Gastkolumne

Die Leiden eines Christstollens

Das Leiden einer Christstolle.

Das Leiden einer Christstolle.

Hans-Jörg lebt zusammen mit seiner Ehefrau in einer sächsischen Kleinstadt zwischen Dresden und Leipzig. Seit geraumer Zeit ist er pensioniert. Sein – schon vor längerer Zeit verstorbener – Onkel war Ende der Fünfzigerjahre zunächst in den Westen Deutschlands und anschliessend in die Schweiz umgezogen. Nach dem Mauerbau waren er und der Rest seiner in der damaligen DDR wohnhaften Verwandtschaft getrennt. So gut als möglich blieben sie weiterhin in Kontakt. Wenn er die bürokratischen Hürden des real existierenden Sozialismus überwinden konnte, liess er ihnen – auf welchem Weg auch immer – Schokolade, Kaffee und andere Köstlichkeiten, zukommen.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind Kaffee und Schokolade auch im Gebiet der ehemaligen DDR problemlos erhältlich. Gleich wie früher – nur umgekehrt – liess jetzt Hans-Jörg seinem Onkel und dessen Ehefrau jeweils zu Weihnachten einen Christstollen zukommen. Nachdem nun beide verstorben sind, erhalte ich – die einzige Person, die er in der Schweiz noch kennt – den Stollen. Wer beginnt, davon zu essen, wird süchtig danach: So fein schmeckt er!

Am 25. Dezember schrieb Hans-Jörg ein E-Mail mit den herzlichsten Grüssen. Der traditionelle Christstollen habe es trotz rechtzeitigem Versand leider nicht bis zu Weihnachten zu uns geschafft. Die Hürden der Post und des Zolls scheinten schier unüberwindlich zu sein. Er hoffe, er schmecke auch noch später und habe sich nicht im Krümel aufgelöst. Um den schneckenmässigen Transport nachverfolgen zu können, überliess er mir zudem die Sendungsverfolgungsnummer.

Der Sendungsverfolgungsnummer kann entnommen werden, dass Hans-Jörg die Sendung am 11. Dezember an seinem Wohnort der Post übergab. Am 12. Dezember ist der Abgang an der Grenzstelle im Aufgabeland verzeichnet. Dann folgen Hinweise auf die «Ankunft Bestimmungsland», den Verzollungsprozess in Urdorf, den Abschluss des Verzollungsprozesses, eine Sortierung und Weiterleitung der Sendung, eine Datenübermittlung, eine weitere Sortierung und dann eine Sortierung in Härkingen. Am 28. Dezember klingelte endlich ein überaus freundlicher Postbote an der Haustür und übergab das Päckchen. Als ich anschliessend Hans-Jörg kontaktierte und dankte, meinte er lakonisch, er sei schon froh, dass der Stollen noch in diesem Jahrzehnt habe zugestellt werden können.

Die Hinweise von Hans-Jörg auf die schier unüberwindlichen Hürden von Post und Zoll treffen den Nagel auf den Kopf, brauchten diese doch nach der Ankunft in der Schweiz mehr als zwei Wochen, um das – im Übrigen mit deutscher Gründlichkeit ordentlich adressierte und deklarierte – Päckchen zuzustellen. Wäre es nicht das erste Mal, könnte darüber hinweggesehen werden. Aber auch in den beiden vorangegangenen Jahren war es nicht besser. Die massive Kritik, die im vergangenen Jahr auf die Post niederprasselte, ist in jeder Hinsicht berechtigt. Die Mitarbeiterinnen an der Front – Schalter und Zustellung – leisten zwar ausgezeichnete Arbeit. Aber weiter oben scheint man vergessen zu haben, was zu einer guten Dienstleistung gehört. Ich habe den Eindruck, die Post ist in den letzten Jahren zu einem Gemischtwarenbetrieb verkommen, der sein Kerngeschäft nicht mehr beherrscht.

Früher war die Zustellung in Staaten des real existierenden Sozialismus fast unmöglich. Heute sind im umgekehrten Fall das grösste Hindernis bei solchen Zustellungen die hohen bürokratischen Hürden der Schweizer Post. Es tut mir weh, dies unseren Freunden in Ostdeutschland, welche – soweit ersichtlich – die Schweiz im Allgemeinen als mustergültiges Land wahrnehmen, eingestehen zu müssen. Zugegeben: Die Digitalisierung ist auch für die Post eine grosse Herausforderung. Briefe werden immer weniger versandt und auch diese Zeitung wird schon seit längerem nicht mehr durch einen Verträger der Post zugestellt.

Allenfalls ist die Digitalisierung aber gerade die Lösung der Probleme der staatlichen Post. Vielleicht werden deren Dienste, die sie aktuell so schlecht beherrscht, dereinst gar nicht mehr benötigt. Auch der Untergang der seinerzeitigen Schweizerischen Fluggesellschaft – der Swissair – hat aus heutiger Sicht unserem Land ja nicht geschadet!

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