Martje Lanz hat eine gemischte Kundschaft. Die erfahrene Psychiatrie-Pflegefachfrau mit holländischen Wurzeln betreut Personen mit Depressionen, Schizophrenie und Suchterkrankungen. Auf den ersten Blick aussergewöhnlich ist an ihrem Job: Lanz arbeitet bei der Spitex Gäu. Denn diese bietet auch psychiatrische Pflege und Betreuung an.

Sechs auf Psychiatrie ausgebildete Fachkräfte, fünf Frauen und ein Mann, betreuen in 190 Stellenprozenten rund 30 Klientinnen und Klienten im eigenen Versorgungsgebiet und für diverse andere Spitex-Organisationen. Zum nationalen Spitex-Tag gibt das PsychiatriespitexTeam Einblick in ein junges Tätigkeitsfeld, das zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Zurück ins Leben

Der Besuch bei einer Klientin in einem Dorf im Gäu zeigt: Suchterkrankungen präsentieren sich ganz unterschiedlich. Nicht immer gehen sie mit Elend und Chaos einher. Frau P.* ist eine gutaussehende, sehr gepflegte Frau im mittleren Alter. Bis vor wenigen Jahren war sie eine tüchtige Geschäftsfrau. Nach dem Tod der Mutter wurde sie depressiv, dazu kamen familiäre Probleme, und sie verlor die Kontrolle über ihren Alkoholkonsum. Stationäre Aufenthalte in der Psychiatrie folgten. Seit Martje Lanz sie betreut, seit dem Frühling 2017, bekommt Frau P. ihr Leben langsam wieder in den Griff.

«Wie wars bei der Hochzeit?», fragt Martje Lanz die Klientin, als sie mit ihr auf der schattigen Terrasse Platz genommen hat. «Sehr schön, aber zum Schluss ziemlich anstrengend», antwortet Frau P. Ein fröhliches Fest mit Verwandten und Bekannten – und ohne Alkoholexzess. Nur einige Gläser Wein habe sie getrunken, sagt P. Sie freut sich mit der Betreuerin über diesen gesellschaftlichen Erfolg.

Nach diesem Einstieg ins Gespräch kontrolliert Lanz die Medikamente-Wochenbox. «Alles in Ordnung und am richtigen Platz», lobt die Pflegefachfrau nach einem langen Blick durch den transparenten Deckel. Doch ihr Gegenüber ist noch nicht zufrieden, streckt zwei unterschiedlich grosse Tabletten über den Tisch und will wissen, wann sie welche nehmen soll. Ein Glück, dass Frau P. die Frage gestellt hat: Es zeigt sich nämlich, dass die Apotheke ihr zwar das richtige Antidepressivum ausgehändigt hat, doch in der falschen Dosierung – was unter dem Deckel der Medikamentenbox verborgen geblieben wäre. Martje Lanz verspricht, sich sofort darum zu kümmern.

Sicherheit dank enger Begleitung

Da Frau P. besonders dann trinkt, wenn ihr die Tagesstruktur fehlt, bemüht sich die Spitexfrau um abwechslungsreiche wöchentlich wiederkehrende Termine für sie. Zwei Tage verbringt sie in der Tagesklinik, einmal steht Physiotherapie auf der Agenda und einmal Ergotherapie. Neu möchte Frau P. ihr Flair fürs Basteln und für Ästhetik einen Nachmittag pro Woche als Freiwillige in einem Pflegeheim einbringen. «Gerade für die Prävention ist die Psychiatriespitex wertvoll», erklärt Martje Lanz. «Ich treffe Frau P. zweimal pro Woche für eine Stunde. Diese enge Begleitung gibt den Klienten Sicherheit.»

Auch Hausaufgaben gibt es bei der Psychiatrie Spitex. Bei Frau P. ist das die Führung eines Wochenplans auf Papier, den die zwei Frauen zusammen ausfüllen. «Wie wäre es, ein Tagebuch zu führen?», regt Lanz zudem an. Doch da ist Frau P. skeptisch. Sie hat das Gefühl, das gehe derzeit über ihre Kräfte. Dann ist die Stunde auch schon vorbei und Martje Lanz verabredet mit ihr den nächsten Termin drei Tage später.

Von den rund 350 Kunden der Spitex Gäu beziehen ungefähr 30 Psychiatrieleistungen. «Dabei werden die Klienten entweder ausschliesslich psychiatrisch betreut oder zusätzlich zu den somatischen (den Körper betreffenden) Leistungen», erklärt Franziska Thomet, Leiterin der Psychiatriespitex Gäu. 65 Prozent Frauen und 35 Prozent Männer nehmen diese Leistungen in Anspruch. 70 Prozent der Klienten sind zwischen 20 und 64 Jahre alt. Meistens dauere die Betreuung im Psychiatriesektor mehrere Jahre, eine Begleitung von weniger als drei Monaten sei selten.

Hinter die Fassaden gehen

Die Psychiatriespitex pflegt den Austausch mit den Behörden, mit den Hausärzten, Psychiatern und Psychologen der Klienten und bezieht auch deren Angehörige in die Arbeit ein. Alle zwei Wochen trifft sich das Team zur Besprechung in Oensingen. Abwechselnd präsentieren die Mitarbeitenden anonymisiert einen Fall, bei dem sie anstehen, über das Vorgehen unsicher sind oder bei dem sie schlicht Ermutigung von den Kolleginnen brauchen. Besonders die Balance zwischen geduldiger Ermutigung und Druck ist für die Fachkräfte eine Herausforderung; depressive oder traumatisierte Menschen können gewisse Dinge nicht leisten, doch den Zeitpunkt zu erkennen, wann Besserung eintritt und die Anforderungen erhöht werden können, das ist nicht immer einfach.

Im Rahmen der Sitzung besteht auch die Möglichkeit, Frust loszuwerden. Denn dieser ist bei der psychiatrischen Arbeit immer wieder Thema. Teamleiterin Franziska Thomet sagt dazu: «Manche Klienten entwickeln unglaubliche Strategien, um Fassaden aufrechtzuerhalten.» Die Fassade eines geordneten Alltags etwa oder die Fassade eigener Hilflosigkeit, die dazu führt, dass einem Dinge abgenommen werden, die man nicht tun will. Im ersten Fall ist Scham die Antriebsfeder, im zweiten Bequemlichkeit.

*Initial von der Redaktion geändert