Roman
Die letzten Stunden eines unkonventionellen Geschwisterpaars

Der Flugpionier Oskar Bider und seine Schwester Leny starben am selben Tag. Über ihre letzten Stunden hat der Grenchner Aviatikjournalist Peter Brotschi seinen ersten Roman geschrieben: «Biders Nacht» heisst er.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Kurz nachdem Oskar Bider mit dem Flugzeug abgestürzt war, setzte seine Schwester Leny ihrem Leben mit einem Revolver ein Ende.

Kurz nachdem Oskar Bider mit dem Flugzeug abgestürzt war, setzte seine Schwester Leny ihrem Leben mit einem Revolver ein Ende.

zvg

Die Roman-Idee ist bestechend: Wie verbrachte der legendäre Schweizer Flugpionier Oskar Bider die letzten 12 Stunden seines Lebens? Es war tatsächlich eine Roman-artige letzte Nacht, die Oskar Bider zusammen mit seiner Schwester Leny und sieben Freunden vom 9. auf den 10. Juli 1919 in Restaurants und Bars in Zürich verbracht hatte. Denn am Morgen des 10. Juli verlor der Pilot aus heute noch unerklärlichen Gründen bei einem Flug sein Leben und nur ein paar Stunden später setzte auch dessen Schwester Leny ihrem Leben mit einem Revolver ein Ende, kurz nachdem sie vom Tod des Bruders erfahren hatte.

Peter Brotschi schildert die freundschaftlichen Bande der Gruppe, von denen alle, bis auf die Figur von Rosa Hafner, auch in Wahrheit bei den letzten Stunden Biders mit dabei waren. Rosa Hafner entspringt der Fantasie des Autors. Sie sei an seine Grossmutter angelehnt, welche eine Zeitgenossin Biders war und in Balsthal, nur zwei Dörfer entfernt von Biders Wohnort Langenbruck, gelebt habe, wird im Klappentext erklärt. Bider und seine Freunde feiern an diesem Abend dessen Abschied aus der Militärfliegerei. Er hat vor, die Fliegerei in der zivilen Welt weiter zu etablieren, und ist dazu Geschäftsleitungsmitglied der neu gegründeten Ad Astra geworden. Noch steckt die Fliegerei in den Kinderschuhen, aber die Freunde erkennen das grosse Potenzial dieser Fortbewegungsart für die Menschheit. Zitat: «Der Mensch kann erst seit ein paar Jahren fliegen. Das wird er nie mehr hergeben. Zu lange hat er davon geträumt.» Insbesondere die zivile Fliegerei soll den Menschen in Friedenszeiten nutzbar sein, denn (Zitat): «Es gefalle ihm (Bider) gar nicht, was das Militär aus dem Flugzeug gemacht habe. Der Kampf im Jagdflugzeug von Mann zu Mann gehe noch an. Aber die Bombenabwürfe, das Streuen des Todes, das ungezielte Vernichten von allem aus der Luft, von Mann, Maus, Häusern, Gärten sei ihm völlig zuwider.» Immer wieder kommen Biders Depressionen und Ängste zur Sprache, denn bis heute ist nicht geklärt, ob sein Flugunfall nicht doch mit Absicht herbeigeführt wurde.

Lenys Angst, ihre Selbstständigkeit zu verlieren

Geheimnisvoll bleibt auch die enge Beziehung von Leny Bider zu ihrem Bruder Oskar. Leny, die künstlerisch ambitioniert ist, und auch als Schauspielerin schon in Erscheinung getreten ist, soll in Kürze einen ungeliebten Mann heiraten und damit ihre Selbstständigkeit aufgeben. In der damaligen Zeit eine Normalität – für Leny Bider aber nicht zu ertragen.

Mit der Figur der Rosa Hafner webt Brotschi eine Menge Lokalkolorit in die Geschichte ein. Balsthal, das Thal und Langenbruck kommen zur Sprache und heimeln an. Interessant ist es auch, die Hierarchie in der Gruppe mitzuverfolgen. Da spürt man, dass der Autor selbst Flughistoriker ist und die damaligen Gepflogenheiten kennt und erforscht hat.

So ist Peter Brotschi nicht nur ein flott zu lesender Roman über Biders letzte Nacht gelungen, sondern auch eine kurzweilige Geschichte der Fliegerei in der Schweiz, zu deren Flugzeugentwicklungen, den Ingenieuren dahinter sowie ihren Errungenschaften wie beispielsweise der Erfindung der Armbanduhr. Weiter bleiben philosophische Gedanken um die Zukunft der Fliegerei des Grenchner Autors und dessen politisches Anliegen, die Landschafts-Zubetonierung, nicht unausgesprochen. Wer allerdings noch mehr über Leny Biders Leben erfahren will, dem sei Margrit Schribers Buch «Das zweitbeste Glück» empfohlen, welches 2011 erschienen ist.

Brotschi, Peter: «Biders Nacht», Olten, Knapp-Verlag. 223 Seiten, Fr. 24.80.