaffee möchte, und bestellt ein Mineralwasser. Ihre lebendige Art kommt aber sicher nicht nur vom Koffein. Man merkt ihr an, dass sie energievoll und aufgeweckt ist. Sie lacht und scherzt mit dem Fotografen, dann wird sie aber ernst und man merkt plötzlich, wie wichtig die Theaterarbeit für sie ist. «Die Theaterwoche ist der Hammer, das Beste, das ich je gemacht habe», strahlt sie, noch bevor sie den ersten Schluck nimmt.

Seit 26 Jahren gibt es die Schultheaterwoche schon, sie selber ist seit 2010 dabei. Jedes Jahr nehmen andere Klassen am Projekt teil, in der kantonalen Schultheaterwoche präsentieren sie die Ergebnisse der monatelangen Arbeit, während der ein Stück erarbeitet wird. «Durch das Theater kann ich die Kinder und Jugendlichen abholen, sie formen, sie bilden. Es tut gut, das Spielerische zurück in die Schulen zu bringen und die strikten Regeln aufbrechen. Theater, das ist nachhaltiges Lernen, denn es ist ein Erlebnis, ein Spiel, das ist etwas, das in den Köpfen der Kinder bleibt». Sie erzählt, dass sie den Lehrpersonen oft Mut zusprechen muss, wenn sie nicht gleich sehen, dass es Resultate gibt. Doch es gehe nicht ums Resultat, es gehe um den Prozess.

Die Kinder lernen fürs Leben

In diesem Prozess brächen die Rollenbilder in den Klassen auf, die Klasse beginne, sich neu zu definieren. Der laute Klassenclown und der schüchterne Junge mit der leisen Stimme stehen plötzlich auf Augenhöhe, die Klasse beginne, miteinander zu arbeiten und alle miteinzubeziehen, da sie alle auf das Gleiche hinarbeiten würden. Die ambulante Heil- und Theaterpädagogin beschreibt, wie sie in einer neuen Klasse zu Beginn immer mit dem selben Spiel anfange. Es sei ein Spiel, in dem es nicht um Intelligenz geht und in dem alle Fehler machen. Dies sei immer die allererste Lektion sagt sie und imitiert den Spruch, den sie den Kindern immer vorträgt und den sie oft schon von Weitem hört, wenn sie zum zweiten Mal in eine Klasse kommt: «Oje, das war ein Fehler. Aber macht nichts, es kommt schon gut».

Überhaupt arbeite sie ohne Wertungen. Falsch gebe es im Theater nie, höchstens, dass man etwas noch klarer darstellen oder anders artikulieren müsse. Diese Haltung übernähmen die Schüler auch immer sehr schnell und statt die Mitschüler auszulachen, würden sie beginnen, konkrete Verbesserungsvorschläge zu machen. Gleichzeitig lernten die Schüler auch, die Grenzen ihrer eigenen Fähigkeiten zu akzeptieren. «Ich bekomme immer wieder Rückmeldungen von Lehrpersonen, die sich bei mir bedanken und meinen, die Klasse habe sich seit der Schultheaterwoche komplett verändert, die Schüler und das Klima in der Klasse seien oft nicht wiederzuerkennen», berichtet sie.

Durch das Theaterprojekt komme es auch oft zu mehr Integration in der Klasse. Die Schüchternen gehören plötzlich dazu, Kinder, die weniger gut Deutsch können, können sich durch Pantomime genau gleich gut ausdrücken wie die anderen. Mercatali grinst über beide Ohren, als sie einen ihrer diesjährigen Lieblingsmomente schildert: Ein schüchternes arabischsprachiges Mädchen, das im Theaterstück auf Arabisch auf Drei zählt und so den Startschuss für die anderen Kinder gibt, ist plötzlich stolz auf sich selber, weil sie eine wichtige Rolle hat und es gut kann.

Das Leben als Theaterbühne

Das Allerwichtigste sei es, die Schüler voll einzubinden. Die Stücke, die die Kinder spielen, entstehen immer erst während der gemeinsamen Lektionen, nach vorgeschriebenen Stücken wird nie gespielt. Jene Themen, die den Klassen gerade wichtig sind, werden in Szenen verpackt. «Das Leben ist eine Theaterbühne», ruft sie, aus Situation aus dem echten Leben entstehe ein Theaterstück. Mercatali erklärt, dass nur so die Kinder richtig dabei seien und Freude hätten, sonst würden sie nur rezitieren, ohne Spass zu haben und ohne zu verstehen, was Theater wirklich ist. «Die Schüler sollen lernen, lustvoll Dinge zu tun, die nutzlos sind», meint sie.

Das seien Lektionen, die die Lehrpersonen den Klassen mit den herkömmlichen Methoden nicht vermitteln könnten. Auch in anderen Bereichen würden Klassen eingebunden werden: Seit einigen Jahren übernimmt immer eine Kantiklasse die Berichterstattung zur Theaterwoche und das Zirkuszelt wird von einer Klasse aus dem Schulhaus Schützenmatt aufgestellt und abgebaut. Bei der Frage, ob sie sich auf die Schultheaterwoche kommende Woche freue, beginnt Mercatali wieder zu strahlen: «Mega. Und die Klassen freuen sich noch mehr! Und ganz aufgeregt sind sie auch schon.»

Die kantonale Schultheaterwoche findet vom 11. bis 14. Juni im Schloss Waldegg statt. Insgesamt 16 Produktionen, erarbeitet von Klassen von Kindergarten bis Oberstufe aus dem ganzen Kanton, werden aufgeführt. Die Aufführungen sind öffentlich und kostenlos. Das Programm finden Sie unter www.schultheaterwoche.ch